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Fünfzig Jahre Widerstand

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Von: Claudia Michels

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Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf kam in den Club Voltaire zur Lesung, "erstmalig in der BRD".
Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf kam in den Club Voltaire zur Lesung, "erstmalig in der BRD". © privat/Verein Club Voltaire

Politik bei Schmalzbrot und Flaschenbier: Der Club Voltaire, benannt nach dem Vertreter der Aufklärung, in Frankfurt ist der älteste in Deutschland und seit 50 Jahren Ort für den politischen Diskurs. Wie Heiner Halberstadt und Else Gromball den Club Voltaire am Leben hielten.

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Frankfurts Jugend schafft sich ein Domizil“, titelt die Frankfurter Rundschau am 1. Dezember 1962. So tritt an jenem Wintertag „ein Klub, der sich im Untertitel auch ,Club Voltaire’ nennt“, in die Stadtgeschichte ein. Das Kriegsende 1945 ist keine zwei Jahrzehnte vorbei; „zentrale Treffpunkte, wo man auch einmal ein Tänzchen wagen kann“, fehlen laut Bericht in der ruinierten Stadt. Nun gibt es gegen den Mangel einen Verein, den „Politisch-Literarischen Club“, gegründet von „zahlreichen jungen Menschen: Studenten, Arbeitern und Angestellten“. Ein „Ort der Begegnung“ soll her. Die FR ist „erfreut, das mitteilen zu können“.

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„Und dann war da dieses leere Häuschen. . .“, blickte Heiner Halberstadt am Samstagnachmittag im Karmeliterkloster zurück, einer der dabei war. Ihm gegenüber saßen reihenweise junge Leute von einst, in Ehren ergraut, beim Frankfurter „Erzählcafé“. An der Kleinen Hochstraße Nummer 5 tat sich für den Club die Adresse auf, „200 Jahre alt, und hintendran ein Teil der Stadtmauer“.

Heute, „bei dem ganzen Ambiente drum herum“, sieht Moderator Michael Fleiter vom Institut für Stadtgeschichte den Club als „ein Fossil“. Denn auf den Trümmergrundstücken von damals verläuft „die immer eleganter und teurer werdende Fressgass’ Richtung Opernplatz“.

Kopf und Herz

Ganz sicher ist Else schuld, dass das Fossil „noch lebt“, wie Fleiter analysierte. War der heimatlose Dortmunder Heiner Halberstadt der politische Kopf, war Else Gromball aus dem Gallusviertel in dem Laden das Herz. Und der Verstand. Der Heiner will im Club „endlich frei diskutieren und Antworten finden“.

Die Else aber hat „irgendwann gemerkt: da ist ja Miete fällig“. Während also Heiner am Konzept für „ein linkes Oppositionszentrum gegen den Konservatismus“ der Adenauerzeit feilt, versucht Else, mit dem Wirtschaftswunder Schritt zu halten. Eine riesige Kaffeemaschine wird angeschafft. Kaum ist sie da, stellt sich raus: „Es gab ja überhaupt keinen Wasseranschluss.“ Kaum ist das Gerät weg, nämlich im Keller, steht der Kaffeemaschinen-Vertreter am Tresen und verlangt Bares: Laut Vertrag war man „zur Abnahme von sechs Zentnern Kaffee“ verpflichtet. „Das Kleingedruckte hatte keiner gelesen.“

„So fing das an, mit dem Abbezahlen“, erzählt Else Gromball. Die Schulden des Club sind so legendär wie das Programm. Bier aus Flaschen, Soleier und Schmalzbrote, mehr gibt es nicht – „und Toastbrote, das war damals sehr modern“. Draußen aber, in der Apotheke, beim Finanzamt oder bei der Polizei, weiß sie „einen exklusiven Arbeitgeber“ hinter sich – da grüßt man sie mit: „Ei gude wie, Frau Voldär!“

Andreas Bader meldet sich "lautstark im Club"

Der Heiner ist unterdessen „mit den zwei gesellschaftlichen Systemen in Ost und West“ beschäftigt, lädt trotz „Kalten Krieges“ die DDR-Autorinnen Christa Wolf und Anna Seghers, die Schriftsteller Volker Braun und Stephan Hermlin „erstmalig in der BRD“ zu Lesungen ein. Da steht der Club im Verdacht der „kommunistischen Infiltration“.

Die Else rätselt derweil über den Umgang mit einer Schachspielerclique, die regelmäßig alle Tische belegt, aber nur mal einen Kaffee bestellt: „So nett die waren, ich musste sie loswerden.“ Die Else trägt Plakate für die Schwulengruppe aus, die für ein Festival „Homolulu“ werben will, sich aber nicht raustraut: „So verklemmt waren die; da haben einfach wir die Plakate hingehängt.“

Die Else hält es mit „der internationalen Solidarität“, reist mit Geld für die griechische Widerstandsbewegung nach Athen, liefert alles ab, sitzt aber fest, kommt wieder raus – und wird „zehn Jahre nach der Junta von der griechischen Regierung geehrt“. Auch das lokale Geschehen hat in der Kleinen Hochstraße Resonanz. Nach den Kaufhaus-Brandstiftungen meldet sich Andreas Bader „lautstark im Club“. Nach der „Aktion Heimerziehung“ werden die befreiten Jugendlichen dort abgesetzt „und verlangen Bier“.

Die Geschichten wollen nicht enden, aber dann ist das Erzählcafé doch vorbei, die Jungen von einst ziehen zu Käsestangen und Wein in den Kloster-Kreuzgang um. Die Frage aller Fragen steht an: Wie bloß konnte der Club Voltaire, mehrfach pleite, mehrfach bedroht, von allen Seiten umbaut, überleben? Es war die Hausbesitzerin, die den Verein in den Räumen der Schlosserei ihres Vaters nicht untergehen ließ. Sie war dort geboren und ist „Gott sei Dank sehr alt geworden“.

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