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„Es gibt keinen Plan(eten) B“: Schülerinnen protestieren Anfang Februar in Wiesbaden.

Demos

Sorge um die Zukunft

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Die Aktivisten von „Fridays for Future“ eint die Angst vor dem Klimawandel.

Im Grunde versteht Helen nicht einmal die Frage. Es sei doch sonnenklar, warum sie sich für mehr Klimaschutz engagiere und dafür auch auf die Straße gehe. „Klimawandel ist eine Bedrohung für unseren Lebensraum Erde“, sagt die 16-jährige Schülerin. „Nichts dagegen zu tun, ist definitiv keine Lösung.“ Außerdem werde sie selbst ja noch miterleben, wie das Leben auf der Erde sich durch den Klimawandel verändere. „Im Gegensatz zu der Generation, die derzeit darüber bestimmt, bin ich Teil der Generation, die noch eine ganze Weile auf diesem Planeten zu leben hat.“ Den Älteren, die aktuell die Politik bestimmten, traue sie nicht zu, dem Klimawandel zu begegnen, sagt Helen. „Die verschlafen das total.“

Um ihrer Forderung nach einer besseren Klimaschutzpolitik Nachdruck zu verleihen, will Helen am heutigen Freitag wieder dem Schulunterricht fernbleiben, um zu demonstrieren. Zum fünften Mal ruft die Frankfurter Ortsgruppe der mittlerweile weltweit wachsenden Protestbewegung „Fridays for Future“ zu einem Protestzug für mehr Klimaschutz auf. Diesmal sammelt die Demonstration aus Schülerinnen, Schülern und Studierenden sich um 10 Uhr an der Bockenheimer Warte und will dann zum Römerberg ziehen. Die Veranstalter erwarten mindestens 500 junge Menschen. Am jüngsten Protestzug vor einer Woche waren allein in Frankfurt mehrere Hundert Teilnehmer auf der Straße; Proteste gab es außerdem in Wiesbaden, Kassel, Marburg und Wetzlar – und im ganzen Bundesgebiet.

Planung über Whatsapp

Die Frankfurter Ortsgruppe sei spontan aus einem Whatsapp-Chat entstanden, in dem es zunächst nur um Informationen zu den „Fridays for Future“ ging, erzählt László Boroffka. Der 19-Jährige aus Dreieich, der an der Frankfurter Goethe-Universität Politikwissenschaft studiert, ist Teil der etwa zwölfköpfigen Gruppe, die die Proteste in Frankfurt hauptsächlich organisiert. Alle hätten sich für die Idee der 16-jährigen Schwedin Greta Thurnberg begeistert, freitags nicht zur Schule, sondern stattdessen protestieren zu gehen, sagt Boroffka. Und dann sei der Organisations-Chat entstanden, über den die Ortsgruppe sich bis heute vor allem koordiniere. Auch Boroffka richtet einen Appell an die Politik: „Wenn ihr da oben euch nicht um die dringenden Probleme kümmert, müssen wir das selbst in die Hand nehmen.“

Er freue sich, dass es der Bewegung bereits gelungen sei, Aufmerksamkeit zu erregen und das drängende Thema Klimaschutz in die Öffentlichkeit zu rücken, sagt der 19-Jährige. Und er könne die Kritik an den „Fridays for Future“, die sich etwa am bewussten Fernbleiben vom Unterricht entzündet, nicht nachvollziehen. „Der Jugend wird häufig vorgehalten, dass sie politikverdrossen sei und sich nicht engagieren würde“, sagt Boroffka. „Und dann gibt es so eine Bewegung, und dann ist es auch wieder nicht recht.“ Obwohl die Bewegung divers sei, könnten sich alle darauf einigen, dass mindestens die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens schnell umgesetzt werden müssten. Man wolle weiter demonstrieren, „bis eine Politik gemacht wird, mit der wir uns zufriedengeben können“.

Bei den Eltern ist das Thema inzwischen auf jeden Fall auch schon angekommen. Richtig begeistert sind sie von den Demos nicht. „Die Idee dahinter ist ja gut“, sagt Stadtelternbeirat Eckhard Gathof. Nur die Ausführung lasse Eltern zweifeln. „Es ist einfach während der Schulzeit nicht akzeptabel.“ Zu einer späteren Uhrzeit seien Demonstrationen schließlich auch noch medienwirksam. Oder aber das Thema Klimawandel und der Protest würden in den Politikunterricht eingebunden. „Es könnten ja abwechselnd die Schulen in Frankfurt im Rahmen des Unterrichts demonstrieren“, sagt Gathof. Eine Art Ausflug zur politischen Bildung.

Bernhard Mieles sieht die Proteste der Schülerinnen und Schüler recht gelassen. „Man kann da Verständnis zeigen oder auch nicht“, sagt der Leiter des Frankfurter Lessing-Gymnasiums. Die Gründe für die Demos findet er aber „absolut nachvollziehbar“. An seiner Schule sei das Thema aber noch gar nicht richtig angekommen. „Überraschenderweise, denn die derzeitige Schülervertretung ist sehr politisch.“ Doch auch wenn er es nachvollziehbar findet, dass die Schülerinnen und Schüler für eine bessere Zukunft demonstrieren, „sie haben nun einmal eine Schulpflicht“. Wenn sie dieser nicht nachkommen, dann seien das eben unentschuldigte Fehlstunden. „Es gibt aber keinen zusätzlichen Rüffel“, sagt Mieles.

Auch am Goethe-Gymnasium verspürt Leiter Claus Wirth „noch keine Strömung“. Zumindest hätten noch keine Eltern darum gebten, die Kinder freitags freizustellen. „Das kann ich ohnehin nicht tun, das ist untersagt“, sagt er. Die Teilnahme an einer Demo während der Schulzeit sei eben „ein Akt des Ungehorsams“. Und wenn die Schüler nicht da sind, dann sind das Fehlzeiten. Doch Volljährige könnten sich auch selbst entschuldigen, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren müssen für Fehlzeiten eine Entschuldigung der Eltern anbringen.

Im Stadtschülerrat findet man die Bewegung gut, sagt Stadtschülersprecher Paul Harder. Er selbst hat auch schon an den Demos teilgenommen und kann die Argumentation für einen Protest während der Schulzeit nachvollziehen. „Klar, es lohnt sich ja nicht, zur Schule zu gehen, wenn in 30 Jahren die Welt untergeht.“ Doch er glaubt, dass es möglicherweise besser wäre, außerhalb der Schulzeit auf die Straße zu gehen. „So kann man den Vorwürfen entgegenwirken, dass die Schüler freitags nur die Schule schwänzen wollen“, sagt er.

Hintergrund: Freitags für die Zukunft

Der Schulstreik fürs Klima, teils auch „Fridays for Future“ genannt, ist eine weltweite Bewegung von Schülern und Studierenden, die sich für mehr Klimaschutz einsetzen. Ihr Vorbild ist die 16-jährige schwedische Schülerin Greta Thunberg, die seit August 2018 immer wieder freitags dem Unterricht fernbleibt, um vor dem Parlament in Stockholm für die Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens zu protestieren. Thunberg wurde durch ihre Auftritte bei der UN-Klimakonferenz in Katowice und beim Weltwirtschaftsforum in Davos weltweit bekannt.

Die Proteste gibt es mittlerweile in vielen Staaten weltweit, seit vergangenem Dezember auch in Deutschland. Die zentrale deutsche Webpräsenz fridaysforfuture.de verzeichnet inzwischen schon mehr als 100 Ortsgruppen, die sich meist über Whatsapp-Chats organisieren. han

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