+
Am feierlichen Begräbnis hat die ganze Stadt teilgenommen.

Offenbach

Offenbachs vergessener Mystiker

  • schließen

Jakob Frank war ein messianischer Religionsführer. Für seine Anhänger war Offenbach drei Jahre lang ihr geistiges Zentrum. Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk hat sich auf Spurensuche begeben.

Von den einen als neuer Messias vergöttert, von den anderen als Sektenhäuptling und Hochstapler verdammt und verfolgt: Jakob Frank war eine schillernde Gestalt. 1787 kam der charismatische Religionsführer nach Offenbach und bezog samt 800-köpfiger Gefolgschaft das Isenburger Schloss. Seine wunderlichen Zeremonien erregten das Aufsehen der Bürger. Doch heute ist der Mystiker so gut wie vergessen. Zu unrecht, denn drei Jahre lang war die Stadt für Zehntausende seiner Anhänger in ganz Europa ein geistiges Zentrum.

Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk hat seinen Geist kürzlich bei einer Lesung an den Ort seines letzten Wirkens zurückgebracht. Ihr Werk „Die Jakobsbücher“ erzählt die Lebensgeschichte des selbsternannten Propheten und wurde 2015 mit dem bedeutendsten polnischen Literaturpreis „Nike“ gekürt.

Ende der 90er Jahre stieß die studierte Psychologin in einem Antiquariat zufällig auf das unscheinbare „Buch der Worte des Herrn“, in dem Frank seine Visionen in volkstümlicher Sprache, in Gleichnissen und Träumen beschreibt. Fasziniert von dem Text, wollte sie dem jüdischen Sektenführer einen Essay widmen. Immer tiefer zog es die Autorin in die geheimnisvolle Geschichte hinein: „Ich bin einer Obsession zum Opfer gefallen,“ schmunzelt Tokarczuk.

Acht Jahre hat sie letztendlich der Welt von Frank und seinen Zeitgenossen gewidmet. Es entstand ein fast 1000-seitiger historischer Roman, der eine krisenhafte Welt an der Schwelle zur Moderne beschreibt.

Die Stadt Offenbach war nur die letzte Etappe auf Franks bewegtem Lebensweg. In eine verarmte jüdische Händlerfamilie im polnisch-osmanischen Grenzgebiet geboren, wurde er nach Aufenthalten in Bukarest, Istanbul und Saloniki schon früh der Anführer einer prophetischen Sekte. Bald betrachtete er sich sogar als menschliche Inkarnation Gottes.

Frank begründete einen religiösen Kult, dem mystische Grenzerfahrungen wichtiger waren als theologische Gelehrsamkeit, das Rabbinat und die Heilige Schrift. Er prophezeite, ein neues messianisches Zeitalter sei angebrochen, in dem all das zum Gebot wird, was bisher verboten gewesen war. Radikale Religionspraktiken, zu denen auch Orgien und groteske Zeremonien gehörten, führten ihn an die Grenze des Nihilismus.

Das Judentum ließ Frank jedenfalls hinter sich. Er konvertierte erst zum Islam und ließ sich später mit seinen Anhängern christlich taufen. Die Religionen waren ihm wie Schuhe, die man auf dem Weg zum Herrn auswechseln könne.

Kein Wunder also, dass sich die Frankisten mit allen überwarfen: mit dem talmudischen Establishment, den chassidischen Zaddikim, dem türkischen Sultan, dem polnischen König und Kaiser Joseph II., der mit Franks Tochter Eva eine Zeitlang verkehrte. Der Fürst von Isenburg, ein Freimaurer, gewährte den Flüchtlingen schließlich in Offenbach Asyl. Hier erst wurden die Sonderlinge respektiert und geschätzt.

„Die Figur Frank nimmt eine Vielzahl moderner Fragen vorweg“, sagt Tokarczuk. „Begegnung mit dem Fremden, Glaubensübertritte, soziale Emanzipation, selbst Zionismus und Feminismus lassen sich hier finden.“ Es sei eine europäische Geschichte, die sich jeder Eindeutigkeit verwehrt.

Dass Frank dennoch in Vergessenheit geraten ist, habe drei Gründe, erklärt die Autorin: „Den Juden war er ein Häretiker, den Christen ein Betrüger. Und von den eigenen Anhängern wurde er vergessen, weil sie sich erfolgreich assimiliert hatten.“ Rabbiner Mendel Gurewitz ist bereits seit 20 Jahren in Offenbach. „Seinen Namen habe ich noch nie gehört“, sagt er.

So verläuft auch nach Franks Tod seine Wirkungsgeschichte nur unterirdisch. Die Spuren seines Denkens reichen von der jüdischen Mystik in die polnische Romantik, das Freimaurertum und die osteuropäische Aufklärung hinein. „Selbst in Jerusalem gibt es ein Graffito“, erzählt Tokarczuk lachend. Neben seinem Gesicht sei ein Schriftzug zu sehen, auf dem steht: „Frank is not dead“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare