Titelseite der bis 1944 in Leipzig erschienenen „Illustrirten Zeitung“ mit einem meisterlichen Porträt von Carry und Nini Hess. Christoph Boeckheler
+
Titelseite der bis 1944 in Leipzig erschienenen „Illustrirten Zeitung“ mit einem meisterlichen Porträt von Carry und Nini Hess.  

Kultur

Frauen ohne Gesicht

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
    schließen

Das Museum Giersch sucht Bilder der einst berühmten Frankfurter Fotografinnen Nini und Carry Hess - von beiden gibt es nicht einmal mehr richtige Porträts.

Carry und Nini Hess waren in den Goldenen Zwanziger Jahren nicht nur die Fotografinnen von Stars und Sternchen, von berühmten Schauspielerinnen, Musikern, Dichtern und Politikern, die beiden Frankfurter Schwestern müssen selbst echte Stars gewesen sein, die man bewunderte und auf der Straße erkannte. Da ist die vielleicht bitterste Ironie, dass die fast völlig vergessenen Künstlerinnen heute nicht einmal mehr ein Gesicht haben – ausgerechnet zwei Fotografinnen.

„Von Nini Hess kennen wir eine einzige Fotografie, und die ist ausgerechnet während der Fastnacht entstanden und zeigt sie kostümiert und geschminkt“, sagt Susanne Wartenberg vom Frankfurter Museum Giersch der Goethe-Universität. „Von Carry Hess haben wir nicht mal ein Porträt, sondern nur eine Medaille mit ihrem Bildnis.“

Auch Aktfotografien schufen Carry und Nini Hess in den 1920er Jahren. .  

Nini, eigentlich Stefanie, geboren 1884, und ihre Mutter wurden von den Nazis in ein Konzentrationslager deportiert und ermordet, Cornelia, geboren 1889, die immer nur Carry genannt wurde, gelang zwar 1933 die Flucht nach Frankreich, doch überlebte sie die deutsche Besatzung nur knapp und verlor ein Auge. „Wir wissen nur, dass sie mit einem Mann aus dem Saarland verlobt war, der bei einer Razzia festgenommen und deportiert wurde. Von ihm kennen wir nicht einmal den Namen“, sagt Wartenberg.

In einem entwürdigenden Verfahren kämpfte Carry Hess nach dem Zweiten Weltkrieg lange vergeblich um eine „Wiedergutmachung“. Kurz nachdem ihr schließlich doch noch eine Rente zugesprochen worden war, starb sie 1957. Das Atelier im fünften Stockwerk des immer noch stehenden, prachtvollen Strauß-Hauses an Frankfurter Goetheplatz/Ecke Biebergasse hatten die Nazis in der Pogromnacht 1938 verwüstet, das Archiv mit allen Fotografien und Negativen zerstört.

Wartenberg und der Fotografie-Experte Eckhardt Köhn beschäftigen sich intensiv mit dem Schicksal der beiden Schwestern und planen eine Ausstellung für Frühjahr kommenden Jahres, soll das die erste große Retrospektive sein, nach einer kleinen Schau in Köln vor einigen Jahren. Einige Arbeiten der beiden Fotografinnen gibt es in den öffentlichen Foto-Sammlungen in Köln, Berlin oder Frankfurt.

Die Kuratorin und der emeritierte Professor hoffen, dass es vielleicht doch noch Menschen gibt, die Fotografien oder gar Dokumente der Hess-Schwestern besitzen und sich bei dem Museum melden. Die große Hoffnung: Vielleicht können Carry und Nini Hess so wieder ein Gesicht bekommen.

Carry und Nini Hess

Das Museum Giersch  der Goethe-Universität arbeitet aktuell an einer großen Retrospektive der Frankfurter Fotografinnen Carry und Nini Hess, die in den 1920er Jahren zur deutschen Künstler-Bohème gehörten und zahlreiche künstlerisch herausragende Fotografien veröffentlichten. Das Museum hat sich mit der Wiederentdeckung vergessener Künstlerinnen und Künstler aus dem Rhein-Main-Gebiet einen Namen gemacht. Auch die einst sehr bekannten Hess-Schwestern sind heute fast vergessen.

Für die Ausstellung  im Frühjahr/Sommer 2021 suchen die Kuratoren Susanne Wartenberg und Eckhardt Köhn noch Material über die beiden Schwestern. Kontakt kann man über das Museum am Schaumainkai 91 aufnehmen, Tel. 069/13 82 10 10 oder info@museum-giersch.de.

Etwa 300 Fotografien  des 1913 gegründeten Ateliers Hess haben Köhn und Wartenberg bisher zusammengetragen, von denen eine Auswahl gezeigt werden soll. Darunter sind Aufnahmen zahlreicher Prominenter, etwa Heinrich George, Mary Wigman, Anna Pawlowa, Thomas Mann, C. G. Jung oder Max Beckmann. aph

Zu ihrem Atelier gehörte auch ein mondäner Salon, in dem etwa der Komponist Paul Hindemith oder der Architekt Martin Elsässer regelmäßig zu Gast waren. Die Hess-Schwestern prägten das Bild der Zwanziger Jahre in Deutschland entscheidend mit – ihre eleganten Fotos erschienen auf den Titeln der populären Zeitschriften und Zeitungen der Weimarer Republik. „In dieser Zeit haben sie sehr gut verdient“, sagt Wartenberg. Bedeutende Fotografinnen gab es in dieser Zeit übrigens eine ganze Reihe, wie beide Wissenschaftler betonen.

„Allein das damals erschienene Buch ‚Das Frauengesicht in der Gegenwart‘ zeigt 16 ihrer Fotos“, sagt Köhn. Mode, Porträts bekannter Persönlichkeiten und meisterliche Akte waren ihre Themen. „Sie hatten aber nicht nur einen Blick für schöne Frauen, sondern auch für schöne Männer“, sagt Wartenberg und lacht.

Berühmt machte sie vor allem die Arbeit für die Städtischen Bühnen Frankfurt, die in dieser Zeit ein besonders avantgardistisches Programm boten.

Was die Schwestern für Menschen waren, lässt sich heute nur noch erahnen, selbst die Schreibung des Nachnamens schwankt zwischen „Hess“ und „Heß“. „Die wenigen Briefe, die in Archiven erhalten sind, drehen sich ums Geld, etwa weil Honorare noch nicht bezahlt waren“, sagt Köhn. Ein kurzer Artikel von 1952 aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist einer der ganz wenigen erhaltenen Berichte, in denen Carry Hess selbst zu Wort kommt. Sie erzählt darin von den Tricks, ihre berühmte Klienten trotz deren Widerstand in dem eigenen Hess-Stil abzulichten – Stars waren offenbar immer schon schwierig. „Jedes Mal, wenn ich mit Prominenten um eine echte Darstellung kämpfen musste, habe ich mir gesagt: Schließlich sind sie ja auch Menschen wie wir und putzen sich die Nase genau wie unsereiner.“

Ganz besonders schwierig war offenbar die legendäre russische Tänzerin Anna Pawlowa, die ein genaues Bild von sich hatte und auch nicht zur Zusammenarbeit mit der Fotografin bereit war. „Ich wollte etwas Originelles. Ich brachte sie dahin, dass sie sich nach der Vorstellung in ihrer Garderobe von mir aufnehmen ließ, und als sie die Bilder dann sah, war sie so angetan, dass sie zu uns ins Atelier kam und mich Privataufnahmen von ihr machen ließ.“

Die Kuratoren Prof. Eckhardt Köhn und Susanne Wartenberg suchen Bilder der zwei vergessenen Frankfurter Fotografinnen Nini und Carry Hess.  

So wie der Pawlowa erging es wohl vielen Stars: Die Bilder überraschten. „Das sprach sich herum, und viele Prominente wollten auch solche Fotos haben“, sagt Köhn. Die ganz eigene Bildsprache der Hess-Schwestern zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit kam so gut an, dass praktisch jeder prominente Sänger oder Schauspieler bei einem Auftritt in Frankfurt auch zu Besuch in ihr Atelier kam.

Erhalten sind heute hauptsächlich Zeitschriftenbilder oder Fotografien, die in hochwertigen Büchern wie „Das Frauengesicht der Gegenwart“ abgedruckt waren. Köhn hat etliche Werke im Internet gekauft. Auch in Frankfurter Familienalben dürfte noch einiges schlummern, schließlich porträtierte das Atelier Hess nicht nur Prominente, sondern auch normale Kunden. Und vielleicht gelingt es doch noch, Cary und Nini Hess auf Fotografien oder Gemälden zu identifizieren.

Kommentare