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Standhaft: Montags demonstrieren die Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau im Terminal 1.

Vor der Montagsdemo am Frankfurter Flughafen

„Mit den Gewinnen am Airport müssen auch die Löhne steigen“

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Verdi-Sekretär Uwe Schramm klärt bei der Montagsdemo über den Wildwuchs bei den Arbeitsplätzen am Frankfurter Flughafen auf. 

Bei der heutigen Montagsdemonstration ist die Gewerkschaft Verdi beim Bündnis der Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau zu Gast. Außerdem redet Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Wir sprachen mit Uwe Schramm, Gewerkschaftssekretär der Fachgruppe Luftverkehr.

Herr Schramm, Verdi will auf die prekären Arbeitsverhältnisse am Flughafen hinweisen. Was haben Sie vor?
Oberbürgermeister Feldmann hat im vergangenen Jahr die Kampagne ins Leben gerufen „Gute Arbeit, gute Nachbarschaft“. Da hat er uns bereits unterstützt am Flughafen, zum Beispiel beim Thema Ryanair. Dort haben wir ganz prekäre Arbeitsverhältnisse. Dort sagt der Manager: „Man muss die Mitarbeiter ausquetschen wie Zitronen, bis kein Saft mehr rauskommt.“

Wie war die Lage bei Ryanair?
Wir haben Arbeitsverhältnisse vorgefunden, die jenseits jeglicher Tarifgrundlage waren. Ich habe Flugbegleiterinnen bei mir im Büro sitzen gehabt, die mussten sich mit 700 bis 900 Euro netto im Monat über Wasser halten. Sie wurden zwangsversetzt von Mailand nach Frankfurt. Sie haben sich dann mit etlichen Leuten irgendwo ein Zimmerchen im Rhein-Main-Gebiet geteilt, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Das hat sich geändert?
Ja. Es ist uns gelungen, das zu tarifieren, so dass ein ganzer Schwung dieser Berufsanfänger nach oben gegangen ist. Da sind wir aber noch lange nicht dort, wo wir hinwollen. Und das soll jetzt die Zukunft des Luftverkehrs sein. Alles auf billig, billig, billig. Das ist das, was bei den Airlines derzeit passiert.

Wie sieht es denn bei Fraport selbst aus?
Dort ist es uns gelungen, als Tarifpartner die Sozialpartnerschaft einigermaßen auf dem Standard zu halten, den wir als ÖTV hatten. Bei dem Stammpersonal. Einen Einschnitt gab es 2009, als Fraport durch die Liberalisierungspolitik in Brüssel bei den Bodenverkehrsdiensten unter Druck geriet. Es stand auf der Kippe, ob Fraport sich überhaupt noch einen eigenen Bodenverkehrsdienst leisten kann. Wir mussten einer Vereinbarung zustimmen, die für Neueinstellungen ab 2010 einen Lohn vorsieht, der ungefähr 30 Prozent unter dem Niveau des Stammpersonals liegt.

Mit was gehen diese Neueinstellungen nach Hause?
Vielleicht zwischen 1900 und 2300 Euro brutto. Das ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Das ist noch Fraport-eigenes Personal. Fraport gründete dann noch eine 100-Prozent-Tochter, die Fraground, mit der wir einen Haustarif abgeschlossen haben. Der liegt nochmal unter dem Niveau dieses abgesenkten Tarifvertrags. Trotzdem sind die immer noch tarifiert. Da bewegen wir uns noch in einem einigermaßen komfortablen Bereich.

Das heißt, es gibt noch schlechtere Arbeitsverhältnisse?
Ja. Wir haben andere Player, wie eine neue Tochter der Wisag, die extra gegründet wurde, um Ryanair abzufertigen. Die sind überhaupt nicht tarifiert. Da ist bis heute nicht bekannt, was die Leute dort verdienen.

Wildwuchs am Flughafen und nicht die tollen Arbeitsplätze, mit denen sich Fraport brüstet?
Vorstandsvorsitzender Schulte hatte damals versprochen, dass Fraport mit der Eröffnung der Nordwestlandebahn 6000 neue Arbeitsplätze schafft. Aber die sind nicht alle bei Fraport eingestellt worden. Im günstigsten Fall bei einer Tochter, im schlechtesten bei irgendeiner untarifierten Firma irgendwo am Flughafen. Der schlimmste Teil, wo überhaupt keiner draufschaut, ist der Süden vom Flughafen, wo wir eine Unmenge an Speditionen haben, Luftfrachtunternehmen, die gerade mal Mindestlohn zahlen, wenn überhaupt. Da blickt keiner durch.

Wo ist es besonders schlimm?
Die Flughafentochter Fracares gehört zu 51 Prozent Fraport, zu 49 Prozent Lufthansa. Die 900 Mitarbeiter kümmern sich um bis zu 4000 mobilitätseingeschränkte Fluggäste am Tag. Sie werden mit der niedrigsten Entgeltstufe entlohnt, die am Flughafen in diesem Tarifvertrag gezahlt wird. Viele von ihnen kommen nur mit einem Zweit- oder Drittjob über die Runden im Rhein-Main-Gebiet. Wenn der Flughafen wirklich so ein Jobmotor ist, so gut finanziell da steht, müssen auch die Mitarbeiter etwas davon haben. Das Lohn- und Gehaltsgefüge muss mit dem finanziellen Wachstum des Airports steigen. Es kann nicht sein, dass in den Unternehmen dort die Gewinne steigen und steigen und die Beschäftigten davon abgehängt werden.

Oberbürgermeister Feldmann ist auch im Aufsichtsrat. Warum steuert er nicht dagegen?
Er ist ja nicht allein dort. Er hat rechts und links von sich Kollegen sitzen, denen sehr daran gelegen ist, dass Gewinne nach oben gehen und Ausgaben nach unten.

Auch Betriebsräte sitzen im Aufsichtsrat.
Ich bin nicht derjenige, der den Aufsichtsräten vorzuschreiben hat, wie sie zu agieren haben. Zur Zeit wird wieder der Zukunftsvertrag verhandelt. Die Frage, ob Fraport sich den Bodenverkehrsdienst weiter leistet oder nicht. Da versuchen unsere Arbeitnehmervertreter, dieses große Thema im Sinne der 6000 Mitarbeiter über die Bühne zu bekommen.

Interview: Jutta Rippegather

Zur Person

Uwe Schramm ist Sekretär der Fachgruppe Luftverkehr der Gewerkschaft Verdi am Frankfurter Flughafen. Die Auswirkungen der Billigfliegerei und die Arbeitsbedingungen am Flughafen sind Schwerpunkt der heutigen Montagsdemo, zu der das Bündnis der Bürgerinitiativen (BBI) gegen den Flughafenausbau aufruft.

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ist ebenfalls als Redner zu Gast. Das Bündnis erwartet von ihm klare Worte zur Belastung der Region und ein Bekenntnis zu einem Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr.

Die Demonstration in Terminal 1 des Flughafens heute beginnt, wie gewohnt, um 18 Uhr. www.flughafen-bi.de

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