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Mitarbeiter Antonio Studoto kontrolliert die Qualität des eiszeitlichen Gemischs aus Mineralien und Spurenelementen.

Firma Luvos

Im Dienst der heilenden Erde

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Die Firma Luvos verwandelt seit 100 Jahren Löss in Arzneien und Kosmetika.

Nur ein feiner Rauchfaden steigt zum Himmel. Irgendwo ganz sanft ein Maschinenton. Wie das Produkt so die Verarbeitung: In der Otto-Hahn-Straße von Köppern bringt ein deutscher Marktführer seinen einzigartigen Rohstoff mit Gelassenheit auf die Handelsbahn. Ein Jahrhundert besteht nun die Luvos Heilerde-Gesellschaft – tief geborgen in der Tradition, maßvoll der modernen Zeit begegnend.

In Säcken ist angeliefert, was zur heilenden Erde werden soll. Löss, eiszeitliches Gemisch aus Mineralien und Spurenelementen, bewegt sich auf einem Förderband zu Trockner- und Siebstationen, wird bei 130 Grad keimfrei, in verschiedenen Feinheiten anwendungsreif. „Als Medizinprodukt unterliegt alles peniblen Kontrollen“, sagt Ariane Kaestner, Geschäftsführerin in vierter Familiengeneration. Der Urstoff und dessen Behandlung ist ein Faustpfand, mit dem sich eine 100 Jahre währende Firma als Erfolgsgeschichte erzählen lässt.

Dass die Marktforscher von GfK die Heilerde unlängst zum „Trendprodukt“ geadelt haben, passt zum Nachhaltigkeitsideal hiesiger Zeitgenossenschaft. Auch die Unternehmenszahlen sprechen: Unter der Regie von Kaestner wurde seit 2006 die Herstellung modernisiert und ausgebaut, die Absatzzahl gesteigert, die Produktpalette auf rund 40 Artikel ausgeweitet. Pro Jahr, so ist zu hören, wachse der Umsatz zweistellig. „Das einzige Heilerde-Mittel, das hierzulande gegen Sodbrennen und Durchfall zugelassen ist.“ Wettbewerber gebe es in diesem Bereich sowieso nur wenige.

Während Kapseln, Paste und Pulver die einstigen Darreichungsformen charakterisierten, haben mittlerweile auch Granulat, Masken und Balsam ihre Plätze im „nebenwirkungsfreien“, international gehandelten Sortiment. Vor einigen Jahren hat Luvos eine Naturkosmetik-Serie aufgelegt, jüngst sind zertifizierte Nahrungsergänzungsmittel in den Handel gekommen. Weil einige Technologien höchst trickreich seien, arbeite man mit Fachinstituten und Lohnbetrieben zusammen. „Zuletzt haben wir in Entwicklung und Marketing stark investiert“, sagt Kaestner.

Immer aber regiert der Wahlspruch „Die Natur irrt nicht“. Geprägt wurde er von Firmengründer Adolf Just, einem Mann der vielen Talente und des umfassenden Wissens. Dort, wo auch Wilhelm Busch heranwächst, wird der Bauernsohn 1859 zur Welt gebracht. Als ausgebildeter Buchhändler widmet er sich aufgrund des eigenen Nervenleidens immer mehr den Heilkräften der Natur.

Schriften der Antike weisen hin auf Licht, Luft, Wasser und Erde – fortan zentrale Elemente seiner therapeutischen Versuche. Nackt im Wald zu leben ist nur die Vorstufe zu seiner legendären Gründung des „Jungborns“: Dort, nahe Stapelburg im Harz, erholen sich auch Franz Kafka oder Marika Rökk bei Freiluftgymnastik und vegetarischer Kost. Die „Lehranstalt für naturgemäße Heil- und Lebensweise“ ist schnell weltweit berühmt und findet sogar Erwähnung in der Autobiografie von Gandhi.

Ab 1908 widmet sich Just gänzlich der Löss-Erforschung und manifestiert ein Jahrzehnt später seine „Heilerde-Gesellschaft“ in Blankenburg/Harz. Während die Urzelle nach 1945 zum „volkseigenen Betrieb“ wird, macht sich Schwiegersohn Otto Köhler an den Neubeginn in Westdeutschland. Von 1951 bis 1976 residiert Luvos in der Friedberger Straße von Bad Homburg. „Die Erde wurde damals ganz in der Nähe abgebaut“, so Kaestner. Als es dort zu eng wird, folgt die Übersiedlung ins unweit gelegene Köppern. Seit dem Ende der DDR ist das Blankenburger Werk – „da waren noch die Anlagen von 1918 im Einsatz“ – geschlossen.

Was aber ist ein Jahrhundert, wenn man es mit eiszeitlicher Materie zu tun hat?  Kaestner blickt nach vorne: Im Herbst erscheinen zwei neue Gesichtsmasken, der Sprung in den russischen Markt steht bevor, die Abfüllung soll vergrößert werden. Denn: „Heute ist unsere Heilerde im Trend, früher war sie in Mode.“

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