+
Wo viele Menschen wohnen, sollen weniger Flugzeuge lärmen.

Fluglärm

Rhein-Main: Anwohner dürfen bei Flugrouten mitreden

  • schließen

Das erste Beteiligungsverfahren macht die Flugroutenverlagerung rund um den Frankfurter Flughafen transparenter.

Die Debatten über die Flugroutenverlagerung waren lang und nicht selten sehr emotional. Mehr als 1000 Menschen besuchten die Veranstaltungen, 300 die Internetseiten, 30 „Zufallsbürger“ trafen sich an mehreren Samstagen. Jetzt ist die Öffentlichkeitsbeteiligung abgeschlossen, seit Mittwoch liegt der Bericht zur „Konsultation Amtix“ auf dem Tisch. Thomas Jühe, Vorsitzender der Fluglärmkommission (FLK) ist zufrieden und auch stolz. An keinem anderen Flughafen der Republik werde die betroffene Bevölkerung im Vorfeld einer Entscheidung so mitgenommen: „Dieser Kaltstart ohne Blaupause hat uns und unseren Partnern viel Engagement und Zeitaufwand abverlangt“. Alle Beteiligten hätten viel gelernt für das nächste Konsultationsverfahren, das womöglich die Stadt Offenbach betreffen wird.

Doch zunächst muss jetzt der Prozess zur Verlagerung der Flugroute Amtix abgeschlossen werden. Frühestens im Sommer könnten das Forum Flughafen und Region (FFR) und die Frankfurter Fluglärmkommission (FLK) ihr Votum abgegeben haben, welcher Variante sie den Vorzug geben. Danach ist die Deutsche Flugsicherung am Zug, das Umweltbundesamt und andere Behörden. Ende 2020 könnten die ersten Flugzeuge auf der neuen Amtix unterwegs sein, die die Menschen in den Darmstädter Stadtteilen Arheiligen und Kranichstein entlasten soll, dafür aber dem bevölkerungsärmeren Stadtteil Wixhausen sowie Erzhausen mehr Fluglärm bescheren wird.

Mit fünf Varianten hatten die Moderatoren und die Experten des Öko-Instituts ursprünglich begonnen. Neun waren es am Ende des Konsultationsverfahrens, das im Sommer begann. Per Infobrief wurden die betroffenen Haushalte im Juni informiert, im selben Monat fanden drei öffentliche Veranstaltungen statt. Nach dem Zufallsprinzip wurden 30 Bürger ausgesucht, wovon 20 sich aktiv beteiligten. Eine von ihnen ist Bianca Fehlinger aus Mörfelden-Walldorf: „Ich war sehr positiv überrascht“, sagt die 35-Jährige. Nach ihrer Erfahrung schlügen beim Thema Fluglärm oft die Wellen hoch. „Es wurde sehr sachlich diskutiert und es war schön daran beteiligt zu sein, auch wenn man nichts entscheiden durfte.“

Selbstverständlich ist keiner begeistert davon, wenn er mehr Fluglärm abbekommen soll, sagt Jühe. Doch eine Routenverlagerung sei sinnvoll, wenn die Zahl der Betroffenen spürbar sinke. Wenn die Deutsche Flugsicherung dies tue, dann aus betrieblichen Gründen und ohne die Bevölkerung zu hören. Das Konsultationsverfahren hingegen nehme die Menschen mit. Sie könnten ihre Vorschläge einbringen, bekämen alle wichtigen Informationen. Das Verfahren werde transparent. So wurde etwa erklärt, warum der Amtix-Verkehr aus Sicherheitsgründen nicht auf vier verschiedene Routen verteilte werden kann – zu komplex für die Fluglotsen.

Auch die Experten haben dazugelernt. Zum Beispiel, dass beim nächsten Mal auch Jüngere als „Zufallsbürger“ gewonnen werden müssen. Oder dass die Lärmwirkungsstudie Norah beim Fluglärmindex stärker berücksichtigt werden müsste. Gewünscht wurde auch die Gefahr von Ultrafeinstäuben zu untersuchen und welche Startverfahren weniger Lärm verursachen. An beiden Themen ist das Umwelt- und Nachbarschaftshaus dran, versichert Geschäftsführer Michael Charalambis. Ohne Änderungen im Luftverkehrsgesetz könnten die Piloten allerdings weiter starten wie sie wollen, so Jühe: „Denen kann man keine Lärmminderung vorschreiben“.

Glossar

Im Forum Flughafen und Region wird seit 2008 der Dialog zwischen der Region und der Luftverkehrswirtschaft fortgeführt, der im Vorfeld des jüngsten Flughafenausbaus begann. Im Zentrum der Diskussionen stehen die Auswirkungen des Luftverkehrs auf die Rhein-Main-Region.

Die Fluglärmkommission berät die Genehmigungsbehörde sowie die für die Flugsicherung zuständigen Stellen. Ihre Aufgaben und Zusammensetzung sind im Luftverkehrsgesetz geregelt. Die Frankfurter Fluglärmkommission besteht aus Vertretern der dem Flughafen unmittelbar benachbarten Gemeinden und Landkreise, dem hessischen Umweltministerium, der Deutschen Flugsicherung, der Luftverkehrsgesellschaften, der Flughafenbetreiberin Fraport sowie der Bundesvereinigung gegen Fluglärm.

Das Umwelt- und Nachbarschaftshaus in Kelsterbach ist eine gemeinnützige Einrichtung des Landes Hessen. Seine Aufgaben sind Monitoring, Information, Dialog. Das Umwelt- und Nachbarschaftshaus versteht sich als Beobachter der Entwicklungen in der Region, neutraler Informationsdienstleister und Vermittler zwischen den Konfliktparteien. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare