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Stadtentwicklung

Frankfurt und Offenbach: Ein uneinig Volk von Brüdern

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Frankfurt und Offenbach tun immer so, als könnten sie sich nicht leiden – gar nicht wahr!

Als Jacques Anquetil, fünfmaliger Sieger der Tour de France, 1987 im Sterben lag, kam sein alter Dauerrivale Raymond Poulidor zu Besuch. Nun hätte Anquetil im Angesicht des Todes leicht Süßholz raspeln können. Stattdessen begrüßte er den „ewigen Zweiten“ Poulidor, der ihm nicht nur im legendären „Duell der Ellenbogen“ 1964, sondern auch in so ziemlich jedem anderen Duell unterlegen war, mit dem schönen Satz: „Siehst du: Ich bin schon wieder Erster!“

Was das mit Frankfurt und Offenbach zu tun hat? Alles!

Hier: Jacques Anquetil, brillanter Taktiker, kühler Berechner, Sittenstrolch hinter aristokratischer Fassade, Dauersieger, Intensivdoper, Playboy, erfolgreicher Geschäftsmann mit den überkandidelten Spitznamen „Maitre Jacques“ oder – ob seiner Zeitfahr-Qualitäten – „Monsieur Chrono“. Unbesiegbar, unnahbar, unbeliebt.

Dort: Raymond Poulidor, dreimal Zweiter der Tour de France, achtmal auf dem Podium, nie im Gelben Trikot. Vizeweltmeister 1974. Fluppiglicher Kosename: „Poupou“. Eher Kämpfer als Taktiker. Harter Arbeiter, ehrliche Haut (1966 ist er der erste Radprofi, der sich freiwillig einem Dopingtest unterzieht). Champion der Herzen. Unverdrossen, unprätentiös, ungeschlacht.

Dabei sind die beiden eigentlich Brüder im Geiste. Beide sind Kinder bettelarmer Bauern, die sich aus dem Mist geradelt haben.

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Die Geschichte der Städte Frankfurt und Offenbach ist eine Geschichte voller Missverständnisse, Merkwürdig- und Nickeligkeiten. Es ist ein altes Lied, und Offenbach spielt dabei die ewige zweite Geige. Ob bei Dichtern (Goethe vs. Haftbefehl), Denkern (Adorno vs. Al-Wazir), als Verkehrsknotenpunkt (Flughafen vs. Rumpenheimer Fähre) oder Sitz bedeutender Institutionen (Europäische Zentralbank vs. Deutscher Wetterdienst) – stets liegt die selbstgekrönte „Mainmetropole“ eine Nasenlänge voran. Manchmal auch mehr. Was die Krönung von Kaisern und Königen angeht, muss man ehrlicherweise ausrufen: Frankfurt: elf! Offenbach: null!

Das alles hat dazu geführt, dass der Frankfurter im Lauf der Jahrhunderte eine gewisse Hochmut entwickelt hat. Die kam etwa 2001 wieder zum Tragen, als der Offenbacher Oberbürgermeister Horst Schneider eine Wettschuld gegenüber dem Frankfurter Tigerpalast-Chef Johnny Klinke einlösen und die Rathaustreppe vor dem Römer fegen musste. Schneider hatte guter Hoffnung auf einen Sieg seiner Kickers gegen die Eintracht im DFB-Derby gewettet, die Wirklichkeit sah anders aus (0:3). Das Bild vom fegenden Schneider und seiner ihn dabei besuchenden Frankfurter Amtskollegin Petra Roth ging durch die Lokalpresse. „Wir sind ja quasi eine Stadt. Wir müssen die Region gemeinsam entwickeln, dann sind wir unschlagbar“, sagte Roth damals. Das Bild aber zeigte einen ackernden Offenbacher und eine faulenzende Frankfurterin, deren Blick sich gen Boden richtet und der „Da liegt aber noch Dreck rum“ zu sagen scheint.

Die Offenbacher haben immer wieder versucht, sich zu revanchieren. Das ging fast immer in die Hose. 1860 etwa versuchte das Offenbacher Landgericht, nachdem man Goethes nie hatte habhaft werden können, den Frankfurter Dichter Friedrich Stoltze in Königstein festnehmen zu lassen. Stoltze entzog sich durch Flucht in seine freie Heimatstadt. 2009 nahm die Offenbacher Polizei einem jungen Mann die Oberbekleidung weg, angeblich weil sie das auf seinem T-Shirt abgebildete Bornheimer Stadtwappen, die Wolfsangel, für ein „verfassungsfeindliches Symbol“ hielt. Der Frankfurter musste mit nacktem Oberkörper heimwärts ziehen, was den Frankfurter SPD-Stadtverordneten Bernhard Ochs zu der Frage veranlasste: „Verstößt es nicht gegen die Menschenwürde, wenn jemand mit nacktem Oberkörper von Offenbach nach Frankfurt fahren muss?“ Die Antwort lautet: Och nö. Immerhin musste der Halbnackte nicht mehr das Schild lesen, das die Stadt Offenbach 1977 am Stadtrand aufstellte, um den maroden Zustand der Frankfurter Uferstraße anzuprangern: „Achtung! Sie verlassen jetzt eine intakte Stadt. Gott schütze zunächst Ihr Auto.“ All das ist aber eher liebenswerte Folklore denn zersetzender Hass.

Denn im Grunde – und das wissen beide – sind Frankfurter und Offenbacher Brüder. Nicht wie Kain und Abel. Eher wie Wladimir und Vitali („Deine Blini waren grauenhaft!“) Sie teilen sich denselben Fluss. Sie teilen sich dieselbe Vorwahl. Sie sprechen dieselbe Sprache (auch wenn sie der Frankfurter „Frankfodderisch“ und der Offenbacher „Offebacherisch“ nennt).

Und es ist der Frankfurter, der trotz seiner Hochmut immer wieder die Hand zur Versöhnung ausstreckt. Als die Eintracht 2018 nach dem Finalsieg gegen den FC Bayern den DFB-Pokal heimholte und dies vom Römerbalkon aus ausgiebig feierte, da stimmten Spieler und Fans nicht etwa Schmähgesänge auf Münchener oder anderes Profifußballvolk an, sondern erinnerten sich an den alten Feind und Kupferstecher aus der Nachbarschaft. „Scheiß-OFC!“ und „Wer nicht hüpft, ist Offenbacher!“ schallte es durch die Stadt, und manch Offenbacher vergoss vor Ort Tränen der Rührung: Man war nicht vergessen. Und ähnlich wie einst Anquetil bewies der Frankfurter damals Größe, indem er eine Freundschaftsgeste als Stichelei tarnte und dem Gestichelten damit die Möglichkeit gab, seine Würde zu bewahren.

Man weiß bis heute nicht, was Poulidor damals Anquetil geantwortet hat. Aber „Krie die Kränk“ wäre mehr als passend gewesen.

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