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Eva Demski kommt zu 15 Veranstaltungen bei Frankfurt liest ein Buch. Foto: Imago Imagest
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Eva Demski kommt zu 15 Veranstaltungen bei Frankfurt liest ein Buch.

Kultur

Frankfurt liest ein Buch

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Autorin Katja Lange-Müller über das Lesen von Eva Demskis „Scheintod“ im Doppelstockbett. Das Programm zum Lesefest startet am 5. Juli.

Die junge Übersiedlerin saß 1984 in einer Kaschemme in Berlin-Marienfelde, als ein fliegender Händler mit seinem Bauchladen hereinstürmte und Raubkopien von Büchern anbot. „Mehr oder weniger zufällig“, erinnert sich Katja Lange-Müller 37 Jahre später, habe sie nach Eva Demskis „Scheintod“ gegriffen. Während sie in den folgenden Tagen die Aufnahmeprozedur für den Westen über sich ergehen ließ, hatte Lange-Müller viel Zeit, sich mit dem schnell zerfleddernden Buch zu beschäftigen. Ob in den Wartezimmern der Geheimdienste oder im Doppelstockbett, „ich las unentwegt Eva Demski“.

Frisch im Westen, hat die damals 33-Jährige sicher keine Langeweile und dennoch: „Das Buch hat mich ganz schön beschäftigt.“ Lange-Müller fragt alle Menschen, auf die sie trifft, ob sie das Buch kennen. Für die gebürtige Ost-Berlinerin war „Scheintod“ damals „so eine Art Schnellkurs in bundesrepublikanischer Geschichte“. Auf die Idee, dass das Buch autobiografische Bezüge hat, kommt sie zunächst nicht. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das erlebnisgesättigt ist“, erinnert sich Lange-Müller. Vielmehr habe sie die Fantasie der Autorin „extrem bewundert“.

Fünf Jahre später lernt Lange-Müller, mittlerweile selbst anerkannte Autorin und mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, die Urheberin von „Scheintod“ persönlich kennen. Denn Lange-Müller übernimmt von Demski quasi den Staffelstab als Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim. Die Nachfolgerin erfährt später, dass Demski sich für sie eingesetzt habe, denn die Verantwortlichen hatten wohl zunächst etwas Bedenken. „Es existierte ein Foto von mir mit zahmer Ratte auf der Schulter. Da gab es wohl die Angst, ich könnte die Ratte mit ins Haus bringen.“

Lange-Müller erzählt Demski bei einer dieser Begegnungen 1989, unter welchen Umständen sie den Roman „Scheintod“ fünf Jahre zuvor gelesen hatte. „Da musste sie sehr lachen“, so Lange-Müller. Demski führt sie in den Club Voltaire und an weitere Schauplätze des Romans. Ansonsten ist jene Zeit in Frankfurt für Lange-Müller auch eine Art Prüfung. Denn die Mauer ist gefallen und Berlin vermutlich gerade einer der spannendsten Orte auf der Welt. Doch die Ost-West-Berlinerin sitzt bei „Apfelwein, Calvados und Pflaumenkuchen“ in Bergen-Enkheim. „Das war ein bisschen absurd“, erinnert sich Lange-Müller und gesteht, dass sie weniger Zeit im östlichen Stadtteil selbst als vielmehr in Sachsenhausen, Bornheim und vor allem im Bahnhofsviertel verbracht habe, das ihr Demski auch schon ein bisschen gezeigt hatte. Ihre Eindrücke aus der Frankfurter Drogenszene habe sie dann für ihren Roman „Böse Schafe“ Jahre später „kühn nach Berlin verlagert“, verrät Lange-Müller.

In der Vorbereitung auf „Frankfurt liest ein Buch“ hat die Berlinerin „Scheintod“ nun noch einmal gelesen. „Das Buch hat weder Staub noch Fett angesetzt“, lobt Lange-Müller den Roman. Natürlich hat sie das Werk jetzt mit einem anderen Background gelesen: nicht als erste Geschichtsstunde im Westen, sondern als Bekannte der Autorin. „Dieses Buch kämpft um nichts so sehr wie um größtmögliche Aufrichtigkeit“, sagt Lange-Müller und ist fasziniert vom ständigen Schwanken zwischen Nähe und Distanz: Die Nähe der Protagonistin „Frau“ zu ihm, dem „Mann“ und die Distanz zu allem, was den „Mann“ umgibt. Lange-Müller, als eine, wie sie selbst sagt, „blutige Atheistin“, wundert sich ein bisschen über die Figur des verstorbenen Rechtsanwalts. „Ein katholischer, bisexueller Anarchist, wo gibt es denn so was?“

Eine Frage, die beim Lesen des Romans immer auftaucht, glaubt Lange-Müller aber sicher beantworten zu können. Ist die „Frau“ Eva Demski? „Sie ist es nicht, sondern eine literarische Figur“, so Lange-Müller. Vielmehr misstraue die Autorin der „Frau“ in gewisser Weise auch. In Zwischentönen und Selbstbefragungen klinge immer eine gewisse Skepsis an. Für dieses Bemühen um uneitle Ehrlichkeit und Skeptizismus bewundere sie Demski. „Das will ich in meinen Büchern auch.“ Ansonsten glaubt Lange-Müller noch eine weitere Ähnlichkeit zu Demskis Werken festgestellt zu haben. „Wir neigen beide mehr zur Frage als zur Antwort.“

Für das zweite Lesen hat sich Lange-Müller „Scheintod“ nochmal neu besorgt. Denn den Raubdruck aus Marienfelde hat sie der Autorin geschenkt. Sie geht davon aus, dass Demski das geschichtsträchtige Exemplar zu der Lesung am kommenden Dienstag in die Fabrik mitbringt.

Katja Lange-Müller reist aus berlin an, um in Frankfurt zu lesen.

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