In dem Bethaus in Frankfurt-Rödelheim nahm die Infektionswelle ihren Anfang.
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In dem Bethaus in Frankfurt-Rödelheim nahm die Infektionswelle ihren Anfang.

Evangeliums-Christen-Baptisten

Frankfurt: Gottesdienst mit lautem Gesang und ohne Maske

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Nach einem Gottesdienst  in Frankfurt infizieren sich 112 Personen am Corona-Virus. Nun recherchiert das Gesundheitsamt den Ablauf der Feier.

Die Besucher des Gottesdienstes der Frankfurter Baptisten-Gemeinde am 10. Mai trugen keine Masken. Und es wurde gesungen. Nachdem weit mehr als 100 Menschen aus dem Umfeld der Gläubigen mit dem Coronavirus infiziert wurden, zeigen die Verantwortlichen Reue. „Im Nachhinein betrachtet, wäre es für uns angebracht, Mund-Nasen-Schutzbedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten“, heißt es in einem Schreiben, das die Evangeliums-Christen-Baptisten-Gemeinde am Montag auf ihre Homepage stellte.

Am Samstag hatte die Frankfurter Rundschau berichtet, dass der Gottesdienst zu einem Corona-Hotspot geworden war. Wie das hessische Sozialministerium am Montag mitteilte, sind es inzwischen 112 Personen, deren Infektion auf die Veranstaltung in dem Bethaus zurückzuführen ist. Hinzu kommen 16 Infizierte im Landkreis Darmstadt-Dieburg, wie der Pressesprecher der Stadt Darmstadt der FR am Abend bestätigte. Die anderen wohnen laut Ministerium in Frankfurt, dem Main-Kinzig-Kreis, dem Hochtaunuskreis, dem Wetteraukreis und in Wiesbaden. Nach Angaben des Frankfurter Gesundheitsdezernenten Stefan Majer (Grüne) stieg die Zahl der Betroffenen in der Stadt auf 49. Davon hätten zwei keine Covid-19-typischen Symptome entwickelt. Zwei werden demnach stationär behandelt, drei sind aus dem Krankenhaus entlassen. Es handele sich um eine „Freikirche mit vor allem russlanddeutschem Hintergrund“.

Deren Anhänger gehen davon aus, dass es noch mehr Infizierte werden: „Da es in der Gemeinde viele Familien mit fünf und mehr Kindern gibt, nimmt die Anzahl der Ansteckungen zu Hause weiter zu“, schreiben sie auf ihrer Homepage.

Telefonisch nicht erreichbar

Telefonisch ist der Verein für die Frankfurter Rundschau nicht erreichbar. In der Stellungnahme heißt es, der Vorstand sei „in der aktuellen Lage eingeschränkt reaktionsfähig“. Der Vereinsvorsitzende befinde sich „im kritischen Zustand auf der Intensivstation“, der Stellvertreter sei ebenfalls erkrankt. Von den anderen Infizierten seien viele „auf einem guten Weg der Genesung“, manche bereits gesund.

Nach Angaben Majers fehlt dem Gesundheitsamt noch ein vollständiges Bild vom Ablauf des Gottesdienstes am Muttertag. Laut Gemeinde wurden „separate und kontrollierte Ein- und Ausgänge genutzt, entsprechende Hinweisschilder angebracht“, stand ausreichend Desinfektionsmittel zur Verfügung, wurde der Abstand von 1,50 Meter eingehalten. „Das passt alles nicht mit dem sehr intensiven Infektionsgeschehen zusammen“, sagt Majer der FR am Montag.

Das Gesundheitsamt kenne auch das Hygienekonzept nicht. Majer spricht von einer „extrem speziellen Gemeinde“, deren Gottesdienste nicht mit denen der Landeskirchen vergleichbar sind. „Da ist viel Emphase und Gefühl dabei. Das ist ein sehr emotionales Feiern mit lautem Beten und Singen.“ Der Kontakt zwischen den Gläubigen sei auch im Alltag eng: „Die treffen sich nicht nur sonntags.“

Laut Majer stammt der erste positive Befund aus der Gemeinde vom 12. Mai. Seitdem arbeiteten die zuständigen Gesundheitsämter intensiv an der Ermittlung und Information von Kontaktpersonen.

Registrierungspflicht erleichtert Arbeit

Eine Registrierungspflicht wie in Gaststätten hätte ihnen die Arbeit erleichtert. Der Grünen-Politiker regte deshalb an, „generell und landesweit“ alle Teilnehmenden an religiösen Zusammenkünften namentlich zu erfassen und diese Listen den Gesundheitsämtern bei einem Infektionsfall zur Verfügung zu stellen.

Unterdes regt sich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) über das für die Stadt zuständige Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises auf. Er sei erst am Freitag über den Fall informiert worden, wisse immer noch nicht, ob Kinder oder Jugendliche betroffen seien. „Das grenzt an organisierte Unverantwortlichkeit.“ Dass es trotz Datenschutz anders gehe, zeige der Wetteraukreis. Der hatte noch am Mittwochabend alle Besucher und Mitarbeiterinnen einer Kita in Karben testen lassen, die eines der infizierten Baptisten-Kinder besucht hatte.

Kaminsky hat am Montag einen umfangreichen Fragebogen an den Landkreis und die Landesregierung geschickt. Auch er fordert im FR-Gespräch Nachbesserungen bei den Regeln für Gottesdienste: „Wenn ich zum Friseur gehe, muss ich meine Adresse angeben. Warum liegen in Gotteshäusern keine Namenslisten aus?“

Eine Anfrage beim Sozialministerium ergab, dass diesbezüglich noch keine Pläne bestehen. „Es gibt keine Pflicht, die Teilnehmerdaten zu notieren“, informiert Pressesprecherin Alice Engel. „Nach der dezidierten Aufklärung des Sachverhalts muss bewertet werden, ob und wie gegebenenfalls daraus über den Einzelfall hinaus Konsequenzen zu ziehen sind.“

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