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Warnstreik.

Gesundheit

Ein Warnstreik wie ein Rockkonzert

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Mehrere Hundert Beschäftigte in Kliniken und Heimen wollen mehr Geld und werden vor dem Bürgerhospital richtig laut. Streikende auch aus Offenbach und der Wetterau.

Vor dem Bürgerhospital geht es ein bisschen zu wie bei einem Rockkonzert. Schrille Schreie junger Frauen sind zu hören, mehrere Konfettikanonen werden gezündet. Am Mikrofon steht aber keine Rockröhre, sondern Julienne Kraicker, Vorsitzende der Auszubildenden am Klinikum Höchst. „Noch vor wenigen Monaten waren wir die Helden der Nation, jetzt sind wir keinen Penny wert“, beklagt Kraicker, die sich auf die lautstarke Unterstützung zahlreicher weiterer Auszubildenden verlassen kann.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat am Donnerstag zu einem ersten Warnstreik aufgerufen, weil die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände bislang kein Angebot für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes von Bund und Kommunen vorgelegt hat. Dass der Streikaufruf im Gesundheitswesen erfolgte, hängt laut Georg Schulze, zuständiger Fachbereichsleiter bei Verdi, damit zusammen, dass dort besonders viel im Argen liegt. Denn die Angestellten in Krankenhäusern warten als einzige Berufsgruppe im öffentlichen Dienst noch immer darauf, dass ihre Pausen als Arbeitszeit anerkannt werden. Mehr Entlastungszeiten seien in diesem Sektor dringend geboten, so Schulze.

Zum Streik aufgerufen hatte Verdi Kliniken und Pflegeeinrichtungen in der Wetterau, Offenbach und Frankfurt, darunter auch die Mitarbeiter am Klinikum Höchst. Als Ziel der Kundgebung hatten sich die Streikenden das Bürgerhospital ausgesucht. Denn dort waltet Wolfgang Heyl, der nicht nur das Bürgerhospital führt, sondern auch Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite ist. Die Ortswahl für die Kundgebung kam bei Autofahrern nicht sonderlich gut an, der Verkehr staute sich am Vormittag auf dem Alleenring rund um das Bürgerhospital erheblich. Knapp 300 Streikende machten sich vor dem Krankenhaus breit, darunter vor allem viele junge Kolleginnen und Kollegen. Denn für die Auszubildenden im Gesundheitssektor fordert Verdi eine nennenswerte Erhöhung der Vergütung um einen Festbetrag. Derzeit erhalten Auszubildende im ersten Lehrjahr eine Vergütung von 1140 Euro. Zu wenig, um die Branche, die dringend Nachwuchs braucht, attraktiver zu machen, findet Verdi. Für die bundesweit 2,3 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst insgesamt fordert die Gewerkschaft 4,8 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro.

Streik.

Bei den Arbeitgebern kam der Warnstreik nicht gut an, er sei „unverhältnismäßig“, ließ Heyl mitteilen. Schließlich habe die Arbeitgeberseite angekündigt, zur dritten Verhandlungsrunde ab dem 22. Oktober ein erstes Angebot vorzulegen. Gesundheitsexperte Schulze kann die Kritik nicht nachvollziehen, schließlich hätten die Arbeitgeber bislang gar nichts vorgelegt. Verdi befürchtet zudem, dass die Arbeitgeber ein bisschen auf Zeit spielen. „Sollten die Corona-Zahlen wieder steigen, wären wir womöglich nicht streikfähig“, fürchtet Schulze.

Mit der Beteiligung am Donnerstag war die Gewerkschaft sehr zufrieden. Beim Klinikum Höchst seien 100 Beschäftigte dem Aufruf gefolgt, in Offenbach beim Sana-Klinikum und dem dortigen Seniorenzentrum sogar 200. Anette Hergl, bei Verdi für die Altenpflegeeinrichtungen verantwortlich, war besonders stolz, dass es auch in diesem chronisch unterversorgten Sektor Beschäftigte gab, die auf die Straße gingen, etwa aus der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung oder aus den Einrichtungen der AWO.

Die Angestellten geben sich kämpferisch und kündigten weitere Warnstreiks an, kommende Woche Mittwoch etwa in Hanau. „Wir erfahren viel zu wenig Wertschätzung“, ruft die Auszubildende Kraicker und wird erneut durch schrille Schreie und Rasseln unterstützt.

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