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Die befallenen Fichten müssen raus: Baumfällarbeiten im Stadtwald Usingen. Wegen eines Nisthäuschens durfte die Fichte vorn nicht ganz gefällt werden.

Wälder in Hessen

Forst ohne Fichte

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Massiver Borkenkäferbefall sorgt für eine Ausnahmesituation in heimischen Wäldern. Für 2019 drohen ein Preisverfall und weitere Kahlschläge.

Hier, auf dem Renzenberg bei Merzhausen, sieht es aus wie in vielen Waldbezirken von Deutschland und Mitteleuropa. Während der Fichtenbestand auf einer 2,5 Hektar großen Fläche komplett abgeräumt ist, stehen noch einzelne Bäume auf einem benachbarten Areal. Was dem Nadelholz zugesetzt hat, benennt Usingens Stadtförster Karl-Matthias Groß: „Der Sturm am 18. Januar hat die Hälfte des Bestandes niedergeworfen, der Rest wurde vom Borkenkäfer heimgesucht.“

Begünstigt von der seit dem Frühjahr herrschenden Trockenheit und Hitze haben die Auswüchse des bohrenden Buchdruckers hessenweit drastische Ausmaße angenommen. Zur Stunde tummelt sich die dritte saisonale Generation des Schädlings im Nadelholz. „Jede Fichte“, so Groß, „bietet zunächst Platz für etwa 1700 Familien, die sich bei trockenwarmer Witterung dann im ersten Schritt um das 20-fache vermehrt.“ Wenn die Nadeln in der Krone rot werden und die Spitzen absterben, ist der Baum bereits verloren. Um die explosionsartige Ausbreitung des Käfers einzudämmen, gebe es nur eins: „Fällen.“

Seit Mitte August werden die Forstämter von einer Entwicklung überrollt, die Ralf Heitmann, Amtsleiter in Königstein, als „Zeitbombe für 2019“ einstuft. Was sich mit „rasender Geschwindigkeit“ durch die Nadelwälder genagt hat und bald zur vorläufigen Ruhe – „die Borkenkäfer überwintern im Bodenstreu“ – kommen dürfte, wird im Folgejahr mit unverminderter Kraft erneut auftreten. In den vergangenen Monaten seien Kahlschläge in verschiedenen Revieren durchgeführt worden – betroffen sind besonders Gemarkungen in Glashütten, Schlossborn, Schmitten, Dorfweil. „In manchen Beständen haben wir schon vier Mal gearbeitet“, sagt Heitmann. Für den Königsteiner Amtsbereich wird mit einem Fichtenverlust von 30 Prozent gerechnet.

Schon monatelang beschäftigen sich die familiär verbundenen und in Wehrheim stationierten Forstbetriebe Keller und Dietrich mit Picus abies. Windwurf und insektenzersetztes „Kalamitätsholz“ werden mit Hilfe von Vollernter und Rückezug an die Wege geschafft. „Rein manuell ist das unmöglich zu leisten“, sagt Ingmar Dietrich. Pro Woche könne man zwischen 700 und 1000 Festmetern aufarbeiten. Auf der Merzhausener Waldkuppe, wo nun die morgendliche Sonne den Buchdrucker zu neuen Bohrgängen verlockt, bringt Thorsten Keller seine Maschine auf Touren. Schon seit drei Generationen betätigt sich die Familie im Forst – „ein ähnliches Jahr haben wir noch nicht erlebt“. Und: „Emotional ist es belastend, diese zukunftsträchtigen Bestände abzuhacken.“

Das, was hier stammweise fällt, sind Bäume im Alter zwischen 40 und 80 Jahren. „Die sollten noch mindestens vier Jahrzehnte stehen bleiben“, so Groß, der mit den „Zwangsfällungen“ auch finanzielle Einbußen hinzunehmen hat. Übrig bleibt so genannte B-Ware, aus der Verschalungen und Paletten gefertigt werden. War Fichtenholz Anfang 2018 noch bis zu 94 Euro je Festmeter wert, ist der Preis mittlerweile auf 50 Euro gesunken. Der Markt ist übersättigt. Ralf Heitmann: „Die Sägewerke schneiden, was die Hütte hergibt.“ Wie auch Kollege Groß hat er befallene Bestände zur Sommermitte mit Insektizid – „bienenverträglich und mit unserer Zertifizierung zu vereinbaren“ – besprühen lassen.

In Anbetracht kahler Schläge und unsicherer Wetterlagen spricht sich der historisch versierte Revierförster von Usingen gegen Reinbestände und für Mischwaldungen aus: „Die Kalkulation mit reinen Fichten-Kulturen ist nicht aufgegangen.“ In dem von ihm betreuten 1900 Hektar großen Forstgebiet beträgt der Fichtenanteil rund 20 Prozent. Ein Verhältnis, das im Schnitt hessenweit gelten dürfte. „Wir Förster brauchen jetzt gute Nerven.“ Ausgedünnt ist die Personaldecke, angewachsen das Aufgabenpaket. Abseits der öffentlichen Wahrnehmung ereignet sich auch im Taunus-Forst ein Wandel, der von Ungewissheiten begleitet ist. „Für das, was wir gerade erleben“, so Groß, „haben wir keine Referenzen.“

Die aktuelle, von Hessen Forst als „dramatisch“ eingestufte Situation dürfte die Waldbewirtschaftung kurz- und langfristig verändern. „Wir stellen unsere bisherigen Konzepte auf den Prüfstand, Ziele müssen eventuell neu definiert werden“, sagt Jörg van der Heide, der im Landesbetrieb für den „Staatswald Hessen“ verantwortlich ist. Schon heute seien Vorkehrungen für den nächsten Frühling zu treffen, um die Rüsselkäfer-Aktivität beenden zu können.

Ab März will Karl-Matthias Groß sein Revier begutachten, beim Erstbefall handeln, zudem „Fangbäume“ in gefährdeten Bereichen platzieren. Weil die Kahlflächen aber anfällig für Starkwinde und –regen sind, sollen sie schnell bepflanzt werden. Am Renzenberg will Usingens Förster sein Glück mit Baumhasel, Traubeneiche, Douglasie und Weißtanne versuchen. Wenn es klappt, verdichtet sich die Kuppe im hundertjährigen Wachstum. Es gibt jedoch Befürchtungen: „Ob die nun stark frequentierten Baumschulen ausreichend Jungpflanzen zur Verfügung stellen können?“ Dass die oft gescholtene Fichte – noch immer der „Brotbaum“ hiesiger Forstwirtschaft und „Baum des Jahres 2017“ – dennoch nicht gänzlich verschwinden wird, gilt unter Fachleuten als abgemachte Sache.

Zunächst jedoch soll es laut försterlichem Wunsch aber „nasskalt“ werden. Ein Wetter, das dem Borkenkäfer nicht behagt, seine Population aufgrund einfallender Viren und Bakterien dezimiert.

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