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Unrühmliche Vergangenheit: die Hephata-Klinik im nordhessischen Treysa.

Hephata Diakonie

Forschung an „Verwahrlosten“

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Der Medizinhistoriker Volker Roelcke hat das Ausmaß eines schmerzhaften Hirn-Eingriffs in der Klinik des Kinderheims Treysa untersucht. Die Hephata Diakonie bittet um Entschuldigung.

Helmut B. war ein Jugendlicher, der seinem Vater Sorgen bereitete. Helmut sei „frech“, „vergesslich“, „jähzornig“, „treibe sich nachts herum und besucht Wirtschaften“ und „lüge oft“, berichtete der Vater, als er den Sohn in der Hephata-Klinik im nordhessischen Treysa einlieferte.

Fast einen Monat lang, von Ende Januar bis Ende Februar 1961, blieb der 16-Jährige in der Klinik des früheren Nazi-Arztes Willi Enke. Dort musste er einen schmerzhaften Hirn-Eingriff über sich ergehen lassen, die sogenannte Hirnkammerluftfüllung (Pneumoenzephalographie) – ohne dass es dafür eine medizinische Indikation gab. Die Operation diente nach den Erkenntnissen des Gießener Medizinhistorikers Volker Roelcke einem anderen Zweck: dem Forschungsinteresse des Arztes Enke.

Helmut B. war kein Einzelfall. Heimkinder haben in der Nachkriegszeit deutlich häufiger den schmerzhaften Eingriff der Pneumoenzephalographie über sich ergehen lassen müssen als bisher bekannt. Das gilt zumindest für die Klinik der Hephata Diakonie in Schwalmstadt-Treysa in den Nachkriegsjahren unter Enkes Leitung. Das ist das Ergebnis einer Studie des Gießener Medizinhistorikers Volker Roelcke, die er am Donnerstag in Treysa vorstellte und die im Internet nachzulesen ist. Enke war von 1950 bis 1963 in der Hephata-Einrichtung tätig.

Die evangelische Einrichtung hatte die wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer Geschichte in Auftrag gegeben, nachdem Recherchen der Filmemacherin Sonja Toepfer den Einsatz der Pneumoenzephalographie in dem Heim zutage gefördert hatten. Toepfers Film war im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) entstanden.

Roelcke arbeitet nun heraus, dass der Eingriff häufig nicht aus medizinischen Gründen vorgenommen wurde, sondern zu Forschungszwecken des Doktors Enke. Zudem hätten die Ärzte in Hephata über lange Jahre nicht die Alternative eines weit weniger belastenden Elektro-Enzephalogramms genutzt – weil das entsprechende Gerät in der Klinik fehlte. Die kleinen Patienten oder ihre Erziehungsberechtigten wurden nach Roelckes Erkenntnissen nicht angemessen über die Risiken aufgeklärt, im Gegenteil: Aus Akten gehe hervor, dass der Eingriff verharmlost worden sei.

Willi Enke hatte in der Bundesrepublik seine Karriere fast bruchlos fortsetzen können. Dabei hatte er nicht nur mehreren NS-Organisationen angehört und war im rassenpolitischen Amt der NSDAP tätig gewesen. Ab Januar 1938 amtierte er als Direktor der Landesheilanstalt und Anhaltischen Nervenklinik Bernburg – jener berüchtigten Klinik im heutigen Sachsen-Anhalt, der von 1940 bis 1943 eine Tötungsanstalt angegliedert war. Enke behauptete nach dem Krieg, er habe nichts davon mitbekommen, dass im anderen Teil seiner Klinik rund 15 000 Menschen vergast wurden. Trotz seiner Belastung wurde Enke 1948 entnazifiziert und kam 1950 nach Treysa. Dort schrieb er mehrere Aufsätze über die Ergebnisse der Pneumoenzephalographien. Er wollte mit ihrer Hilfe nachweisen, dass die „Schwererziehbarkeit“ oder „Verwahrlosung“ bei Kindern und Jugendlichen organische Ursachen im Gehirn habe. Wie oft er die Operation vornahm, wird weder daraus letztlich klar noch aus den Akten, die in Hephata noch vorrätig sind. In einem Aufsatz von 1955 schreibt Enke von „über 800 Kindern und Jugendlichen“, die „zum großen Teil“ auch enzephalographisch untersucht worden seien.

Der Vorstandssprecher der Hephata Diakonie, Maik Dietrich-Gibhardt, wies am Donnerstag in Treysa darauf hin, dass nicht nur Enke, sondern auch dessen Nachfolger Werner Grüter Pneumoenzephalographien „aus Forschungsinteresse“ vorgenommen habe. Roelcke habe dies in sechs Akten gefunden. „Die Vorgehensweise der seinerzeitigen Chefärzte ist in hohem Maße verwerflich und mit dem Menschenbild der Hephata Diakonie in keiner Weise vereinbar“, urteilte Dietrich-Gibhardt.

Die Hephata-Akten, die Roelcke mit Unterstützung des Historikers Karsten Wilke sichten konnte, geben keine Klarheit über den Umfang des medizinischen Missbrauchs. Die meisten Dokumente seien aus Datenschutz-gründen vernichtet worden, so dass er lediglich Restbestände habe auswerten können, berichtet der Medizinhistoriker. Aus ihnen ergebe sich allerdings ein Bild.

So fand er in 37 von 163 Patientenakten aus den Jahren 1953 bis 1964 den Hinweis, dass eine Pneumoenzephalographie vorgesehen sei. In 17 dieser Fälle, also fast der Hälfte, sei dies geschehen, ohne dass es eine Indikation nach dem „zeitgenössischen Fachkonsens für eine diagnostische Abklärung“ gegeben habe. Allerdings hätten die Patientinnen und Patienten hier Krankheitsbilder und Zustände aufgewiesen, „für die ein Forschungsinteresse von Enke bestand“ – also auffälliges Verhalten ohne neurologische Auffälligkeiten.

Vorgenommen wurde die OP nach Roelckes Erkenntnissen nicht in allen 17 Fällen. Einmal habe sich ein Betroffener geweigert und einmal hätten die Eltern „entgegen dem Drängen von Enke“ ihre Zustimmung zurückgezogen.

Wenn die Akten repräsentativ seien, könne man davon ausgehen, dass mehr als jeder fünfte junge Patient in Hephata der Pneumoenzephalographie unterzogen worden sei, folgert Roelcke. Darunter sei eine erhebliche Zahl an Fällen, in denen der Eingriff nicht medizinisch begründet worden sei. Neben der Klinik gab es in Hephata ein Heim. Von dessen „Pfleglingen“ ist nach Roelckes Auswertung in 42 Fällen eine Pneumoenzephalographie in den entsprechenden Jahren dokumentiert – in acht Fällen ohne die entsprechende Diagnose.

Die Ärzte waren sich über die starken Nebenwirkungen der Operation im Klaren, täuschten aber Patienten und deren Angehörige darüber, wie Roelcke herausarbeitet. So notierten sie überrascht bei manchen Patienten, es sei „auffallend“, dass sie „auch später weder über Schwindel noch über Kopfschmerzen noch Brechreiz“ geklagt hätten. Ein Patient wurde besonders hervorgehoben, er habe nach der Pneumoenzephalographie „nicht einmal erbrochen“.

Das las sich ganz anders in Briefen, in denen Enke oder seine Kollegen um Einverständnis für die Hirnkammerluftfüllung baten. So schrieb Enke an die Mutter eines Zöglings: „Es handelt sich bei dieser Untersuchung um einen kleinen, nahezu schmerzlosen Eingriff […] Im Allgemeinen sind dabei nachfolgernde Komplikationen nicht zu erwarten“.

Oft stimmten die Angehörigen zu – wie bei Helmut B. oder bei der 16-jährigen Karin I., die 1963 einer Pneumoenzephalographie unterzogen wurde. Das Mädchen, das eine Friseurinnen-Lehre absolvierte, lief öfter von zu Hause fort. Bei der körperlichen und neurologischen Untersuchung ergaben sich wie bei Helmut B. keine Auffälligkeiten. Aber Enke, der die organische Ursache für eine angebliche Verwahrlosung nachweisen wollte, ließ das Mädchen dennoch eine Pneumoenzephalographie erleiden.

Die Untersuchung misslang jedoch. Die Klinik wollte sie wiederholen, was Patientin und Mutter aber verweigerten. Im März 1963 heißt es im Entlassungsbrief von Karin I. aus Hephata, die 16-Jährige habe sich „in Begleitung von 2 Jungen […] von der Station entfernt“. Die Diagnose lautet „Poriomanie und Nymphomanie“ – zwanghaftes Weglaufen und krankhafter Sexualtrieb.

Hintergrund: Der Eingriff

Die Hirnkammerluftfüllung (Pneumoenzephalographie) ist eine für Patienten sehr unangenehme Methode, bei der das Gehirn geröntgt wird. Dabei wird durch die Punktion mit einer langen Nadel zwischen zwei Wirbelkörpern Liquor ab- und Luft in den Rückenmarkskanal eingelassen. Durch Umlagerung des Patienten steigt diese Luft dann im Rückenmarkskanal auf bis in das Ventrikelsystem des Gehirns.

In der Nachkriegszeit war die Pneumoenzephalographie nach Angaben des Medizinhistorikers Volker Roelcke die einzige Möglichkeit, um Aufnahmen des Gehirns zu erstellen, wenn der Verdacht auf eine somatische Störung bestand.

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