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Die Lufthansa als größte Fraport-Kundin will keine Steilstart-Versuche auf ihrem Heimatflughafen Frankfurt - eine Lärmentlastung sei nicht erwiesen, sagt ein Sprecher der Fluglinie.

Lufthansa blockiert Steilstart-Tests

Lärmschutzbeauftragter der Landesregierung sieht in neuem Verfahren Lärmentlastung für FlughafenumgebungEine neue Startmethode auf dem Rhein-Main-Flughafen könnte Frankfurt und die Region von Lärm entlasten. Doch die Lufthansa legt sich quer. Jeder Start würde 20 bis 100 Liter mehr Kerosin kosten. Dossier: Wächst der Flughafen weiter?

Von WOLFGANG SCHUBERT

Frankfurt · 27. Januar · Ein Blick auf die Landkarte macht es deutlich: Vom Steilstart profitieren würden nicht nur zahlreiche Frankfurter Stadtteile, sondern auch die Taunusgemeinden, Wiesbaden oder Büttelborn, Griesheim, Wolfskehlen oder die Darmstädter Vororte, weil die Jets dort schon um einiges höher wären als bisher. Die Gemeinden sind 3,5 bis 15 Kilometer von den Startbahnen entfernt und liegen in jenem Bereich, für den Thomas Jühe eine "spürbare Lärmreduzierung" von bis zu 3 db(A) voraussagt. Jühe ist Bürgermeister von Raunheim und Vorsitzender der "Kommission zur Abwehr des Fluglärms" .

Seit März vergangenen Jahres bemüht sich das Gremium, dem Vertreter fast aller Anliegerkommunen angehören, das Steilstartverfahren wenigstens einmal zu testen. Mit der Flughafenbetreibergesellschaft Fraport war der Probelauf bereits abgesprochen. Ein Jahr lang sollten alle Abflüge von der Startbahn West bis zum Funkfeuer Ried östlich von Biebesheim erfasst und der Fluglärm aufgezeichnet werden. Fraport hatte zugesagt, neben den fest installierten Messanlagen entlang der Anflugroute zusätzlich mobile Lärmmessstationen zur Verfügung zu stellen. In ihrem Fluglärmreport vom November 2004 hatte die Fraport das Projekt vorgestellt und für den steilen Anstieg sogar geworben. Bei diesem Verfahren wird auch nach Erreichen einer Höhe von 1500 Fuß (458 Meter) die Schubleistung weiter in Höhengewinn umgesetzt. Bis zum Erreichen von 3000 Fuß (915 Meter) wird durchgehend steil gestiegen. Erst dann nimmt das Flugzeug Geschwindigkeit auf und gewinnt weniger schnell an Höhe. Bislang flacht die Startphase schon bei 1500 Fuß ab. Zu diesem Zeitpunkt sind die Maschinen etwa 3,5 Kilometer von der Startbahn entfernt.

Unterstützung erhält Jühes Lärmschutzkommission von Georg M. Müller, dem Lärmschutzbeauftragten der hessischen Landesregierung. "Für den Flughafennahbereich zwischen 3,5 und 15 Kilometer ist das Steilstartverfahren ein Lärmminderungsverfahren", sagt Müller. Der Mann weiß, wovon er spricht. Jahrelang hat er selbst im Cockpit von Flugzeugen des Lufthansa-Konzerns gesessen.

In Frankreich Pflicht

Weil zahlreiche Gemeinden entlastet würden, setzte sich auch Müller beim Bundesverkehrsministerium zumindest für einen Test in Frankfurt ein. Sicherheitsbedenken gab es für den Ex-Piloten keine. Schließlich wird das Steilsteigverfahren von der Zivilluftfahrtorganisation ICAO sogar vorgeschlagen und aus Lärmschutzgründen an Flughäfen wie Amsterdam, Mailand und auf allen elf internationalen Airports in Frankreich einschließlich dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle praktiziert. Dort müssen auch Lufthansa-Piloten nach dem Steilstartverfahren fliegen.

In Frankfurt aber sagt der wichtigste Flughafen-Kunde nein. "Wir sind von den Lärmminderungspotenzialen nicht überzeugt", sagt Lufthansa-Sprecher Stefan Schaffrath. In Köln habe sich bei Tests von Condor im Nahbereich des Flughafens sogar eine höhere Belastung ergeben. Allerdings lehnt Schaffrath das Steilsteigverfahren nicht grundsätzlich ab. Lufthansa sei durchaus zu Testflügen mit einer extra zur Verfügung gestellten Maschine bereit. Aber nicht auf einem so hoch belasteten Flughafen wie Frankfurt. "Wir könnten uns Bremen oder Leipzig vorstellen." Gegen den Probebetrieb in Frankfurt spreche auch, "dass wir dann 3600 Crews besonders schulen müssten". Schaffrath nennt dies angesichts der unklaren Lärmminderungspotenziale "Aktionismus". Der LH-Sprecher räumt aber ein, dass die möglichen Mehrkosten an Kerosin ein Argument ist. Es sei "aber nicht das Wesentliche".

Ministerium folgt Lufthansa

Weil die Lufthansa sich sträubt, sieht sich auch der zuständige Bundesverkehrsminister "nicht in der Lage, derzeit eine positive Entscheidung zu treffen". Schriftlich teilte das Ministerium der Lärmschutzkommission mit: "Insbesondere die Deutsche Lufthansa als wesentlicher Nutzer des Flughafens Frankfurt lehnt das geplante Steilstartverfahren ab, da sich einerseits kein signifikantes Lärmminderungspotenzial erkennen lasse und andererseits erhöhter Treibstoffverbrauch mit einer Schadstoffmehrbelastung und Kostensteigerungen zu erwarten sind." Thomas Jühe fragt sich, "warum an anderen Flughäfen das Steilstartverfahren gerade aus Lärmgründen praktiziert wird" und warum ausgerechnet die Lufthansa das Verfahren schlecht rede. "Denen geht es zum einen ums Geld und dann um ein Prinzip", unterstellt der Raunheimer Bürgermeister: "Die weigern sich, schon heute alle möglichen Lärmminderungspotenziale auszuschöpfen, weil sie angesichts der Ausbaudiskussion die Entlastungen auf mehrere Jahre verteilen wollen. Sonst hätten die in zehn Jahren nichts mehr vorzuweisen."

Dossier: Wächst der Flughafen weiter?

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