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Flughafen Frankfurt: Milliarden von Masken

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Von: Oliver Teutsch

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Zollbedienstete in der Cargo City Süd nehmen Luftfracht aus China unter die Lupe.
Zollbedienstete in der Cargo City Süd nehmen Luftfracht aus China unter die Lupe. © Peter Jülich

Die Pandemie und der Brexit haben dem Frankfurter Zollamt Fracht 2021 ein Rekordjahr beschert. Auszeichnung für Frankfurter Zöllner als Brexit-Koordinator.

Kurzarbeit in Folge der Pandemie kennen die 350 Beschäftigten des Frankfurter Zollamts Fracht nur vom Hörensagen. Denn gerade in den vergangenen beiden Jahren gab es in der Abfertigung am Frankfurter Flughafen mehr Arbeit denn je. 2021 war für das Zollamt Fracht in vielerlei Hinsicht ein Rekordjahr. Schwer vorstellbare 2,32 Millionen Tonnen Fracht wurden abgefertigt.

„Das ist trotz der Pandemie der mit Abstand höchste Frachtumschlag, den wir je hatten“, betont Zolloberamtsrat Detlev Schmidt, der Leiter des Zollamts Fracht. Aber was heißt da trotz der Pandemie? Auch wegen der Pandemie. Denn dadurch gelangten Artikel an den Frankfurter Flughafen, die es dort in dieser Zahl noch nie gegeben hat. Von März bis Juni 2020 hat das Zollamt mal Statistik geführt, wie viele Schutzmasken am Frankfurter Flughafen ankamen: über fünf Milliarden in drei Monaten. „Hier hat die Hütte wirklich gebrannt“, erinnert sich Schmidt. Nicht zuletzt, weil diese Hygieneartikel auf einmal auch von Personengruppen dringend gebraucht wurden, die sich mit der Abfertigung gar nicht auskannten und ohne Papiere wie etwa einem Frachtbrief beim Zollamt auftauchten.

Für den Umschlagrekord verantwortlich ist auch noch ein anderes Großereignis der jüngeren Vergangenheit: der EU-Austritt Großbritanniens. Wer denkt, dass die EU-Außengrenze in Frankfurt weit weg ist, der irrt. „Wir sind hier eine Drittlandabfertigung“, betont Schmidt. Mit dem sogenannten Brexit habe sich die globale Beförderungsstrecke verlagert. Denn Unternehmen, die etwa in Südostasien produzieren, lassen ihre Ware für das europäische Festland nun gleich nach Frankfurt schicken und umgehen den bislang teilweise gewählten Umweg über London. Dabei hat Frankfurt schon 2020 europaweit auf Platz eins der Umschlagflughäfen gelegen, noch vor Paris, Charles de Gaulle, und Amsterdam, Schiphol.

Der Brexit hat die Zollabfertigung noch vor ein anderes Problem gestellt. Zunächst war völlig unklar, wo die deutschen Unternehmen ihre Importware abfertigen lassen würden. Von Vorteil ist, dass die Frachtabfertigung hochgradig digitalisiert ist. So können die durchweg mit Laptops ausgestatteten Frankfurter Bediensteten ortsunabhängig auch Ware, die in Köln ankommt, abfertigen und die Zollämter können sich somit gegenseitig unterstützen. Auf ein großes Zollamt Fracht wie Frankfurt kam dadurch noch mehr Arbeit zu.

Die Unterstützung bei der Bewältigung der Brexit-Spitzen muss daher koordiniert werden. Auch diese Arbeit wird von Frankfurt aus erledigt und zwar von Zolloberinspektor David Klein. Der 33-Jährige hat in den vergangenen zwei Jahren mit seinem Laptop wahrlich keinen Dienst nach Vorschrift gemacht, wie auch seinem Vorgesetzten Schmidt aufgefallen ist: „Das waren für ihn keine Achtstundentage, das war Open End.“ Die vielen Überstunden haben Klein jetzt eine Auszeichnung gebracht. Die Weltzollorganisation hat ihn für seine Bemühungen als „Brexit-Koordinator“ für die Hauptzollämter Frankfurt, Darmstadt, Karlsruhe, Saarbrücken und Schweinfurt mit einem Zertifikat geehrt. „Da habe ich mich riesig drüber gefreut“, sagt Klein, der mit der Generalzolldirektion in den vergangenen Monaten mehrmals wöchentlich via Skype konferiert hatte und von der Oberbehörde wohl nicht zuletzt deshalb für eine Auszeichnung vorgeschlagen wurde, die Klein auch stellvertretend für sein Kollegium in Empfang nahm. Die Auszeichnung haben sich die Beschäftigten des Zollamts Fracht im wahrsten Sinne des Wortes verdient: 6,64 Milliarden Euro hat das Zollamt Fracht im vergangenen Jahr eingenommen, auch dies ist ein neuer Höchstwert.

Knapp eine Million Zollanmeldungen haben Klein und Kolleg:innen im vergangenen Jahr abgefertigt. „Wir haben im Prinzip einen sehr abstrakten Job“, sagt Klein. Denn den weit überwiegenden Teil der Ware sieht Klein nur auf dem Papier. Nur stichprobenartig wird geprüft, ob sich hinter der Anmeldung der Firmen auch tatsächlich das verbirgt, was deklariert wird. Dafür lässt sich das Zollamt dann die Fracht in die Beschauhalle in der Cargo City Süd bringen. An diesem Vormittag ist Fracht aus China eingetroffen und wird in der Beschauhalle unter die Lupe genommen: Rodelschlitten und Trainingsmaterial der Olympioniken aus Österreich und des Russischen Olympischen Komitees (ROC). „Die müssen hier einen Anschlusswettbewerb haben“, überlegt Zolloberamtsrat Schmidt auf die Frage, warum sich Russland seine Sportutensilien von China nach Frankfurt schicken lässt. Nicht nur für die Wirtschaftswelt liegt Frankfurt im Herzen von Europa.

Zolloberinspektor David Klein hat sich als Brexit-Koordinator verdient gemacht.
Zolloberinspektor David Klein hat sich als Brexit-Koordinator verdient gemacht. © Peter Jülich

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