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Kontakt in gemeinschaftlich genutzten Räumen sollte in diesen Zeiten vermieden werden.

Zuwanderung

Flüchtlinge in Hessen: Auf engem Raum in Coronazeiten

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Flüchtlinge in Sammelunterkünften sind besonders gefährdet, fürchten ihre Unterstützer. In Gießen gibt es den ersten Infektionsfall in Hessen

Seit Beginn der Corona-Krise dringt der Hessische Flüchtlingsrat darauf, möglichst wenige Menschen in Großunterkünften unterzubringen. Stattdessen sollten Flüchtlinge „dezentral“ wohnen, damit sie vor der Ansteckung mit dem Virus besser geschützt seien, forderte der Flüchtlingsrat Anfang voriger Woche erneut.

Mit dem ersten bestätigten Fall in einer hessischen Erstaufnahmeeinrichtung hat diese Debatte an Aktualität gewonnen. Am Donnerstag hatte das Regierungspräsidium Gießen gemeldet, dass ein 24-jähriger Mann aus Afghanistan, der in der größten hessischen Aufnahmestelle in der Rödgener Straße in Gießen lebt, positiv auf den Covid-19-Erreger getestet worden sei.

Der Mann sei „im Rahmen der bei Ankunft stattfindenden medizinischen Regeluntersuchung aufgefallen“, berichtete das Regierungspräsidium. Er sei separat untergebracht worden in einem Gebäudeteil, der „speziell für noch nicht abschließend auf Corona und andere Krankheiten getestete Ankommende“ zur Verfügung stehe. Nun werde er bis zum 31. März von Kontakten abgesondert. Nach Angaben des Regierungspräsidiums leben derzeit 3174 Menschen in den fünf hessischen Standorten der Erstaufnahmeeinrichtung.

Gemeinsamer Appell

Nach Angaben des Flüchtlingsrats sind allein am Gießener Standort etwa 1500 Personen untergebracht. In den vergangenen Monaten habe sich die Zahl der Personen in den Erstaufnahmeeinrichtungen mehr als verdoppelt, da seit August 2019 nur noch wenige Personen auf die Kommunen verteilt würden.

„Beengte Großunterkünfte, in denen mehrere Personen ein Zimmer teilen müssen, sind niemals eine gute Idee, bei der Corona-Pandemie erst recht nicht“, urteilte die Organisation.

Die Linke im Hessischen Landtag sieht das genau so. Ihre Abgeordnete Saadet Sönmez wies darauf hin, dass die Menschen „in Mehrbettzimmern mit gemeinschaftlichen sanitären Anlagen auf engstem Raum“ zusammenlebten. „Die dort untergebrachten Personen sind daher besonders gefährdet, sich mit dem Coronavirus anzustecken“, urteilte Sönmez. Die Linken-Politikerin forderte die Landesregierung dazu auf, „Massenunterkünfte“ zu schließen – zum Gesundheitsschutz für die Bewohner.

Die Landesregierung verfolgt solche Pläne allerdings nicht. Sie konzentriert sich darauf, infizierte Flüchtlinge „so schnell wie möglich zu identifizieren und separat unterzubringen“, wie das Sozialministerium auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mitteilte.

Außerdem würden „Personen, die aufgrund von Vorerkrankungen besonders geschützt werden“ müssten, Kommunen zugewiesen, wo sie in anderen Unterkünften leben könnten. Diese Zuweisungen würden sorgfältig mit den lokalen Behörden abgestimmt, so dass „eine optimale Unterbringung der Personen in den Kommunen“ sichergestellt werden könne, so das Ministerium.

Örtlich einzeln entscheiden

Auch der Hessische Städtetag hält es nicht für sinnvoll, in der Krise Zeit damit zu verbringen, ein landesweites Konzept für eine dezentrale Flüchtlingsunterbringung auszuarbeiten. Vielmehr müsse nach den jeweiligen Gegebenheiten „örtlich einzeln entschieden“ werden, was möglich sei, sagte Städtetagsdirektor Stephan Gieseler der Frankfurter Rundschau. „Schutzmaßnahmen gelten selbstverständlich auch zugunsten der Flüchtlinge“, versicherte Gieseler.

Der Fall in Gießen ist bundesweit keineswegs der erste. Flüchtlingsunterstützer berichten von „Erkrankungen und häuslicher Quarantäne von Hunderten von Menschen auf engstem Raum, beispielsweise in Suhl (Thüringen), in Berlin und in München“.

In einem gemeinsamen Appell der Landesflüchtlingsräte, der Organisation „We’ll come United“, der bundesweiten Medibüros, von Pro Asyl, Seebrücke und anderen Gruppierungen heißt es, Geflüchtete in Aufnahmeeinrichtungen, Gemeinschaftsunterkünften und in der Abschiebehaft würden unzureichend geschützt.

„Wir fordern eine sofortige Auflösung der Massenunterbringung in Gemeinschaftsunterkünften, Erstaufnahmeeinrichtungen und Ankerzentren“, schreiben die Organisationen. Die Infektionsgefahr sei „nicht zu verantworten“.

Corona-Zeit ist die Zeit für Menschlichkeit: Im Judentum steht das Leben über allen Geboten. Es braucht nicht viel, um Verantwortung zu übernehmen – gerade jetzt. Die Kolumne.

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