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Flüchtling stirbt in Erstaufnahme

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Von: Pitt von Bebenburg

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In der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen kommt es immer wieder zu Suizidversuchen. Foto: epd
In der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen kommt es immer wieder zu Suizidversuchen. © Rolf K. Wegst/epd

Die Staatsanwaltschaft Gießen stellt den Suizid fest. Viele Flüchtlinge leiden unter einer Perspektivlosigkeit.

Es war ein schrecklicher Todesfall, der sich vor zwei Wochen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen ereignete. Ein Mann erlitt Verbrennungen in seinem Zimmer, wurde mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus geflogen und starb dort am Tag darauf. Nach Angaben der Behörden handelte es sich um einen 34-jährigen Iraker, der in der Einrichtung lebte.

In der Polizeimeldung vom selben Tag wurde die Frage aufgeworfen, ob der Betroffene sich selbst das Leben genommen hat oder ein „etwaiges Fremdverschulden“ vorliege. Nun ist die Staatsanwaltschaft sicher, wie Sprecher Thomas Hauburger der Frankfurter Rundschau am Mittwoch mitteilte: „Es handelt sich – auch unter Berücksichtigung der Erkenntnisse zur Person des Verstorbenen – um einen freiverantwortlichen Suizid.“

Vor Ort hatte der Fall für Diskussionen gesorgt. Auch in sozialen Netzwerken wurden Zweifel geschürt. Menschen, die in der Einrichtung tätig sind, stellten die Darstellung in Frage. Sie wiesen darauf hin, dass der Tote an mehreren Stellen mit Fesseln ans Bett gebunden gewesen sei. Dies wurde der FR inoffiziell bestätigt. Der Umstand spreche allerdings nicht in jedem Fall, wie von Außenstehenden angenommen, gegen die Suizid-These. Der Mann soll sich von innen im Zimmer verbarrikadiert haben.

Die Ermittlungen hätten „keinerlei Hinweise auf ein Fremdverschulden ergeben“, sagte Oberstaatsanwalt Hauburger. So seien Zeugen vernommen, Kameraaufnahmen und die „Verschlussverhältnisse“ des Raums gesichtet worden. Daneben seien die Ergebnisse der Obduktion berücksichtigt worden.

In den hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen leben derzeit gut 4000 Menschen, etwa die Hälfte davon in der größten Einrichtung in Gießen. Sozialminister Kai Klose (Grüne) hatte die Obleute der Landtagsfraktionen bereits kurz nach dem Vorfall unterrichtet. Nach Informationen der FR soll der 34-Jährige schon vor mehr als 20 Jahren nach Deutschland gekommen sein. Seine Asylbegehren seien abgelehnt worden. Zuletzt habe er sich in Italien aufgehalten, das ihn nach Deutschland zurückgeschoben habe. Daraufhin sei er in der Erstaufnahme in Gießen gelandet – nach wie vor mit unsicherer Zukunftsperspektive.

Bei dem Mann war offenbar schon vor vielen Jahren eine psychische Erkrankung diagnostiziert worden. Dennoch war er nicht in psychiatrischer Behandlung. Der Vorsitzende des Trägervereins für das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge in Mittelhessen, Klaus-Dieter Grothe, sagte der FR, der betroffene Mann sei bei seinem Zentrum nicht angemeldet gewesen.

Der Bedarf an Behandlungen wegen psychischer Leiden ist groß unter geflüchteten Menschen. In dem Psychosozialen Zentrum liegt die Wartezeit nach Grothes Angaben in der Regel bei drei bis sechs Monaten. „Im Notfall hätten wir das natürlich schneller gemacht“, betonte Grothe.

Jüngst war durch eine Anfrage der Linken bekannt geworden, dass in den vergangenen anderthalb Jahren 28 geflüchtete Menschen versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Ein Mann aus Eritrea beging im März 2021 Suizid. Nach Auskunft von Sozialminister Klose wurden im Jahr 2022 bisher acht Selbstverletzungen registriert. Im Jahr 2021 waren es neun Selbstverletzungen und zehn Suizidversuche. Die Linken-Abgeordnete Saadet Sönmez sagte, es sei bekannt, „dass es Gewalt gibt und Suizidversuche vor lauter Hoffnungslosigkeit in der Erstaufnahme“.

Das beobachtet auch Andreas Lipsch, der Interkulturelle Beauftragte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). „Die Suizidversuche in der Erstaufnahme dürften in vielen Fällen mit der völligen Perspektivlosigkeit der Menschen zu tun haben“, sagte er der FR. „Wenn Asylsuchende ihre Bleibechancen schwinden sehen, wachsen Verzweiflung und existenzielle Ängste, in Elend und Gewalt zurückgeschoben zu werden.“

Wenn Sie selbst oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter: 08 00-111 0 111. Hilfe bei Depressionen und psychischen Notfall-Situationen gibt es auch unter: deutsche-depressionshilfe.de. Hilfe bietet auch der Krisendienst Frankfurt unter: 069 / 61 13 75.

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