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Flucht gelang dank Corinths Campagna

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Lieblingsstücke: May von Weinberg hat Miniaturmöbel gesammelt, die 1950 als Schenkung ins Museum kamen.
Lieblingsstücke: May von Weinberg hat Miniaturmöbel gesammelt, die 1950 als Schenkung ins Museum kamen. © Kraus

Das Jüdische Museum in Frankfurt dokumentiert Geschichten von acht Sammlungen, die in der NS-Zeit entwendet wurden und an die Erben zurückgingen. Von Matthias Arning

Von MATTHIAS ARNING

In kritischen Augenblicken suchte Curt Glaser Trost bei seinem Freund. Und so schrieb er im Mai 1933 an den Maler Edvard Munch: "Die ganze Welt meiner Vergangenheit ist Stück für Stück zusammengebrochen."

Zu dieser Welt gehörte bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten die Leidenschaft für die Kunst, die Glaser, von 1924 an Direktor der Staatlichen Kunstbibliothek, zum wesentlichen Inhalt seines Lebens gemacht hatte. Die gleich zu Beginn der Ausstellung "Raub und Restitution" im Jüdischen Museum dokumentierten Briefe dieser bekannten Gestalt des Kulturlebens belegen: Glaser pflegte Kontakte zu Munch, zu Kirchner und zu Max Beckmann, solange, wie er in seinem Schreiben hinzu setzt, "bis auch nichts mehr von dieser Welt übrig bleibt."

Damit markiert Glaser selbst die tief greifende Zäsur in seinem Leben: Nachdem ihn die neuen Machthaber im September 1933 offiziell entlassen hatten und er auch seine Wohnung räumen musste, steht für den 1914 vom jüdischen zum protestantischen Glauben übergetretenen Mann von Mitte fünfzig außer Frage: In diesem Deutschland würde es für ihn keine Zukunft geben.

Für die Ausreise gemeinsam mit seiner Frau Maria braucht die Familie Geld, das zur Versteigerung anstehende Bilder bringen sollen. Darunter ein Werk von Lovis Corinth. Es ist ein von satten Grüntönen dominiertes Werk, stammt aus dem Jahr, in dem der Erste Weltkrieg beginnt, und heißt "Römische Campagna". Das Bild steht am Anfang der Ausstellung. Mit diesem Gemälde verbindet sich im Weiteren eine Geschichte, die von dieser überaus sehenswerten Dokumentation allmählich zu zahlreichen Details entfaltet wird: Details, die Wissen über die Opfer wie über die Täter vermitteln.

Das gehört für Raphael Gross zur Systematik der am Mittwochabend im Jüdischen Museum eröffneten Ausstellung, die zuvor bereits in Berlin zu sehen gewesen ist: Acht Geschichten, die ihren Ausgangspunkt im Raub von Kunstgegenständen finden. Sicherlich, sagt Gross, hätte man das Feld dieser Betrachtungen zum systematischen Raub der Nationalsozialisten weitern können, nach der Enteignung von Immobilien und dem massenhaften Diebstahl von Hausrat fragen können.

Und doch habe man sich aus guten Gründen für die Kunst und die Kultur entschieden, setzt Inka Bertz hinzu, die Macherin der Ausstellung in Berlin. Schließlich sollte dieser Bezug deutlich machen, dass die Kultur wie die Kunst für Juden in Deutschland stets "ein ganz besonderer Saft" gewesen seien, ein Medium der Teilhabe. Mit der deutschen Kultur hätten sich Juden stets "stark identifiziert", sagt Gross, und gleichzeitig habe man ihnen überaus deutlich gemacht, von dieser Kultur ausgeschlossen zu sein.

Zu den Geschichten, die mit dem Raub der Kunstgegenstände in der Ausstellung ihren Anfang nehmen und schließlich in dem vortrefflichen Katalog fortgeschriebene werden, gehört ihr weiterer Verlauf in der Nachkriegszeit. Einer Zeit, in der Wiedergefundenes zunächst an zentralen Stellen gesammelt worden ist. Einer Zeit, in der die meisten Raubstücke allerdings in privaten Haushalten und den Depots der Museen verschwunden blieben.

Das änderte sich erst mit der Konferenz in Washington 1998, als die von der damaligen Clinton-Regierung versammelten Staaten sich verpflichten, geraubtes Kulturgut zu identifizieren und schließlich auch zurückzugeben. Eine Konferenz, die für Gross eine Zeitenwende markiert. Ohne die sich nicht so über Raub und Restitution reden ließe, wie sich heutzutage über Raub und Restitution reden lässt. Nach der Zusammenkunft in der US-Hauptstadt zweifelte auch keiner mehr daran, dass der Raub von Menschen doch noch auf die Tagesordnung der Nachkriegsgesellschaften kommen würde, über die Zwangsarbeiter in der deutschen Kriegsproduktion unbedingt noch mal ein Wort zu reden sein dürfte.

Die Geschichte Curt Glasers erzählt die Ausstellung in den kommenden Wochen so weiter: Das Gemälde Corinths wurde versteigert, wer es erwarb, weiß man nicht. Klar ist allein: Das Bild gehörte vor 1945 zur Sammlung des in Berlin ansässigen Immobilienbesitzers Conrad Doebbeke, der nach Kriegsende Werke an Depots verschiedener Museen gab.

Eine Tatsache, die Ferdinand Stuttmann bekannt gewesen sein soll. Schließlich leitete der Mann von 1937 an bis 1962 die Gemäldegalerie des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover. Vor anderthalb Jahren bekam Corinths Campagna wieder rechtmäßige Besitzer - die Erbengemeinschaft Glaser erhielt das Werk zurück.

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