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Mit 80 Jahren ein stetig Lernender: Bernd Zürn.

Flörsheim

Schlechter Schüler, guter Lehrer

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Bernd Zürn gilt als Aushängeschild für den Naturschutz in seiner Heimatstadt – ein Porträt.

Der erste Weg mit dem Besucher führt zum Dachgarten mit künstlichem Rasenteppich im vierten Stock des Mietshauses im Ortsteil Weilbach. „Die Aussicht, ist das nicht wunderbar?“ Mit ausgebreiteten Armen zeigt Bernd Zürn auf seine Welt. Dabei ist gar nicht so viel zu sehen an diesem Morgen. Die weite Landschaft der Mainebene und die nur zu ahnende Metropole dahinter zerfließen im diesigen Dunst. Der Taunus auf der anderen Seite ist kaum zu erkennen. Die knappe Geste aber drückt aus, was den Mann bewegt, der hier aufgewachsen ist. Die Liebe zu diesem Umfeld im 360-Grad-Panoramablick ist sein ständiger Motor. Sie treibt ihn an, im privaten und im öffentlichen Leben, dem aktiven Naturschutz.

Kaum zu glauben, dass dieser Mann schon 80 Jahre alt ist. Kurze weiße, volle Haare, knapp der Bart im gleichen Farbton, wache Augen. Drahtig, gestählt kommt er daher in seiner Jeans und dem karierten Hemd, über das er ein knallorangenes Radler-Trikot gezogen hat. „Ich bin der Bernd“, begrüßt er den Besucher mit ausgestreckter Hand und einem Lächeln. Distanz ist nicht sein Ding, wenn Menschen zusammentreffen. Auch nicht beim ersten Mal. Da ist er viel zu neugierig, im positiven Sinn, sucht sofort die Verbindung. Aber niemals distanzlos, nur offen.

In der Schule war er das nicht, damals direkt nach Kriegsende. „Ich war nie ein guter Schüler“, bekennt Bernd Zürn freimütig. Das Schulsystem hat den Bub nicht packen können, der täglich zwischen der kleinen Landwirtschaft zu Hause in Okriftel und der unverständlichen Theorie hin und her springen musste. Viel schaffen musste er schon als Zehnjähriger auf dem Hof, früh Verantwortung übernehmen. Zu zäh kam der Stoff in der Schule daher. Da habe einfach die Motivation gefehlt. Die Triebfeder im Leben von Bernd Zürn. „Wenn ich überzeugt bin, reiße ich Bäume aus“, sagt der Umweltaktivist, den diejenigen, die seinen unermüdlichen Einsatz für seine Überzeugungen zu spüren bekommen, auch mal als Querulanten bezeichnen. Im seit Jahrzehnten schwelenden Streit um die Weilbacher Umgehungsstraße etwa. Das steckt er locker weg.

Dass der schlechte Schüler („Ich bin zweimal sitzen geblieben“) als Lehrer für Jahrzehnte an den Ort seines frühen Leids zurückgekehrt ist, kann verstehen, wer die Grundphilosophie des Bernd Zürn nachvollziehen kann. Die Idee vom ewig Lernenden, der Neues wie ein Lebenselixier einsaugt. Bei IBM hat er nach der Ausbildung zwei Jahre gut verdient, aber sich „nicht wohlgefühlt“. Als Lehrer wurde er mit 27 Jahren auch wieder Schüler, die Berufsfachschule ein Feld, auf dem es reichlich zu ackern gab. Zum Wohle der Schüler und zur Erweiterung des Horizonts des Lehrers. „Erziehung fürs Leben“ nennt Bernd Zürn diese Ausbildung in zwei Richtungen. Ein Quereinsteiger ist er immer geblieben, es gibt ja so viele Abzweigungen im Leben, auf deren Pfaden man lernen kann.

Praktischer realitätsnaher Unterricht, wann immer es möglich ist, das war die Maxime des Lehrers Zürn. Basierend, für ihn selbstverständlich, auf Werten wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Pflichtbewusstsein. Und dann raus ins richtige Leben, zum Arbeitsgericht etwa, zu einer großen Kaufhauskette, zu Bahn, Post und Banken. Praktikumszeit war für den unersättlich erkenntnishungrigen Bernd Zürn immer auch Lehrerpraktikum. Selbst in den Ferien. Da hat er mal sechs Wochen im Frachtbereich des Flughafens gearbeitet. Im Kopf der Tunnel-Bohrmaschine beim Projekt „Stuttgart 21“ ist er einmal unter die Erde gefahren, immer die direkte Erfahrung machen, „das ist Leben pur“.

Wenn Bernd Zürn vom „Bäume ausreißen“ spricht, ist das natürlich nur eine Metapher. Der Mann mit dem aufrechten Gang rettet lieber Bäume, schützt Umwelt und Natur. Protestiert gegen Umgehungsstraßen und zieht sich den Ärger seiner Nachbarn zu, ist montags fast immer beim Protest gegen einen weiteren Flughafen-Ausbau dabei und arbeitet täglich in seinem engsten Lebensumfeld für bessere Bedingungen für Mensch und Tier. Kürzlich hat er dafür beim „Tag des Ehrenamtes“ im Main-Taunus-Kreis einen Förderpreis in der Kategorie „Arbeit im Umwelt- und Naturschutz“ bekommen. Landrat Michael Cyriax nannte ihn ein „Aushängeschild für den Naturschutz in Flörsheim“. Eine von vielen Ehrungen nur für den Mann, in dessen Wohnzimmer 1983 der Ortsverband Flörsheim des BUND gegründet wurde. Die Flörsheimer Bürgermedaille in Silber haben sie ihm einmal am Tag der Deutschen Einheit überreicht, 1992 war er erster Empfänger des Flörsheimer Umweltschutzpreises.

Gut sichtbar auf dem Fensterbrett mit Blick zum Taunus stehen andere Auszeichnungen. Nicht gerade hübsch, mit Ausnahme der Spezialanfertigung eines Künstlers im Auftrag der Söhne: der Frankfurter Messeturm in Holz, im Sockel eingraviert ist das Datum 26. 9. 2018. Da ist er mit den Söhnen Christian und Stefan und Enkel Erik beim „Sky Run“ den Turm hoch gerannt. 61 Stockwerke, 1202 Treppenstufen. Ein Geschenk zum 80. Geburtstag. Zum alten Eisen gehört so einer noch lange nicht.

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