Tag der Erde

Flörsheim: Jeder Pappbecher ist einer zu viel

  • schließen

Zum Start in den Regionalparksommer gibt es ein Umweltfest an den WeilbacherKiesgruben.

Hundertsiebzig Stufen sind es hinauf auf die Plattform des Aussichtsturmes. Wer hier oben ankommt, kann nach dem Ausschnaufen nicht nur den Kirchturm von Weilbach sehen. Der Rundumblick reicht vom Taunuskamm über die Skyline von Frankfurt hinter den Masten einer Stromtrasse bis zum Odenwald, der ein wenig im Dunst verschwindet.

Näher aber, und das passt zum „Tag der Erde“, der am Sonntag mit einem großen Umweltfest zu Füßen des Turms an den Weilbacher Kiesgruben gefeiert wurde, liegt die einstige Weilbacher Kiesgrubenlandschaft. Aus der Höhe ist schön zu sehen, wie deren Rekultivierung voranschreitet. Wie das kontrollierte Grün sich ausbreitet und sogar Kulane ihrem wilden Eselleben frönen können.

Der „Tag der Erde“ als offizieller Start des Regionalparksommers vereint rund um das Naturschutzhaus am westlichen Portal des 190 Kilometer langen Regionalparkweges Menschen und Gruppierungen, die es ernst meinen wollen mit Umweltschutz und Ökologie, mit Klimaschutz und zukunftsorientierter Mobilität. Natürlich ist auch Bernd Zürn dabei, der inzwischen 80-jährige Umweltaktivist aus Weilbach, der hier bekannt ist wie ein bunter Hund. „Wenn du mal in Rente gehst, können hier drei Initiativen zumachen“, sagt einer im Spaß. Da steht „der Bernd“, wie sie ihn nennen, gerade am Fairtrade-Stand und verteilt fair gehandelte Bananen ans Laufpublikum. Nachmittags ist er beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), den er im Ort mitgegründet hat, zwischendurch noch beim ADFC, wenn sie ihn brauchen. Die Bananenschalen nimmt er mit für den Komposthaufen daheim, einen „Kaffee to go“ würden Menschen wie Bernd Zürn nie trinken.

Das kleine Mahnmal, das Mitarbeiter der Gesellschaft zur Rekultivierung der Kiesgrubenlandschaft Weilbach gebastelt haben, ist von der Plattform des Turmes aus nicht zu sehen. Es spiegelt auch nur eine Sekunde eines modernen Wahns, über den sich zu viele Menschen zu wenige Gedanken machen. In jeder Sekunde gehen demnach 88 „Coffee-to-go-Becher“ über irgendwelche Tresen, eine kleine Pyramide nur. Man braucht gar nicht so viel Vorstellungskraft, um die Pyramide wachsen zu sehen. In einer Minute um knapp 5300 Becher, in einer Stunde um rund 320 000 Becher, in einem Jahr um knapp 2,8 Milliarden Becher. Das dürften mehr als 170 Stufen zur Turmspitze sein – und 43 000 Bäume im Jahr das Leben kosten.

Stefan Trauth aus Schwalbach wirbt für „Smart Urban Mobility“. Hat E-Bikes im Lkw angekarrt, für Testfahrten und „Auf-den-Geschmack-kommen“. Im Fokus Lastenräder, ein Markt der Zukunft. Natürlich fährt der Mann selbst eines, bringt damit etwa die Kinder zum Kindergarten. „Fünfzehn Minuten schneller als mit dem Auto. Täglich. Rechnen Sie sich das mal aus, wieviel Lebenszeit man gewinnt.“ Der Markt ist groß, in Frankfurt kurven laut Stefan Trauth nur rund 800 Lastenräder durch die Straßen, im etwa gleich großen Kopenhagen an die 30 000. So viele „TWIKE“ sind bisher nicht mal gebaut. Das Leicht-Elektromobil ist ein echter Hingucker. Zehn Quadratmeter Photovoltaik sollen reichen, um das Gefährt 10 000 Kilometer im Jahr zu bewegen. „SUVs zu Pflugscharen – Abrüstung auf vier Rädern“ fordert ein Aufkleber auf der runden Cockpit-Scheibe.

Natürlich werden beim „Tag der Erde“ keine To-go-Becher gereicht. Die Weilbacher Landfrauen in hübschen Schürzen am Rand der Versorgungszone zwischen Tümpel und Naturschutzhaus bieten Kaffee und Kuchen auf ordentlichem Geschirr, das nach Gebrauch zum Spülmobil gebracht wird. Süßer und Saft werden in Gläsern gereicht, die Wegwerfgesellschaft kurzfristig ausgeblendet. Eigentlich gar nicht so schwer, sinniert manch einer bei der Ruhepause am kleinen angelegten Teich mit Brücke. Die meisten haben ein bis zwei oder mehr Multiplikatoren der kommenden Jahre an der Hand.

Alle Termine beim Regionalparksommers im Internet unter www.regionalpark-rheinmain.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare