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Flaumige Nilgänschen

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Das Petrihaus im Rödelheimer Brentanopark .
Das Petrihaus im Rödelheimer Brentanopark . © Christoph Boeckheler

Der Frankfurter Brentanopark ist im Umbruch. Historische Sichtachsen sollen wieder entstehen, alte Rosensorten duften. Wie es werden kann, soll sich im Herbst zeigen. Von Lia Venn

Von Lia Venn

Das glaubt der Ludwig-Landmann-Straße kein Mensch, nicht ihren Betonmassen, ihrem Tosen nicht, dass nach nur wenigen Metern entlang der Nidda derartiges Grün über sie hereinbricht. In der frischen Wiese tummeln sich Löwenzahn und Gänseblümchen. Am Ufer stehen hoch und dicht beblättert die Bäume. Der riesige Weißdornbusch duftet betörend. Der Jogger nicht so. In einer Dreiergruppe tuscheln Eichen mit dem Wind, im Gras meckert eine Elster. Warum läuft die wie ein Huhn?

Ein Mensch mit Block fällt hier auf. "Was schreibst Du da?", fragt ein Junge im gelben Trikot, Nummer 22 - Butt. Bayern München! Mit so einem redet man nicht. Da fährt der Wind in die Erle. Wenn er ihr die Blätter umklappt, wirken sie silbrig. Jenseits der Nidda leuchtet blau das Becken des Brentanobades. Der Park naht.

An der Flußgassen-Brücke sieht es aus, als hätte ein riesiges Maul in die Böschung gebissen. Der Brentanopark ist im Umbruch. Historische Sichtachsen sollen wieder entstehen, alte Rosensorten duften. "Ein endgültiges Bild ist noch gar nicht zu gewinnen", sagt Bernhard Reichel, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins. "Wie es werden kann, zeigt sich, wenn die im Herbst gepflanzten historischen Rosen blühen. Darauf sind wir alle sehr gespannt." Laut Grünflächenamt soll dieses Jahr alles fertig werden.

Auf der anderen Seite der Brücke steht wuchtig eine Platane und trägt einen Rindenschurz aus Holz - dass sie nicht auch einer beißt. Hier ist die kleine Insel, umflossen von beiden Niddaarmen, und oben drauf ein Nilgans-Paar, mit sechs Jungen! Die Kleinen so flaumig, eng beieinander, die Eltern stolz und hochgereckt. Unter der zweiten Brücke fließt kaum mehr Wasser, im Rest gründeln zwei Erpel. Unzählige GeflügelFußabdrücke zeugen von Besuchen im Schlick. Nun lässt sich die Gemarkung des 4,6 Hektar großen Brentanoparks betreten.

"Der Park heißt nach der Frankfurter Familie Brentano so", weiß Christine Reinhardt, die gerade auf dem Weg nach Hause ist. "Ich bin 1961 hier geboren, bin hier aufgewachsen und ich lebe da gegenüber vom Park." Sie schätzt besonders die Fauna. "Weiter vorn hat eine Drossel Jungvögel, und haben Sie die Nilgansjungen gesehen! Ich komme jeden Tag und hoffe, dass noch alle da sind."

Nilgänse kamen im 18. Jahrhundert als Ziergeflügel in europäische Gärten. Kleine Zeitreise: 18. Jahrhundert. Weit entfernt vom idyllischen Rödelheim, noch Residenz der Grafen Solms-Rödelheim-Assenheim, stöhnen im Sommer die wohlhabenden Bürgerfamilien in der Enge der alten Reichsstadt Frankfurt. Man sehnt sich nach Häusern auf dem Lande. Rödelheim zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen. Da ein Landhaus haben? Unbedingt. So nimmt der Brentanopark am Ufer der Nidda im Jahr 1770 seinen Anfang, als Garten der Familie des preußischen Hofrats Basse. 1785 errichtet Basse - mit Hilfe Goethes, wie Baupläne bezeugen - sein Landhaus. 1808 erwirbt Georg Brentano, ältester Sohn von Peter Anton Brentano und seiner zweiten Ehefrau Maximiliane von La Roche, einer Freundin Goethes, den Grund. In den folgenden 40 Jahren vergrößert Brentano das Areal. Dass sich die Ankäufe so ziehen, liegt an den schmalen Grundstücksstreifen an der Nidda, aufgeteilt auf viele Eigentümer. Ein Stückchen Niddawiese zu haben ist hilfreich - zum Waschen und Bleichen. 1819 kauft Georg Brentano das ursprünglich vom Rödelheimer Bäcker Petri erbaute Petrihäuschen und von der Gemeinde 1820 das Grundstück dazu. 115 Käufe sind bis 1842 im Register von Brentano geführt. 14 Hektar groß wird der Park.

Nach seinem Tod gelingt es den Erben nicht, sein Lebenswerk fortzusetzen, aber der Park bleibt erhalten. Zur Flussregulierung kauft ihn 1926 die Stadt Frankfurt. Und das Brentanobad wird gebaut. So schrumpft der Park. 1931 entsteht nach Plänen Ernst Mays der halbrunde Pavillon.

Auf der Zeitmaschine ist nun wieder das Jahr 2010 eingestellt. Am Schwimmbad drehen Rollschuhläufer ihre Kreise zur Titelmelodie von Miss Marple. Im Pavillon residiert der Rödelheimer Heimat- und Geschichtsverein und bietet öffentliche Vorträge an. Noch einmal Christine Reinhardt: "Dass der Pavillon hinten eckig ist, hab ich nicht gewusst, da war ja alles zugewachsen." Auch eine Folge der Park-Umgestaltung. Vom Landhaus ist nurmehr das ehemalige barocke Küchenhaus geblieben. Der alte Ginkgo vorm Petrihaus steht noch, nicht der einzige im Park. Plural von Ginkgo: Ginkgen? Auf dem Wehr warnen Worte: "Achtung Wehr! Sogwirkung Lebensgefahr!" Das frühere Badehaus, oft als Goethetempelchen bezeichnet, sieht mit seinen Säulen und so fensterlos aus wie eine Gruft auf dem Hauptfriedhof. Es diente Hofrat Basse als Volière und befindet sich am Übergang zum Solmspark.

Noch im Brentano-Teil steht am Ende des Inselgässchens das Sandsteinmahnmal "Denkmal-Synagoge" von Christof Krause, errichtet 1979. Hier stand von 1838 bis zur Pogromnacht 1938 die Synagoge, die 1944 endgültig zerstört wurde. Auf das Denkmal - Menschen, die sich aneinanderdrängen - haben Passanten viele helle Kieselsteine gelegt. Das Thoraschild der Rödelheimer Synagoge befindet sich heute im Jüdischen Museum in New York - am Central Park.

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