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Patienten werden zum Beispiel durch Festschnallen am Handgelenk fixiert.

Hessen

Fixierung in Psychiatrie erfolgt oft wegen Personalmangel

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SPD, Linke und Verdi sehen Handlungsbedarf in hessischen Psychiatrien. Das helfe Patienten wie Beschäftigten.

Im Klinikum Frankfurt-Höchst wurden in den vergangenen zehn Jahren jeden Monat im Durchschnitt 17 Patienten fixiert. Sie wurden an Armen, Beinen und Bauch festgezurrt, manchmal auch an der Stirn. In den Kreiskliniken Darmstadt–Dieburg waren es im Monatsdurchschnitt bis zu zehn Fixierungen. Das geht aus einer Antwort des hessischen Sozialministers Kai Klose (Grüne) auf eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Daniela Sommer hervor. Demnach führen viele Kliniken überhaupt keine Statistiken über Fixierungen. Laut Sommer stellen sie „einen Eingriff in das Grundrecht des Patienten auf die Freiheit seiner Person dar“, könnten traumatisieren. „Sie sollten auch in Hessen nur als letztes Mittel zulässig sein“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Sogenannte Sitzwachen hätten ständigen Sichtkontakt mit dem Patienten, um zu garantieren, dass jederzeit Gespräche möglich sind.

Rechtslage 
Fixierung in der Psychiatrie bedarf einer richterlichen Anordnung und Genehmigung, entschied das Bundesverfassungsgericht im Juli 2018.

Eine Eins-zu-eins-Betreuung durch therapeutisches oder pflegerisches Personal begeleitet die Anordnung und Überwachung des Arztes.

Nach Beendigung ist der Patient auf die Möglichkeit hinzuweisen, die Zulässigkeit überprüfen zu lassen. jur

Diese Ein-zu-eins-Betreuung ist laut Bundesverfassungsgericht zwingend. Erfolgen sollte sie nur durch professionelles und gut geschultes Personal. Doch die Realität ist eine andere: Wie aus der Antwort des Ministers hervorgeht, setzen nicht wenige Krankenhäuser externe Anbieter für Sitzwachen ein, FSJler, Schüler, Studierende, Hilfs- oder Honorarkräfte. „In Höchst wurden sogar Praktikanten mit dieser Aufgabe betraut“, sagt Sommer. Die Betrauten hatten Deeskalationstraining oder Fixierungsschulungen absolviert; über die Qualifikation des externen Personals konnten die Kliniken keine Aussage machen. Diese Zustände will die Sozialdemokratin nicht hinnehmen. Ihre Forderung: Mehr Personal und damit mehr Zeit für Patienten, qualifizierte Kräfte für Sitzwachen, mehr sozial-therapeutische Angebote und ein 24-Stunden-Krisendienst, der im Vorfeld Einweisungen in Akutpsychiatrien bei Krisen vermeiden könnte. Eine SPD-Anhörung mit den Betriebsräten aller Psychiatrien in Hessen habe gezeigt, dass strukturelle Mängel „immer wieder zu Missständen führen können, die eine massive Belastung für Patienten und Personal zur Folge haben und nicht nur Akutstationen betreffen“. Bedingungen für Patienten wie Mitarbeiter seien zu verbessern.

Auch Christiane Böhm von der Linksfraktion unterstützt die von der Gewerkschaft Verdi bei einem Aktionstag am Dienstag erhobene Forderung nach einer „guten Personalausstattung in der Psychiatrie“. Laut einer Verdi-Umfrage können sich mehr als drei Viertel der Pflegekräfte bei der derzeitigen Personalsituation nicht vorstellen, bis zur Rente im Beruf zu arbeiten. „Erschreckend“, so Böhm, sei die hohe Zahl der „Zwangsmaßnahmen“, die die Hälfte der Beschäftigten mindestens ein Mal pro Woche erlebten. Mehr als 60 Prozent hätten gesagt, „ungefähr die Hälfte“ oder „fast alle“ seien mit mehr Personal vermeidbar.

Über „Fortgang und Entwicklung in der Psychiatrie Frankfurt Höchst“ informieren Klose und die Verantwortlichen am heutigen Mittwoch in einer Pressekonferenz in Wiesbaden.

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