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Wiedersehensfreude nach dem Knast. Foto: Camini Filmverleih
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Wiedersehensfreude nach dem Knast.

Kultur

Filmdebüt in Frankfurt: Schwul sein für die deutschen Behörden

Toubab, das Spielfilmdebüt des hessischen Regisseurs Florian Dietrich, begleitet zwei Frankfurter Gangster im Kampf gegen die Regelungen des deutschen Bleiberechts. Der Film läuft ab 23. September im Kino. Von Kiki Bruder.

Nach zwei Jahren Gefängnisaufenthalt atmet der Frankfurter Kleinkriminelle Babtou endlich wieder die süße Luft der Freiheit. Doch kaum ist er draußen, weckt er erneut die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden. Diesmal soll es nicht zurück in die Strafanstalt gehen, sondern nach Senegal, dem Heimatland seines Vaters. Dabei wurde Babtou in Deutschland geboren. Um seinen Aufenthaltsstatus zu sichern, heiratet er kurzentschlossen seinen besten Kumpel Dennis. Jetzt müssen die beiden die Ausländerbehörde davon überzeugen, dass ihre Liebe echt ist. „Toubab“ heißt die Komödie, die die Geschichte von Babtou und Dennis erzählt. Das Spielfilmdebüt des hessischen Regisseurs Florian Dietrich (35) kommt am 23. September in die Kinos.

„Schon in der Schule wusste ich, dass ich Filme machen will“, erzählt der gebürtige Wiesbadener. „Ich habe mich damals ein bisschen ins Theater verknallt.“ Für ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) war er nach dem Schulabschluss zu jung. Eine Bewerbung ist erst ab 21 Jahren möglich. Stattdessen studierte er zunächst Mediendramaturgie in Mainz und sammelte durch mehrere Regieassistenzen und Praktika Erfahrungen, bis es ihn 2007 für das Studium an der DFFB nach Berlin zog.

Die Idee für „Toubab“ entstand bereits während des Studiums, aber es sei schnell klar gewesen, dass der Film mit den Mitteln der Hochschule nicht finanziert werden könnte, erzählt Dietrich. Insgesamt habe die Produktion von der ersten Idee bis zum Kinostart sieben Jahre gedauert. Die Suche nach Sponsoren, das Casting passender Schauspielerinnen und Schauspieler und nicht zuletzt auch die Corona-Pandemie hätten den Prozess in die Länge gezogen.

Den ersten Impuls für die Geschichte habe Dietrich durch die Begegnung mit jungen Straftätern in der Wiesbadener Justizvollzugsanstalt bekommen. Arne Dechow, der am Schreiben des Drehbuchs beteiligt war, leitete dort ein Theater- und Filmprojekt mit Jugendlichen. Dietrich unterstützte ihn dabei zum Beispiel beim Dreh eines Kurzfilms und begegnete dabei jungen straffällig Gewordenen mit einer ähnlichen Geschichte wie Babtou. „Mir war das vorher gar nicht klar: Dass ein Mensch, der in Deutschland geboren ist und 20 Jahre seines Lebens hier verbracht hat, trotzdem noch abgeschoben werden kann – in ein vermeintliches Heimatland.“

In „Toubab“ kämpfen zwei junge Männer gegen das ungerechte System des Aufenthaltsrechts und werden als offensichtliche Opfer der Willkür deutscher Bürokratie dargestellt. Doch der Film malt nicht alles schwarz und weiß. Am Anfang der Geschichte bezeichnet Babtou seine Nachbarin noch als Kampflesbe, im Gefängnis hat er andere Häftlinge homophob beleidigt. „Wir wachsen alle in einem System auf, das uns unweigerlich auch diskriminieren lässt, auch wenn wir selber von gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen sind“, sagt Dietrich.

Er habe den Film auch nutzen wollen, um sich mit der eigenen Männlichkeit auseinanderzusetzen. „Es war mir einfach wichtig, dieses Männlichkeitsbild, das die zwei Protagonisten mit sich rumtragen, ein Stück weit zu sezieren und sie an ihren Erfahrungen wachsen zu lassen.“

Als vermeintlich schwules Paar werden die beiden plötzlich selbst zu Opfern homofeindlicher Angriffe. Sie reichen von verbalen Anfeindungen bis zu einem Zwischenfall, bei dem Dennis krankenhausreif geprügelt wird. Durch ihre lesbische Nachbarin, die sie auf eine Party mitnimmt, lernen sie aber auch die schönen Seiten queerer Subkultur kennen. Um die Ausländerbehörde davon zu überzeugen, dass es sich nicht um eine Scheinehe handelt, müssen die beiden möglichst authentisch schwul rüberkommen. Zum Glück kennen sie sich seit über 20 Jahren und wissen jedes kleinste Detail voneinander. Wegen eines möglichen Hausbesuchs ziehen sie zusammen und gestalten ihre Wohnung mit Regenbogenflaggen, Plakaten von nackten Männern und leuchtenden Dildos. Da er selbst nicht von struktureller Diskriminierung betroffen sei, sei es ihm wichtig gewesen, mit den queeren und von Rassismus betroffenen Schauspielern und Schauspielerinnen ins Gespräch zu kommen, berichtet der Filmemacher. „Die deutsche Filmindustrie ist nicht divers genug, und als Regisseur habe ich beim Casting die Möglichkeit, darauf einen Einfluss zu nehmen.“

Als Drehkulisse dienten Orte in Frankfurt und Darmstadt. Aufnahmen der Giganten im Bankenviertel oder zwielichtige Szenen bei Nacht am Rande des Hauptbahnhofs machen das immer wieder deutlich. Ein Großteil der Handlung wurde in der multikulturellen Plattenbausiedlung in Kranichstein, Darmstadt, gefilmt.

Auf die Frage, warum der Film ausgerechnet in Frankfurt spielt, erwidert der Regisseur: „Ich wollte keinen Berlinfilm machen. Die Motive dort sind durch große TV-Produktionen inzwischen irgendwie abgefrühstückt.“ Frankfurt sei außerdem architektonisch interessant und funktioniere als Großstadt abgeschlossen in ihrem eigenen Kosmos.

Obwohl die Handlung hauptsächlich in Frankfurt spielt, hat auch die senegalesische Kultur eine große Bedeutung für die Geschichte. Schon der Filmtitel deutet darauf hin. „Toubab“ wird in Zentral- und Mittelafrika als Bezeichnung für einen weißen europäischen Mann verwendet. Wird das Wort verdreht, wie es in der französischen Jugendsprache Verlan üblich ist, entsteht „Babtou“. Diese phonetische Ähnlichkeit ist auch ein Hinweis darauf, dass der Protagonist weder hier in Deutschland noch im Heimatland seiner Eltern von der Gesellschaft als zugehörig wahrgenommen wird.

„Ursprünglich sollte die Hauptfigur Batou heißen und erst beim Casting wies mich Ibrahima Sanogo, der Babtous Vater spielt, auf die Ähnlichkeit hin.“ Damit war für Dietrich auch sofort der Titel des Films klar. „Gerade bei Komödien wollen Verleiher ja häufig einen besonders griffigen Titel, aber ich fand diesen gut, weil er dem Ganzen auch ein kleines Rätsel aufsetzt.“ Der Film sei zwar laut, lustig und drüber, aber die Schwere der Themen solle dadurch nicht verloren gehen.

Regisseur Florian Dietrich.

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