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Pitt von Bebenburg

Gut gebrüllt

TSG – der Film

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SPD-Chef Schäfer-Gümbel geht. Ich traf ihn zuerst im Kino. Die Kolumne aus dem Landtag.

Ein Leben ohne Abgeordnetenmandat ist möglich. Ja, für manche ist es sogar erstrebenswert.

Erinnern Sie sich noch an Klaus Wowereit? Der Regierende Bürgermeister von Berlin gab 2014 bekannt, dass er sich aus der Politik zurückziehen würde.

Als mir Thorsten Schäfer-Gümbel zum ersten Mal auffiel, trat er gemeinsam mit Wowereit auf. Das war 2007 im Bockenheimer Kino „Orfeos Erben“, wo der Hesse einen Film zur Mitgliederwerbung der SPD vorstellte. Mitten unter Genossen, die einen roten Button „Die Wir-Partei“ am Revers trugen, nahm Organisator Schäfer-Gümbel eine Nebenrolle ein. Stargast war Wowereit.

Niemand ahnte, dass der Hesse mit dem Doppelnamen wenige Monate später Landesvorsitzender, Fraktionschef und Spitzenkandidat werden würde. Und erst recht nicht, dass der Mann mit dem Kürzel TSG fünf Jahre nach Wowereit ebenfalls aus der Politik aussteigen würde.

In den zwölf Jahren seit 2007 habe ich mit Thorsten Schäfer-Gümbel mehr Zeit verbracht als mit manchen guten Freunden. Wir waren zusammen in China, wo er als Vizevorsitzender der Bundes-SPD mit höchsten Ehren und feinsten Speisen empfangen wurde, um mit einer Kalligraphie mit den chinesischen Schriftzeichen für „soziale Gerechtigkeit“ heimzureisen. Wir standen gemeinsam im Matsch des irakischen Flüchtlingslagers Arbat – woraus eine hessische Initiative zum Bau einer Schule und von Unterkünften für 1600 Menschen entsprang. Ein klein bisschen lässt sich auch aus der Opposition erreichen. Doch das war nicht genug, um Schäfer-Gümbel in der Politik zu halten.

Nun hat TSG seinen Entschluss bekanntgegeben. Er wechselt zur staatlichen Entwicklungshilfe-Organisation GIZ.

Die Überraschung hielt sich in Grenzen, denn in der SPD hatte die Diskussion längst begonnen, ob man jemals mit TSG in die Staatskanzlei einziehen würde. Doch die Klarheit von Schäfer-Gümbels Entscheidung, sich ganz aus der Politik zurückzuziehen, hat dann doch viele verblüfft.

Wie glücklich er bei der GIZ wird, muss sich zeigen. Am Geld wird es nicht scheitern, mit kolportierten 200 000 Euro Jahressalär bekommt er mehr als bisher. Doch das allein entscheidet nicht über Erfolg oder Misserfolg.

Davon kann der ehemalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) ein Lied singen. Finanziell war sein Wechsel vom Ministerpräsidenten-Amt zum Vorstandschef des Unternehmens Bilfinger zwar lukrativ. Aber beruflich scheiterte Koch grandios bei diesem Wechsel in die Wirtschaft.

In dem Film von 2007 traten übrigens weder TSG noch Wowereit auf. Es waren gar keine Menschen zu sehen, sondern nur rotes und schwarzes Obst. Das rote sah frisch aus, das schwarze faulig. Es gibt aufregendere Filme.

In der Landtagsfraktion flossen Tränen, als Schäfer-Gümbel seinen Rückzug verkündete. Das wäre eine emotionale Szene gewesen in einem Streifen namens „TSG – der Film“, der wohl nie gedreht wird. Macht nichts. Schäfer-Gümbel würde sowieso etwas anderes bevorzugen. Der Fantasy-Freund hätte vermutlich auf „Herr der Ringe“ umgeschaltet.

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