+
Ein unscheinbares Törchen führt ins Kellerlabyrinth hinab.

Ferien zu Hause

Überraschung im Untergrund von Oppenheim 

  • schließen

1986 tat sich der Boden in einer Oppenheimer Gasse auf und verschluckte ein Polizeiauto. Dabei kam ein weltweit (fast) einmaliges Kellerlabyrinth zum Vorschein.

Oppenheim - Draußen ist es drückend heiß, hier unten sind es frische 15 Grad. Auch nicht viel kühler wäre es bei Schneesturm, Regenschauern oder Herbstnebel in den tiefen Gewölben unter Oppenheim. Dies ist ein besonderer Ort, der weltweit seinesgleichen sucht: das Kellerlabyrinth. Die Luft ist erstaunlich gut, gar nicht muffig. Besuche sind wetter- und theoretisch auch tageszeitunabhängig. „Wir bieten 365 Tage im Jahr Führungen an“, sagt Hansjürgen Bodderas, Geschäftsführer der Oppenheim Tourismus GmbH.

Fast alle miteinander verbundenen unterirdischen Gewölbe, etwa die berühmt-berüchtigten labyrinthischen Katakomben des antiken Roms, seien nicht bergmännisch gebaut, erklärt Bodderas, sondern von oben her gegraben. Nur in Vietnam gebe es etwas von der Konstruktion her vergleichbares, das Tunnelsystem des Vietcong aus dem im wahrsten Wortsinne Untergrundkampf gegen die US-Amerikaner.

Das Oppenheimer Labyrinth diente aber friedlicheren Zwecken, es entstand im Lauf vieler Jahrhunderte und größtenteils ohne einheitliche Planung. Wie alt die Gänge und Gelasse sind, lässt sich kaum sagen, manches Gewölbe sieht gotisch aus, manches auch älter. Einiges, wie ein unterirdisches Löschwasserbecken, das wohl nie in Betrieb war, stammt auch noch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Unter dem Rathaus fand sich ein Holzstück, das Experten auf das 13. Jahrhundert datieren konnten.

Ohne Kopfschutz geht es nicht in die Tiefe.

Die Geschichte der Wiederentdeckung dieser Attraktion beginnt fast wie ein klamaukiger alter Heimatfilm. Da werden Polizisten in eines der Altstadtgässchen gerufen, weil eine Frau seltsame Geräusche gehört hat – und während sie nach Einbrechern suchen, tut sich der Boden auf und die Erde verschluckt das Polizeiauto zur Hälfte. Fotos vom November 1986 zeigen die etwas ratlos scheinenden Polizisten und Anwohner, die das Autowrack begutachten. Schlimmeres passierte damals aber glücklicherweise nicht.

Ist es nicht erstaunlich, wie schnell Dinge vergessen werden, von denen jeder wusste, die jeder benutzte? Denn obwohl sich alte Leute noch daran erinnern konnten, dass sie als Kinder in den unterirdischen Gewölben gespielt hatten, war das Ausmaß der Anlage 1986 unbekannt. Wer an Oppenheim denkt, denkt sicher zuallererst an Weinberge, an den hier schon sehr mächtigen Rhein, die Burg Landskron, die historische Altstadt. Die riesige, elegante Katharinenkirche, der schönste gotische Sakralbau zwischen Straßburg und Köln, erinnert daran, dass das 7000-Einwohner-Städtchen im Mittelalter wahrhaft goldene Zeiten erlebt hat.

Das Kellerlabyrinth legt davon heute wieder Zeugnis ab. Den unscheinbaren Eingang bildet ein kleines Törchen am Fuß der Katharinenkirche. Rund 30 000 Besucher im Jahr lassen sich hier auf einer von zwei möglichen Touren fünf Stockwerke in die geheimnisvollen Tiefen führen, Tendenz steigend. „Das Interesse ist sehr groß“, sagt Bodderas.

Streng genommen ist das Labyrinth gar keines, denn keiner sollte darin in die Irre geführt werden. Auch hausten hier nie Ungeheuer, und Kerker oder ähnliches gab es unter der Altstadt wohl ebenfalls nicht. Alles hatte viel praktischere Gründe. Die Keller stammen aus einer Zeit, als sich hier die großen europäischen Handelsstraßen von West nach Ost und von Süd nach Nord kreuzten und die Oppenheimer Kaufleute mit ihren Waren viel Geld verdienten. Die Geschäfte gingen allerdings so glänzend, dass der Platz für Getreide, Wein, Stoffe und ähnliches in den Häusern nicht mehr ausreichte. Die Oppenheimer gingen in den Untergrund.

Planlose Grabungen

Wer Platz brauchte, grub sich einfach in die Tiefe, offenbar ziemlich chaotisch und planlos, wie heutige Pläne offenbaren. Möglich machte das der weiche und doch stabile Lössboden, auf dem Oppenheim steht. Dabei stießen die Erbauer immer wieder auf schon vorhandene Gewölbe, gruben sich tiefer und tiefer nach unten. Trockene und sichere Lagerräume entstanden so, aber auch Grüfte voller Knochen unter der Bartholomäuskirche.

Jahrhundertelang hatten die Oppenheimer so Platz für alles, was verstaut werden musste, und in Notzeiten konnten sie sich auch in die unterirdischen, miteinander verbundenen Räume flüchten. Selbst die Zerstörung der Stadt durch die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Jahr 1689 überstanden die Keller. Bis heute lassen sie mit ihrer Lage auf Straßenzüge und Gebäude schließen, die es schon seit dem Wiederaufbau im 18. Jahrhundert nicht mehr gibt.

Warum verloren die Oppenheimer im 20. Jahrhundert wohl das Interesse am Untergrund? Leider eigneten sich die alten Gewölbe geradezu ideal dazu, Müll und Schutt abzukippen. Viele Schächte wurden so verfüllt – mit fatalen Folgen.

Im Boden staute sich Wasser, Wände wurden brüchig – und schließlich versank das Polizeiauto. Heute kann man das wohl als Glücksfall betrachten. Immer noch werden neue Teile entdeckt. Eine groß angelegte Untersuchung des Oppenheimer Untergrunds begann, und die Experten staunten über das Ausmaß der vorhandenen Keller. In den wieder freigeräumten Gewölben weht stets ein leichtes Lüftchen, und die mürben Wände stabilisierten sich, kaum dass sie wieder trocken waren.

Verlosung

Die FR verlost eine Führung durch die Oppenheimer Keller für insgesamt 20 Gewinner. Wer dabei sein möchte, registriert sich online bis zum 26. Juli, 10 Uhr, unter https://fr.de/gewinnspiel. Das Losungswort lautet „Oppenheim“. Die Führung findet am 30. Juli um 15 Uhr statt. Treffpunkt ist die Touristinformation in der Merianstraße 2a in Oppenheim. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, nur die Gewinner werden informiert.

Wer kein Glück bei der Verlosung hat, kann bei der Stadt Oppenheim eine Führung buchen. Weitere Infos unter www.untergrund-oppenheim.mein-ticketshop.de  

Auch interessant

Rätselhafter Todesfall in Hattersheim: Polizei fasst dringend Tatverdächtigen

Ein Mann (38) wird von der Polizei verhaftet. Wenige Stunden später ist er tot. Jetzt meldet die Polizei eine Festnahme.

So laufen die Arbeiten an der U-Bahnstrecke in Frankfurt

Die VGF lädt die Öffentlichkeit ein, sich vom Fortschritt der U-Bahnarbeiten in Heddernheim zu überzeugen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare