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Mahntafeln gegen den sexuellen Missbrauch nahe der Odenwaldschule.

Odenwaldschule

Warten auf die Aufarbeitung

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An der Odenwaldschule, an der in den 70er und 80er Jahren mehr als 100 Kinder sexuell missbraucht wurden, soll die Vergangenheit endlich aufgeklärt werden. Der Grünen-Politiker Marcus Bocklet versucht, Internat und Opfer an einen Tisch zu kriegen. Das hat geklappt, aber eine Lösung ist es nicht.

An der Odenwaldschule, an der in den 70er und 80er Jahren mehr als 100 Kinder sexuell missbraucht wurden, soll die Vergangenheit endlich aufgeklärt werden. Der Grünen-Politiker Marcus Bocklet versucht, Internat und Opfer an einen Tisch zu kriegen. Das hat geklappt, aber eine Lösung ist es nicht.

Die Anspannung ist mit Händen zu greifen. Auf der einen Seite des Heppenheimer Amtshofes sitzen Vertreter der Odenwaldschule, an der über Jahrzehnte hinweg mindestens 132 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sind. Auf der anderen Seite Opfer und ihre Vertreter. Die Luft wird immer stickiger. Das liegt nicht nur an der schlechten Belüftung.

Mehr als 13 Jahre ist es her, dass die Frankfurter Rundschau den Missbrauch durch den langjährigen Schulleiter Gerold Becker und andere Pädagogen öffentlich machte. Erst 2010 wurde eine breitere Öffentlichkeit wach. Doch auch seitdem habe die Schule die ausreichende Aufarbeitung, Entschädigung und Neu-Orientierung verpasst, beklagt die frühere Odenwaldschülerin Stefanie Michael. Ihre Petition an den hessischen Landtag hat dieses Treffen am Freitagnachmittag in Gang gesetzt. „Wie konnte es der Schule gelingen, sämtliche Aufklärung über die Tatsachen ab 1998/99 zu verhindern?“, fragte Michael in die Runde. Die Schule lebe im Unfrieden mit den Betroffenen. „Wie wollt Ihr das ändern?“, fragt sie. Man kennt sich, man duzt sich zum Teil – aber inhaltlich sind die Fronten verhärtet.

Fünf Stunden Diskussion

Der Grünen-Familienpolitiker Marcus Bocklet ist Berichterstatter für Stefanie Michaels Petition. Er hat nach Heppenheim eingeladen. Nach fünf Stunden erhitzter Diskussion ist man sich immerhin einig, dass möglichst viele Betroffene entschädigt werden sollen.

Doch es gibt keine Annäherung zwischen den Schulvertretern, die die Entschädigung an die Stiftung „Brücken bauen“ übertragen haben, und dem Betroffenen-Verein „Glasbrechen“. Die Stiftung hat nach eigenen Angaben bisher 274000 Euro an 24 Opfer ausgezahlt. Der Verein „Glasbrechen“ sagt nicht, wie viele Betroffene Geld von ihm erhalten haben. Es gebe allerdings viele Betroffene, für die man kein Geld habe. „Jede Woche kommt einer dazu“, berichtet „Glasbrechen“-Sprecher Adrian Koerfer. „Glasbrechen“ will mehr Geld vom Trägerverein. Der Trägerverein aber will, dass die Anträge bei „Brücken bauen“ gestellt werden. Klar ist, was Bocklet sagt: „Wir haben noch nicht alle erreicht.“

Auch an der Aufarbeitung hakt es noch immer – obwohl Bocklet betont, Verantwortliche hätten ihm schon 2010 und 2011 in Gesprächen zugesichert, die wissenschaftliche Aufarbeitung der Taten und ihres Umfelds in Auftrag zu geben. Die Präventionsbeauftragte des Schul-Trägervereins, Regina Bappert, bedauert, dass man noch nicht weiter gekommen sei. Wissenschaftler hätten jedoch abgewunken, weil sie die Gefahr gesehen hätten, durch Geld von der Odenwaldschule nicht unabhängig forschen zu können. An diesem Punkt erreicht Bocklet zumindest eine Einigung über das Verfahren. Ein wissenschaftlicher Beirat soll zwei Studien in Auftrag geben – eine über das „System Becker“ und sein Umfeld in früheren Jahrzehnten, die andere über die Verdrängung nach 1999.

Ein Disput zeigt, dass es auch um die Zukunft der Schule geht. Das Land fordert, dass „Familienhäupter“ im Internat nicht mehr gleichzeitig Lehrer der Kinder sein dürften, weil sie sonst durch die Drohung mit schlechten Noten unter Druck gesetzt werden könnten. Der Leiter des Internats der Odenwaldschule, Roland Kubitza, verspricht, man wolle diese neue Vorschrift umsetzen. Allerdings müsse man „kreativ“ vorgehen. Denn das „Familienprinzip“ gehöre zu den Grundlagen der Pädagogik an der Schule.

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