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Manch einer traut den Grünen Tarek Al-Wazir (li.) und Robert Habeck die ganz hohen Ämter zu.

Grüne in Hessen

Tarek Al-Wazir, der Gewandelte

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Unter Tarek Al-Wazir haben die Grünen in Hessen die CDU modernisiert ? aber auch eigene Ziele aufgegeben.

Der Mann spricht aus, was so mancher im Raum wohl träumt: „Hier steht der neue Ministerpräsident und neben ihm der künftige Kanzler.“ Robert Habeck grinst sich einen und Tarek Al-Wazir bemüht sich, den Redner auf den Teppich zu holen: „Gemach, gemach“, sagt der 47-Jährige, laut Umfragen Hessen beliebtester Politiker. „Stimmung heißt nicht Stimmen.“ 

Die Prognosen sehen die Grünen zwar bei rund 20 Prozent. Doch die Landtagswahl ist erst am Sonntag. Bis dahin gilt es, um Stimmen zu kämpfen. Deshalb sind der Bundesparteichef und der hessische Spitzenkandidat wenige Tage vor der Wahl auf Tour.

„Auf einen Kaffee mit Tarek Al-Wazir und Robert Habeck“ heißt das Format. Das Café Don Pedro’s in der Offenbacher Fußgängerzone ist rappelvoll. Ein Heimspiel unter Freunden für den 47-Jährigen, der das erste schwarz-grüne Bündnis in einem deutschen Flächenland einging. Es war ein Wagnis mit ungewissem Ausgang, wie er dieser Tage vor Parteifreunden einräumte, aber es arbeitet erstaunlich geräuschlos: „Ich dachte, wir werden in die Geschichtsbücher als Helden oder Deppen eingehen.“ Jetzt wisse er: „als Deppen nicht“.

Robert Habeck lehnt lässig an der Wand

Kräftigen Gegenwind bekam Al-Wazir damals von seinen Parteifreunden. Es bedurfte viel Überzeugungsarbeit, um die Basis für das Projekt mit der Union zu gewinnen. Heute feiern die Anhänger ihn dafür. 

Am Vormittag widmete er sich als Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung den Nöten der Schifffahrt. Jetzt steht er im dunkelblauen Anzug und offenen Kragen neben Habeck, der lässig an der Wand gelehnt an seinem Tee nippt, und beantwortet die Fragen der Basis.

Viele kennen Hessens stellvertretenden Minister seit der Zeit, als er seine Mutter zu Flughafen-Demos begleitete. Die engagierte Lehrerin mit grünem Parteibuch habe ihn gelehrt, dass der Wunsch nach Veränderung in politisches Handeln münden muss. „Reden ohne Anpacken ist wirklich nicht mein Ding“, schreibt der Sohn einer Deutschen und eines Jemeniten mit dem Doppelpass über sich, der sich als konservativ bezeichnet. Sein Name habe dazu geführt, dass er sich schon früh die Frage nach seinen Wurzeln gestellt habe. „Das prägt und gibt Kraft.“ 

Heimat – das ist für den Diplom-Politologen seine Geburtsstadt Offenbach. Dorthin kehrte er nach einem zweijährigen Besuch einer Internationalen Schule in Sanaa zurück. 1989 trat er den Grünen bei, blieb lange Stadtverordneter, auch nachdem er 24-jährig in den Landtag einzog. Bodenhaftung ist ihm wichtig. Authentizität. Er weiß wie sich Fluglärm anfühlt, denn er wohnt mit seiner Familie im Stadtteil Rumpenheim. Er weiß, wie ärgerlich teure Tarife im Öffentlichen Nahverkehr sind. Als Schüler hatte er die Vision eines Flatrate-Tickets, die er als Minister umsetzte: Ein hessenweit gültiges 365-Euro-Jahresticket für Schüler und Auszubildende. Ein Muster für weitere günstige Angebote – für Senioren etwa, irgendwann einmal für alle Hessen.

Der Wille weiter zu regieren ist da. Die Aussichten stehen nicht schlecht. 

Nach dem miesen Wahlergebnis von 11,1 Prozent vor fünf Jahren sagen die Prognosen den Grünen nahezu eine Verdoppelung der Stimmen voraus, ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD. Ein Grund ist die desaströse Performance der großen Koalition in Berlin. Anders als ihre Vorgängerin FDP haben Hessens Grüne als Juniorpartner aber auch ihr Profil bewahrt. Mussten aus Koalitionsräson zwar zurückstecken – etwa bei der Flughafenpolitik oder als sie sich bei der Frage enthielten, ob es eines Untersuchungsausschusses bedarf, der die Hintergründe des Mordes an Halit Yozgat klärt, der mutmaßlich von der Neonazi-Terrorgruppe NSU in seinem Kasseler Internetcafé erschossen wurde. Umgekehrt gelang es, die hessische Union eine Stück weit zu modernisieren. 

Im November 2014 kürte die Fachzeitschrift „Politik & Kommunikation“ Al-Wazir und Ministerpräsident Volker Bouffier zu Politikern des Jahres. Aus den Gegnern sind Partner auf Augenhöhe geworden. Man ist per Du.

In seinem Vorleben als Grünen-Fraktionschef hatte Al-Wazir ihn als „erschöpft und müde“ bezeichnete, als „Rechtspopulisten“, eine Koalition mit der Union sei eine „Horrorvorstellung“. Die Union keulte zurück mit „Bevormundungspartei“, kramte im Wahlkampf die nicht aufgearbeiteten Pädophilen-Vorwürfe hervor. Noch vergifteter war das Klima unter einem Ministerpräsidenten Roland Koch, den 2010 Bouffier beerbte. 

Unvergessen ist seine Anti-Doppelpass-Kampagne und das Plakat „Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!“, mit dem die CDU um die Jahrtausendwende im Wahlkampf ausländerfeindliche Ressentiments bediente. 

Dass gerade diese beiden Fraktionen sich zusammentun, hätte kaum jemand vor fünf Jahren erwartet. Wie jetzt auch hatten die Grünen seinerzeit vor der Wahl keine Koalitionsaussage getätigt, wofür Al-Wazir die Wortschöpfung „Ausschließeritis“ prägte. Doch er selbst, räumte er später ein, habe „nicht im Traum daran gedacht“, dass diese Kombination funktionieren könnte. War doch das Ziel, die 15-jährige CDU-Herrschaft zu beenden.

Doch dazu reichte das Wahlergebnis nicht. Die grüne Seele litt. Bis heute nehmen Gegner des Flughafenausbaus dem 47-Jährigen persönlich übel, dass die Grünen ihr Wahlversprechen – Ausweitung des Nachtflugverbots – nicht eingelöst haben. Ihnen entgegnet der Offenbacher, dass er sich an das Recht halten müsse und mit den meist freiwilligen Vereinbarungen mit der Flugverkehrswirtschaft schon viel erreicht sei. Die Grünen hätten nie den Flughafenausbau gewollt. Als Minister habe er die Möglichkeit, den Schaden zumindest zu begrenzen. 

Zurück ins Café Don Pedro’s: „Ist das Thema Flughafen für dich abgeschlossen?“, fragt eine Frau. Das Ergebnis 2013 habe gezeigt, dass drei Viertel der Hessen Ausbauparteien gewählt hätten, antwortet Al-Wazir. „Das tut weh, aber die Mehrheit der Bevölkerung ist dafür. Trotz des Lärms.“

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