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Die politischen Kräfte im Land: Teils hauen und stechen sie, teils blicken sie einfach nicht mehr durch.

Landtag in Hessen

Die satirische Vorschau auf 2019

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Auszählungspannen, Manipulationsverdacht und ein neuer Ministerpräsident Bouffier ? die satirische Vorschau auf 2019. Die Kolumne aus dem Landtag in Hessen.

Noch nie gab es in Hessen so angeregte Diskussionen über Auszählungspannen wie nach der Landtagswahl 2018. Doch das ist noch nicht alles gewesen, vermutet die FR in ihrer nicht ganz ernst gemeinten Prognose für das Jahr 2019 in der hessischen Politik.

Januar: In seiner Neujahrsansprache sagt Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) den Menschen in Hessen „ein bewegtes Jahr“ voraus. Er ahnt noch nicht, wie recht er hat. Kurz vor der konstituierenden Sitzung des Landtags berichtet die Frankfurter Rundschau über den Fund mehrerer Urnen voller Wahlzettel in einer Frankfurter Schule, die sich wie die meisten Frankfurter Schulen gerade im Bau befindet. Das Wahlamt gibt bekannt, es habe nach der Wahl versucht, die Urnen von der Baustelle abzuholen, aber keinen Hausmeister angetroffen. Die Behörde verspricht, das nachzuholen. Im Landtag wird Volker Bouffier von CDU und Grünen wiedergewählt.

Februar: Das Wahlamt gibt bekannt, was die Auszählung der vergessenen Stimmen ergeben hat. Die SPD kommt auf 67 Stimmen mehr als die Grünen. Im landesweiten Resultat hatten die Grünen bisher 66 Stimmen Vorsprung. Plötzlich liegt die SPD vorn – um eine Wählerstimme. Der SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel zeigt sich zuversichtlich, eine „Reformkoalition“ unter seiner Führung zu bilden. In einem raffinierten Schachzug lädt er die Vertreter von Grünen und FDP zu Verhandlungen in ein mittelhessisches Reformhaus ein. Die Grünen können der Einladung zu ökologischen Brotaufstrichen nicht widerstehen. FDP-Fraktionschef René Rock willigt unter der Bedingung ein, dass er sein Essen selber mitbringen darf.

März: CDU-nahe Demonstranten verhindern den Bau eines Windrads auf dem Dach des Hessischen Landtags. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, der sich an einem Rotorblatt festgekettet hat, wird mitsamt dem Windrad von der Polizei festgenommen. Die Grünen berufen einen Sonderparteitag ein und beschließen den Ausstieg aus der schwarz-grünen Koalition. Al-Wazir wird freigelassen. SPD, Grüne und FDP nehmen Verhandlungen auf.

April: Am 1. April steht die „Reformhaus-Koalition“. Am 2. April wählt der hessische Landtag Thorsten Schäfer-Gümbel zum Ministerpräsidenten. Am 3. April teilt der Landeswahlleiter mit, dass zusätzliche Urnen mit Wählerstimmen in Hatzfeld, Eiterfeld, Hünfeld, Schenklengsfeld sowie in Federwisch und Keutzelbuch aufgetaucht seien. Schäfer-Gümbel ahnt Böses – zu Recht. In den Gemeinden im Landkreis Fulda bekommen die Grünen zwar lediglich fünf Stimmen. Das reicht aber, um im Endergebnis wieder vor der SPD zu liegen, die nur drei Stimmen erhalten hat. Die Grünen beantragen die Abwahl von Schäfer-Gümbel und die Wahl von Tarek Al-Wazir zum Ministerpräsidenten.

Mai: Die Wahl Al-Wazirs scheitert am Widerstand der FDP. Schäfer-Gümbel bleibt geschäftsführend im Amt. Er spricht von einer „Sternstunde des Parlamentarismus“.

Juni: Das Wahlprüfungsgericht stellt schwerwiegende Pannen bei der Verkündung des Wahlergebnisses fest. Dabei wurden die Rubriken der Parteien miteinander verwechselt. Tatsächlich wurde nicht die CDU stärkste Kraft, sondern die Piraten. Statt Grünen und SPD kamen die Freien Wähler gemeinsam mit der Tierschutzpartei auf Platz zwei. Den Einzug in den Landtag schafften außerdem die Violetten, die Partei „Die Partei“ und das Bündnis Grundeinkommen.

Juli: Mitten in den Sommerferien räumen die versehentlichen Abgeordneten von CDU, SPD, Grünen, AfD, FDP und Linken ihre Büros. Im Fernsehen tritt ein Experte auf und stellt fest: „Wir werden Zeugen eines unerhörten Umbruchs der Parteienlandschaft.“ Tags darauf muss der Sender eingestehen, dass es sich gar nicht um einen Experten handelte, sondern um einen x-beliebigen Passanten.

August: Die Piraten, die Tierschutzpartei und das Bündnis Grundeinkommen handeln einen Koalitionsvertrag aus. Kernpunkte sind freier Internetzugang für Hamster und ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1200 Euro für alle Tiere. Die AfD bietet ihre Zustimmung an, wenn nur deutsche Tiere berücksichtigt werden, was die Koalition aber ablehnt. Die geplante Wahl einer Ministerpräsidentin scheitert, weil die Piraten vom Computer zu Hause abstimmen wollten und nicht gekommen sind. Die Regierung von SPD-Chef Schäfer-Gümbel bleibt geschäftsführend im Amt.

September: Im Landtag nimmt ein „Untersuchungsausschuss Wahlmanipulationen“ seine Arbeit auf. Er kommt zu der Erkenntnis, dass das 2018 verkündete Endergebnis der Wahl doch korrekt war. In der Öffentlichkeit wird über massiven Ebbelwei-Konsum im Wahlprüfungsgericht gemunkelt, der zu der falschen Entscheidung geführt haben könnte. Außerdem prüfen die Behörden, ob ein Zusammenhang mit hohen Wetteinsätzen auf den Einzug des Bündnisses Grundeinkommen in asiatischen Wettbüros bestehen könne. Der hessische Landtag beruft den früheren Fifa-Boss Sepp Blatter an die Spitze einer Kontrollkommission, die den Verdacht aufklären soll. Er kommt einen Tag später zu dem Ergebnis, dass alles seine Ordnung habe.

Oktober: Die Abgeordneten von CDU, SPD, Grünen, FDP und Linken kehren in ihre Büros zurück. Nur das Ergebnis der AfD war tatsächlich verwechselt worden. Die Stimmen, die ihr ursprünglich zugerechnet wurden, waren eigentlich für die Satire-Partei „Die Partei“ gedacht. Sie zieht mit 19 Abgeordneten in den Landtag ein, darunter mit ihrem Spitzenkandidaten Mario Bouffier.

November: Der Landtag setzt einen „Blatter-Untersuchungsausschuss“ ein. Er soll klären, wie es kommen konnte, dass das Landtagsgebäude für einen symbolischen Euro an eine Firma verkauft worden ist, die der Fifa nahesteht. Nach Recherchen der FR hat sich das Land dazu verpflichtet, für den Plenarsaal jährlich 200 Millionen Euro an Miete zu bezahlen. Das Parlament kündigt den Vertrag und tagt fortan in einem beliebten Kaffeehaus in der Wiesbadener Marktstraße. Auf diese Weise sei man „nah dran am Volk“, sagt der geschäftsführende Ministerpräsident Schäfer-Gümbel.

Dezember: FDP-nahe Demonstranten verhindern die Errichtung eines Windrads auf dem Dach des Landtags. Die Polizei nimmt erneut das Windrad und mehrere Grünen-Politiker fest. Ein Grünen-Parteitag beschließt den Ausstieg aus der „Reformhaus-Koalition“. CDU und Grüne erarbeiten einen Koalitionsvertrag. Am 24. Dezember wird Bouffier zum Ministerpräsidenten gewählt. Die meisten Abgeordneten haben allerdings den „Die Partei“-Spitzenkandidaten Mario Bouffier angekreuzt. Er kündigt ein „Ende des Wahlchaos“ an, indem er Landtagswahlen abschafft und sich zum Ministerpräsidenten auf Lebenszeit ausruft. Hessen werde damit zu einem „Leuchtturm der Demokratie“, verkündet Mario Bouffier bei einem Gipfeltreffen mit Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Xi Jinping und Donald Trump in einem Wiesbadener Kaffeehaus.

Erst 2020 stellt sich heraus, dass das alles erfunden war.

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