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Leise ist etwas anderes: ein startendes Flugzeug in Frankfurt am Main.

Flughafenausbau Frankfurt

Wo nicht mehr gebaut werden darf

Noch ist der Airport nicht erweitert, aber wegen des zu erwartenden Lärms darf Frankfurt schon jetzt nicht mehr bauen, wo es will. In den anderen Kommunen der Region sieht es ähnlich aus.

Im Süden Frankfurts ragt sie hinein in den Stadtkörper wie eine scharfe Spitze - zwischen der A5 und der Europabrücke im Westen und der Main-Neckar-Eisenbahnbrück im Osten markiert die rote Linie auf den Karten der Region die Grenze des Siedlungsbeschränkungsgebietes für die Stadt.

Ein Spitze, die zur Basis hin Niederrad abdeckt, die südlichsten Gebiete Sachsenhausens eingrenzt und sich wie ein Schlauch Richtung Nordosten nach Bergen-Enkheim und bis fast nach Niederdorfelden erstreckt. Eine Linie, die einen kleineren Teil des früheren Henninger-Geländes am Hainer Weg durchschneidet; eine Linie, die ein Gebiet markiert, in dem kein neuer Bebauungsplan mehr verabschiedet werden darf. Zumindest potenzielle Neubürger sollen in diesem Gebiet vor Lärm geschützt werden - weshalb auf manchen Arealen kein Haus mehr errichtet werden darf.

Etwa im Sachsenhäuser Gebiet südlich des Sandbergs und des Landwehrweges, im Westen am Lerchesberges im Bereich Brandring, im östlichen Sachsenhausen im Gebiet des Roten-Kreuz-Weges und im nördlichen Bereich von Bergen-Enkheim. Weil bis 2020 der Lärmpegel tagsüber wegen des dann mutmaßlich ausgebauten Frankfurter Flughafens auf bis zu 60 Dezibel ansteigen kann, darf Frankfurt dort nicht mehr wachsen.

Auch wenn andere Kommunen in der Region weitaus stärker auf potenzielle Baugebiete verzichten müssen - "jede Form der Einschränkung für Frankfurt ist hochproblematisch", sagt Grünen-Fraktionschef Olaf Cunitz. Flächen für das Wachstum der Stadt seien begrenzt.

Das Fluglärmgesetz gilt als Grundlage für Beschränkungen

Siedlungsbeschränkungen auszusprechen wegen einer erwarteten oder prognostizierten Lärmbelastung ist auf der Basis des Fluglärmgesetzes möglich. Die Bundesregierung hatte 2006 das "Gesetz zur Verbesserung des Schutzes vor Fluglärm in der Umgebung von Flugplätzen" beschlossen und wollte damit Konflikte zwischen Flughafen-Anwohnern und der Luftverkehrswirtschaft entschärfen oder vermeiden. Danach gelten als Grenzwert für die "Tagschutzzone 1" 60 Dezibel. Innerhalb einer solchen Zone dürfen keine Krankenhäuser, Alten- und Erholungsheime, Kindergärten und Schulen errichtet werden.

Umstritten ist allerdings, auf welcher Basis der Dauerschallpegel von 60 Dezibel ermittelt wird. Im Regelfall fliegen die Maschinen von Osten her an, im Durchschnitt landen drei von vier Flugzeuge aus dieser Richtung auf dem Airport. Bei Ostwetterlage fliegen die Maschinen von Westen an. Das führt zu unterschiedlichen Lärmbelastungen für die Anrainer.

Für die Kalkulation des Lärmpegels hat Hessen beim Landesentwicklungsplan die 100/100-Regelung zugrunde gelegt, um den Dauerschallpegel zu ermitteln. Der Lärm, der auf beiden Anflugwegen entsteht, schlägt bei der Kalkulation des Pegels in gleichem Maße zu Buche. Eine Regelung, die zwar rechtskräftig, in der Politik aber umstritten ist, weil sie die Belastungen durch die unterschiedlichen Anflugrichtungen strenger erfasst als er in den Augen der politisch Verantwortlich vor Ort tatsächlich ist.

So gehen die Meinungen in Frankfurts CDU darüber auseinander, ob man bei der 100/100-Regelung bleiben oder nicht 70/30anwenden sollte, was den tatsächlichen Anflug-Bedingungen eher entspricht. Auch Darmstadt hatte vor einigen Jahren wegen der 60 Dezibel-Grenze und der Ermittlung des Dauerschallpegels auf Basis der 100/100-Regel erfolglos gegen den Regionalplan geklagt, weil die Stadt die Siedlungsbeschränkungen in den nördlichen Stadtteilen Arheiligen und Kranichstein aufheben lassen wollte. Bei einer anderen Kalkulation wäre die Lärmbelastung niedriger ausgefallen und eine Bebauung möglich gewesen.

Was die Zone für Frankfurt bedeutet, muss nach Einschätzung von SPD-Fraktionschef Klaus Oesterling Planungsdezernent Edwin Schwarz ergründen. "Bestehende Bebauungspläne sind davon ja unberührt", sagt Oesterling. Die Zone führe zu "lokalen Einschränkungen in Sachsenhausen und in Oberrad". In welchem Maße die Siedlungsbeschränkung etwa für den südlichen Streifen des ehemaligen Henninger-Geländes in Sachsenhausen gelte, müsse Schwarz nun erklären.

Angesichts der Knappheit für Wohnflächen schlägt Grünen-Fraktionschef Cunitz eine weit engere Kooperation mit Nachbarstädten wie Offenbach und Neu-Isenburg vor. Was bislang über die regionale Flächennutzungsplanung laufe, sei nur Stückwerk und von Eigeninteressen der Kommunen geleitet. Cunitz schlägt eine gemeinsame und abgestimmte Siedlungspolitik vor und regt für das Gewerbe interkommunale Gewerbegebiete vor, deren Steuerannahmen unter den Städten je nach Anteil an der Entwicklung geteilt werden. Jürgen Schultheis

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie die Lage in Darmstadt, Offenbach, Mainz und Mörfelden-Walldorf ist.

Darmstadt

Darmstadt ziehen wollen viele, doch es gibt kaum Platz. Schätzungen zufolge braucht die südhessische Metropole bis 2020 jährlich 600 zusätzliche Wohnungen. Doch in den in Flughafennähe gelegenen nördlichen Stadtteilen Kranichstein, Arheilgen und Wixhausen darf wegen des Fluglärms nicht mehr gebaut werden. Die Stadt hatte 2006 dagegen vorm Bundesverwaltungsgericht geklagt - und verloren. Ein praktisch fertiger Bebauungsplan mit 500 Wohneinheiten im Norden Arheilgens etwa wurde untersagt.

2008 reichte die Stadt eine Klage gegen den Planfestellungsbeschluss zum Ausbau des Flughafens ein. Auch nach Süden, Osten und Westen kann die Stadt nicht weiter wachsen. Aus Naturschutzgründen (Wald, Streuobstwiesen) dürfen dort kaum neue Bauflächen ausgewiesen werden. Die Alternative ist die Nachverdichtung bestehender Wohngebiete, doch die stößt teils auf Wiederstände der Anwohner. Die Stadtentwickler gieren deshalb nach dem Abzug der US-Streitkräfte und dem Freiwerden von Kasernenflächen und ganzen Wohnsiedlungen. Frank Schuster

Offenbach

Ohne Beispiel" für eine Großstadt mit Oberzentrumsfunktion ist für Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) die "Strangulierung" der Entwicklungsmöglichkeiten Offenbachs durch die neue Landebahn. Schon zu Beginn des Jahrtausends wurde die 120.000-Einwohner-Stadt bei der Ausweisung eines Baugebietes am Buchhügel (Wetterpark) gebremst. Inzwischen unterliegen zwei Drittel des Stadtgebietes einer Siedlungsbeschränkung, dürfen wegen des zu erwartenden Fluglärms in diesen Bereichen keine neuen Bebauungspläne mehr aufgestellt werden. Nur eine Nachverdichtung ist noch möglich.

Zusätzlich weist das noch relativ frische Fluglärmschutzgesetz Offenbach mit Lärmschutzzonen, die im Falle eines Ausbaus auf 80 Prozent des Gebietes wachsen, in die Schranken. Weder Schulen, Kitas noch andere lärmsensible Einrichtungen dürfen noch gebaut werden, dies insbesondere im Innenstadtbereich. Selbst ein Hochschulneubau im Hafen ist kritisch. Dieser Eingriff in die kommunale Planungshoheit ist denn auch ein starkes Argument der Offenbacher im Rechtsstreit um die Ausbaugenehmigung vor dem Verwaltungsgerichtshof. Jörg Muthorst

Mainz

Wenn Familie Meister die Balkontür aufmacht, muss sie den Fernseher lauter stellen. Auf ungestörte Gespräche im Garten ist schon jetzt nicht mehr zu hoffen, alle 38 Sekunden sei das eigene Wort kaum noch zu verstehen. Die Meisters leben auf der Frankenhöhe. In der Siedlung im Mainzer Stadtteil Hechtsheim sind viele Familien heimisch geworden. Die Preise sind im Vergleich zu anderen Wohngegenden nahe der Innenstadt niedrig. Die Siedlung Frankenhöhe soll nach dem Willen der Stadt weiter wachsen. Doch damit könnte bald Schluss sein. Allerdings ist die Rechtslage unklar: Nach den Angaben der Fraport wäre Mainz nicht von Siedlungsverboten betroffen, verliefe die Grenze am Rhein. Die Stadt Mainz rechnet aber anders: "Fraport mittelt die Werte - aus 15 extrem hohen Angaben und 15 extrem niedrigen werden so 30 normale Werte", sagt ein Sprecher der Stadt. Mainz selber gehe von den Höchstwerten aus. Dann reiche die Lärmzunge bis weit ins Mainzer Siedlungsgebiet hinein, dürften die südöstlichen Stadtteile wie Hechtsheim, Laubenheim oder Weisenau nicht weiter oder nur gebremst weiter wachsen. Mario Thurnes

Mörfelden-Walldorf

Die Bedingungen sind ideal: Das Areal liegt direkt am Mörfeldener Bahnhof, von dem aus die S-Bahn nach Frankfurt oder Groß-Gerau verkehrt. Post und Lebensmittelmärkte sind nah, die Innenstadt ist nur knapp einen Kilometer entfernt. Zwölf Hektar misst die Fläche, die unter die Siedlungsbeschränkung fallen soll. Wohnungen für Ortsansässige sind dort geplant, ein bisschen Gewerbe. Der Bedarf ist vorhanden. Jetzt hofft die Stadt, wenigstens fünf Hektar retten zu können. Dazu versucht sie das Areal baureif zu machen, bevor der regionale Flächennutzungsplan in Kraft tritt, sagt Hans-Heinrich Viebrock vom städtischen Planungsamt: "Es ist ein Wettlauf." Geht der verloren, bleibt nur noch eine fünf Hektar große Expansionsfläche, "An den Eichen" nahe der Bundesstraße 44. Danach wäre für die 34.000- Einwohner-Kommune Schluss mit Wachstum und Entwicklung. Es gibt zwar noch Freiflächen. Doch die stehen unter Naturschutz oder es ist dort zu laut. Die Startbahn West und die Zunahme des Flugverkehrs sind im Ortsteil Mörfelden unüberhörbar. Mit der Landebahn wird die Belastung weiter steigen. Jutta Rippegather

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