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Die Uhr am Limburger Dom: Ein Element, bauhistorisch von der Romanik zu Gotik.

Bischof von Limburg

Nach Tebartz-van Elst

Warum die katholische Kirche die fünfziger Jahre hinter sich lassen muss. Katholizismus erscheint heute zwar als gut organisiert und ausfinanziert. Aber religiöse Ausstrahlung geht von diesem Arrangement kaum aus.

Von Thomas Großbölting

Dreißig Millionen Euro – dieser Betrag steht für den Bau der Limburger Bischofsresidenz. Eine solche Summe für einen solchen Zweck ist zweifelsohne einiges der Aufregung, die in den vergangenen Wochen über die katholische Kirche hinweg ging. Zwar nehmen die Deutschen es mit erstaunlich großem Gleichmut hin, wenn am Berliner Flughafen, am Stuttgarter Hauptbahnhof oder in der Hamburger Elbphilharmonie viel höhere Summen von Steuergeldern versenkt werden.

Doch die Vorgänge um den Limburger Oberhirten Franz-Peter Tebartz-van Elst boten die einmalige Chance, einen Skandal zu personalisieren und moralisierend aufzuladen. Wasser predigen und Wein trinken – diese Haltung konnte man Bischof umso besser vorwerfen, da sein oberster Dienstherr Papst Franziskus einen ganz anderen Stil verkörpert.

Es wäre ein Fehler, den Konflikt dann ad acta zu legen, wenn in der Personalie Tebartz-van Elst eine – wie auch immer beschaffene – Lösung gefunden sein wird. Allen persönlichen Fehlern zum Trotz ist der Limburger Bischof nicht allein die Ursache für die unruhigen Zeiten, vielmehr ist er eher Symptom.

In vielem liegt der Bischof ganz auf der Linie dessen, was die Amtspraxis eines Bischofs wie auch das Selbstverständnis der katholischen Kirche in Deutschland vorgeben. Ein überhöhtes Priesterbild und eine sich selbst sakralisierende Hierarchie sind ebenso Teil dieses Strukturproblems wie eine unreflektierte Nähe zur staatlichen Macht, die den Stil so manchen Amtsträgers prägt.

In ihrem öffentlichen Auftreten und in ihrer Vernetzung in die Gesellschaft hinein agieren Teile der Kirche und ihrer Leitung weiterhin so, wie es seit der Formierungsphase der Bundesrepublik vorgeprägt war. Es sind die Strukturen, die mit den 1950er Jahren angelegt wurden, die heute zum Problem werden. Zwei Bereiche stechen mit Blick auf den Limburger Bischof besonders hervor: die sogenannte „hinkende“ Trennung von Kirche und Staat wie auch das besondere Selbstverständnis des höheren Klerus.

Aus organisatorischer Sicht legte die katholische Kirche nach 1945 einen fulminanten Start hin. Im besiegten Deutschland galt insbesondere den Eliten einer tief in den Nationalsozialismus verstrickten Gesellschaft die katholische Kirche als „Siegerin in Trümmern“. Im Gegensatz zum innerlich zutiefst zerrissenen Protestantismus hatte die katholische Kirche den Nationalsozialismus vermeintlich unbeschadet überstanden. Wo, wenn nicht aus ihren Reihen, sollten die Ressourcen zu einem geistigen Neuanfang kommen?

Diese Rechristianisierungseuphorie fand rasch auch eine politische Grundlegung: 1949 übernahmen die Mütter und Väter des Grundgesetzes die Kirchenartikel der Weimarer Verfassung. In der politischen Praxis füllte man dieses Gesetzeswerk aber wesentlich kirchenaffiner und etablierte eine „hinkende Trennung“ von Kirche und Staat.

Beide Konfessionen wurden breit eingebunden in die Beaufsichtigung der öffentlich-rechtlichen Medien, in den Lehrbetrieb an Schulen und Hochschulen und in den immer größer werdenden Sozialmarkt von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Praktisch setzte die Politik darauf, dass die Grundvorstellungen staatlichen Zusammenlebens sich mit den religiösen Überzeugungen deckten.

Bis in die achtziger Jahre hinein begegnete einem diese Haltung auch in den Kirchen selbst, wo man sich mindestens intern zur „Bundeswerteagentur“ stilisierte. Aller ironischen Brechung zum Trotz drückte sich in dieser Selbstbezeichnung auch die Überzeugung aus, dass es ohne das Zutun der Kirche wohl nicht geht, sondern Staat und Gesellschaft auf die Religion angewiesen sind. Diese Selbstverständlichkeit trägt im Stil bis heute so manchen Würdenträger und ist doch hoch fragil, wie die Diskussion um die Staatsleistungen, aber auch andere Verflechtungen aktuell zeigen.

Die enge Verbindung mit dem Staat, die den Kirchen in den 1950er Jahren noch zum Vorteil gereichten, wird in einer mehr und mehr säkularen wie auch stärker multireligiösen Gesellschaft zum Bumerang und als unstatthafte „Privilegien“ infrage gestellt. Was man über Jahrzehnte als selbstverständlich hingenommen hat, kann die Kirche heute nicht mehr plausibel begründen.

So erscheint der Katholizismus heute zwar als gut organisiert und ausfinanziert. Aber religiöse Ausstrahlung geht von diesem Arrangement kaum aus. Wäre es da nicht angebracht, auch kirchenintern über den Status als starke und staatsnahe Institution nachzudenken?

Der Hoffnung auf einen religiösen Frühling nach dem Zweiten Weltkrieg entsprang auch ein ganz bestimmtes Bild des Klerus und der Kirchenhierarchie. „Zwischen einem Priester und einem rechtschaffenen Laien sollte ein Unterschied sein wie zwischen Himmel und Erde“, so rief der Münsteraner Bischof Michael Keller seinen Priesterkandidaten in den fünfziger Jahren zu. Erhabenheit, Größe, heilige Berufung und Sendungsbewusstsein sollten den Priester auszeichnen. In der Bezeichnung „Hochwürden“ verdichtete sich diese Stilisierung und fand in den weitgehend intakten christlichen Milieus der Nachkriegszeit ihre soziale Basis.

An der Basis der Gemeindearbeit ist dieses Rollenbild des Pfarrers lange verloren. Theologisch stellte das Zweite Vatikanum der besonderen Stellung des Klerikers das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen als Volk Gottes an die Seite. In der praktischen Seelsorge war aus dem Oberhirten, der seine Schafe zusammenhält, spätestens in den sechziger Jahren ein religiöser Dienstleister geworden, der seinen zu Kunden und Klienten aufgewerteten Gemeindemitgliedern oftmals vergeblich hinterherlief.

Vom Triumphalismus der unmittelbaren Nachkriegszeit ist in den Pfarrhäusern und Seelsorgezentren vor Ort nur noch wenig zu spüren. Mit dem Sozialprestige dieser Profession sank auch die Zahl der Priester und Ordensleute dramatisch. Heute sind es Priester aus den Missionsgebieten von einst, aus Afrika und Asien, die eine pastoral-klerikale Grundversorgung halbwegs aufrechterhalten.

Allenfalls in der kircheninternen Kommunikation wie auch im höheren Klerus scheinen sich hingegen die überkommenen Vorstellungen von alter Herrlichkeit und Macht zu halten. Wer jahrzehntelang ein geschätzter Gesprächspartner der höchsten Kreise in Politik und Gesellschaft war, schlüpft nur schwer wieder in eine dienende Rolle.

Der mentale Weg von der „Exzellenz“ zum einfachen Bischof ist weit. Dabei sind es in der Regel nicht allein persönliche Ambitionen, sondern auch die Verehrung von Seiten der Traditionalisten, die eine Veränderung schwer machen. Hinzu kommt ein nur allzu bekannter Zusammenhang: Dass Sach- und Machtfragen unmittelbar miteinander verknüpft sind, ist eine alltägliche Erfahrung.

Wenn ein Parteifunktionär oder eine Firmenchefin ihre Vorstellungen in einer Sache nicht durchdrücken kann, dann ist auch dessen Autorität in Frage gestellt. Wenn aber die Hierarchie selbst sakral überhöht wird, dann steht eben nicht nur der Bischof als Führungsperson, sondern auch als heiliger Mann in Frage. Diese enorme Fallhöhe erklärt nicht nur, warum sich die Medien mit besonderer Verve auf den Skandal um den Limburger Bischof stürzten.

Zugleich ist die Sakralisierung der Hierarchie auch eine der entscheidenden Modernisierungsblockaden überhaupt. Ein System, das Autorität vor allem aus den Strukturen von Befehl und Gehorsam ableitet, nicht aber aus den Inhalten der eigenen Botschaft, wird in der pluralen nachmodernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts keine Resonanz finden. In diesem Sinne ist die Nachkriegszeit lange vorbei. Um weiter erfolgreich von Gott zu sprechen, wird die einstige „Siegerin in Trümmern“ die letzten Schlacken dieser besonderen Sozialform abstreifen müssen. Dazu gehörte es nicht nur, das Bischofsamt symbolisch neu zu kommunizieren.

Die Formen monarchischer Repräsentation, die eben nicht allein der kirchlichen Tradition entlehnt sind, sondern sich an der Herrschaftsdemonstration des weltlichen Absolutismus orientieren, gehörten dabei ebenso auf den Prüfstand wie ein neu gefasstes Ideal für die geistigen Berufe. Auch in der Diskussion um die Kirchenfinanzen und Staatsleistungen sollte die Bischofskonferenz aktiv nach Lösungen suchen und diese auch anbieten.

Transparenz ist hier das erste Gebot, möglichst viel Authentizität mit der eigenen Botschaft die generelle Richtschnur. Die Kirchensteuerregelung in Deutschland ist ein für beide Seiten gewinnbringendes Arrangement, welches man nicht in Frage stellen sollte.

Muss man sich aber umgekehrt beim Thema Staatsleistungen von einer Kleinstpartei wie der FDP immer wieder vorführen lassen? Das Festhalten am Etablierten bedeutet in vielen Fällen nicht, dass man die eigene Botschaft unverfälscht erhält, im Gegenteil. Manchmal scheint ein Aufbruch das richtige Signal.

Ein historisches Beispiel ist mit der Namenswahl des neuen Papstes wieder zu ganz neuer Aktualität gelangt. Im Mittelalter etablierte Franz von Assisi mit den Bettelorden eine völlig neue und spirituell weit ausstrahlende Sozialform christlichen Lebens. Auf das, was sein Namensvetter und Spitzenbischof Franziskus heute und in Zukunft anstößt, wird man gespannt sein dürfen.

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