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Alle im grünen Bereich - eine Besucherin geht im Fridericianum durch einen nachgebildeten Parteisitzungssaal.

"Politica" in Kassel

Ein Käfig voller Demokraten

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Die umstrittene "Politica" in Kassel geht fast reibungslos über die Bühne. Mit einem Stand ist die NPD auf der Messe vertreten. Die Besucher zeigen kaum Reaktionen. Von Joachim F. Tornau

Staunend drängten sich die Besucher der umstrittenen "Parteienmesse", die der schweizerische Künstler Christoph Büchel am Wochenende in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum veranstaltete, an den Ständen vorbei.

Zutraulich näherten sie sich den Messekäfigen, wenn darin kleine possierliche Parteien wie die "Liberalen Demokraten" oder der "Südschleswigsche Wählerverband" zuhause waren. Eiligen Schritts und etwas ängstlich gingen sie dagegen an der NPD vorbei, den bösen braunen Raubtieren in diesem seltsamen Messezoo.

Dass die Rechtsextremen wie alle beim Bundeswahlleiter registrierten Parteien zu dieser ersten "Politica" eingeladen worden waren, hatte im Vorfeld für einigen Wirbel gesorgt. Alle im Bundestag vertretenen Parteien hatten ihre ursprünglichen Zusagen deshalb wieder rückgängig gemacht. Doch nur die Linke entschloss sich, ihren Stand trotzdem zu nutzen - nicht für Werbung in eigener Sache, sondern um gegen die NPD zu demonstrieren.

"Darf Kunst die Opfer rechter Gewalt verhöhnen?", stand auf einem großen Transparent zu lesen, das das Kasseler Bündnis gegen Rechts in der Messebox aufgehängt hatte. Und aus Lautsprechern erklangen in Endlosschleife die Namen der mehr als 130 Menschen, die seit der Wiedervereinigung von Nazis in Deutschland getötet wurden.

Kaum Reaktionen auf Präsenz der Rechtsextremen

Zudem demonstrierten noch die Ökologische Linke und ÖkoLinX-ARL gegen NPD und andere rechtsextremistische Parteien.

Die Rechtsextremen hatten gleich mehrere Funktionäre entsandt und bekamen wie alle Messeteilnehmer am Sonntagnachmittag sogar noch Raum für eine Wahlkampfrede. Bei CDU, SPD, Grünen und FDP waren jedoch nur die Absage-Statements per Video zu sehen, produziert von der Kunsthalle.

Und auch die Besucher - mehr als 7000 schoben sich allein am Samstagabend während der Museumsnacht durch die Messe - zeigten kaum Reaktionen auf die Präsenz der Rechtsextremen. "Das hat mich sehr gewundert", sagte ein kritischer Besucher. "Ich hätte gedacht, dass es mehr Empörung gibt. Aber die meisten gehen einfach vorbei."

Kunsthallensprecherin Christine Messerschmidt sah das positiv: "Es gab keine Ausschreitungen", bilanzierte sie. Lediglich drei Punks der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD) hätten vor die Tür gesetzt werden müssen. "Die wurden immer lauter und immer alkoholisierter."

Der künstlerische Leiter des Fridericianums, Rein Wolfs, wertete die Messe als Erfolg. "Es gehört zur Realität in Deutschland, dass auch von uns als undemokratisch angesehene Parteien aus der Parteienfinanzierung Geld bekommen", hatte Wolfs vor der Eröffnung erklärt und damit jegliche Kritik an der Beteiligung der NPD abgewehrt. "Wir wollen ein Abbild von Deutschland geben." Und das sei gelungen - auch und gerade "mit dem ganzen Prozess in der Öffentichkeit", mit Absagen und Protesten.

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