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Michael Antenbrink (SPD, Bürgermeister Flörsheim)

Bürgermeister in Flörsheim

„Ich bin jetzt kein Getriebener mehr“

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Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) wurde im Mai abgewählt. Am 31. Oktober endet seine Amtszeit. Im FR-Interview zieht er Bilanz über zwölf Jahre als Rathauschef und gibt einen Ausblick auf sein weiteres politisches Engagement.

Allzu viele Termine hat Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink nicht mehr. Wenige Tage vor dem Ende seiner Amtszeit sortiert der Sozialdemokrat Unterlagen und räumt seinen Schreibtisch im Rathaus auf. Für das FR-Interview nimmt er sich Zeit und blickt auch noch einmal zurück auf den vielleicht bittersten Tag in seinem Leben.

Herr Antenbrink, die Wahlschlappe am 27. Mai hat Sie eiskalt erwischt. Wie haben Sie die Niederlage verarbeitet?
Dass ich schon im ersten Wahlgang scheitern würde, hatte ich tatsächlich nicht erwartet. Und ich war maßlos enttäuscht von dem Ergebnis. Nach zwei Wochen war diese Enttäuschung aber auch wieder vorbei. Es gibt schließlich Schlimmeres als mit 63 Jahren in Pension zu gehen (lacht).

In einer ersten Reaktion haben Sie am Wahlabend gesagt, Sie hätten sich nichts vorzuwerfen. Mit etwas Abstand betrachtet: Gab es nicht doch Dinge, die Sie besser hätten machen können?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gilt dieser Satz. Ich habe in den vergangenen zwölf Jahren viel für diese Stadt erreicht. Darauf bin ich stolz. Ich bin aber auch nicht frei Fehlern. Im Nachhinein betrachtet war die Strategie bei den Bürgerentscheiden zur großen Umgehung Weilbach falsch. Da sind wir zu aggressiv, zu konfrontativ vorgegangen. Das hat die Leute verprellt.

Das regierende Viererbündnis hat Ihnen unter anderem vorgeworfen, sie seien machtbesessen, würden wichtige Informationen zurückhalten, ließen Diplomatie vermissen. Ist da was dran?
Den Vorwurf, dass ich Informationen als Bürgermeister nicht weitergegeben habe, weise ich zurück. Ich habe den Bürgern immer die Wahrheit gesagt. Und ja, es stimmt: Diplomatie zählt nicht zu meinen Stärken. Ich wollte mich aber auch nie verbiegen, sondern die Ziele durchsetzen, von denen ich überzeugt war. Diesen Anspruch hatte ich schon bei meinem Amtsantritt 2006. Nach meinem Verständnis muss ein Bürgermeister führen, sonst bringt er nichts voran.

Andersrum gefragt: Was hat Ihr Kontrahent von der CDU und spätere Wahlsieger Bernd Blisch besser gemacht als Sie?
Ich weiß nicht, ob man den Wahlsieg von Bernd Blisch allein an seiner Person festmachen kann. Tatsache ist doch, dass ich nur die SPD an meiner Seite hatte, während Bernd Blisch von CDU, Grünen, FDP und den Freien Bürgern unterstützt wurde. Der Wahlkampf ist vom Viererbündnis phasenweise sehr emotional geführt worden. Da konnte ich mit Sachthemen nicht durchdringen. Im übrigen ist es nichts Ungewöhnliches, dass sich breite Bündnisse gegen amtierende Bürgermeister finden und diese dann abgewählt werden. Das ist auch meinen Amtskollegen in Rüsselsheim und Bischofsheim so ergangen.

Flörsheim war jahrzehntelang eine konservative Hochburg mit satten Mehrheiten für die CDU und christdemokratischen Rathauschefs. Kehrt die Stadt jetzt wieder dorthin zurück?
Ich glaube nicht, dass Flörsheim noch die selbe Stadt ist wie vor 20 Jahren. Die Welt hat sich weiterbewegt, es ist nicht mehr so einfach, Mehrheiten zu finden. Dazu ist die Gesellschaft zu vielschichtig geworden.

Sie haben die Bürgermeisterwahl 2018 im Vorfeld als „Richtungswahl“ bezeichnet. Welche Rolle können die Sozialdemokraten, deren Kandidat Sie waren, jetzt noch in Flörsheim spielen?
Die Verhältnisse sind jetzt klar. Das Viererbündnis muss beweisen, was es leisten kann. Mir die Schuld an eigenen Versäumnissen in die Schuhe zu schieben funktioniert nicht mehr. Die SPD, stimmenstärkste Partei ist, wird konstruktive Oppositionspolitik machen. Das ist ihr in der Vergangenheit auch schon sehr gut gelungen.

Welche Rolle werden Sie dabei spielen?
Ich will meine Partei unterstützen, wo ich gebraucht werde – in Flörsheim und aber auch im Main-Taunus-Kreis, wo ich vor kurzem als SPD-Vorsitzender wiedergewählt worden bin. Außerdem werde ich im Kreistag aktiver mitarbeiten als bisher. Ich habe jetzt wieder Zeit, Dinge in Ruhe abzuarbeiten, bin kein Getriebener mehr.

In knapp einer Woche ist Landtagswahl in Hessen. Bei der Bayern-Wahl haben die Sozialdemokraten miserabel abgeschnitten. Im Bund sind die Umfrageergebnisse für die SPD auch nicht gerade berauschend. Was ist Ihre Prognose für den Wahlausgang am 28. Oktober?
Ich finde es gut, dass sich Thorsten Schäfer-Gümbel in seinem Wahlkampf auf wenige Themen konzentriert, um den Markenkern der SPD nicht zu verwässern. Und dass er auf der Sachebene bleibt. Das schafft Vertrauen. Deshalb glaube ich, dass ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU möglich ist. Das gilt auch für die beiden Direktkandidatinnen der SPD im Main-Taunus-Kreis, die Hofheimer Bürgermeisterin Gisela Stang und die Generalsekretärin der Hessen-SPD, Nancy Faeser.

Blicken wir noch einmal zurück auf Ihre zwölfjährige Amtszeit als Flörsheimer Bürgermeister. Worauf sind Sie besonders stolz?
Dass wir es geschafft haben, das stationäre Hospiz Lebensbrücke gegen politische Mehrheiten durchzusetzen. Das ist ein soziales Projekt von allerhöchster Qualität. Eine großartige Leistung war auch, wie wir mit der Flüchtlingskrise umgegangen sind. Da war die ganze Stadtgesellschaft eingebunden.

Welche Themen sind für Flörsheim in Zukunft wichtig?
Wie überall müssen wir dafür sorgen, dass es mehr bezahlbaren Wohnraum gibt. Beim Stadtentwicklungskonzept sollten die Bürger nicht nur mitreden, sondern auch mitwirken können. Und wir müssen darauf achten, dass alle Menschen am sozialen Leben in Flörsheim teilhaben können. Das neue Mehrgenerationenhaus ist dafür ein guter Ausgangspunkt.

Und der Fluglärm? Ist der kein Thema mehr in der Stadt?
Das Thema steht zumindest nicht mehr im Vordergrund. Durch das Planfeststellungsverfahren und die Rechtssprechung ist der Flughafen abgesichert. Man kann allenfalls kleine Verbesserungen erreichen, etwa bei der Lärmobergrenze oder beim Fluglärmschutzgesetz. Ich hoffe, dass sich die Verantwortlichen im Rathaus weiter darum kümmern werden. Ich selbst bin nach meiner Abwahl als Bürgermeister nicht mehr Mitglied in der Fluglärmkommission.

Was wird Ihre letzte Amtshandlung als Rathauschef sein?
Die Übergabe der neuen Kita in der Hauptstraße am 25. Oktober.

Und am 1. November, was steht da auf dem Programm?
Da ist abends Vorstandssitzung der Flörsheimer SPD. Da will ich dabei sein.

Interview: Andrea Rost

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