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Gut gebrüllt, Pitt.

Landtagswahl in Hessen

Hessens schönstes Funkloch

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Hessens CDU lädt nach der Landtagswahl in Hessen ein: an einen abgeschiedenen Ort Ohne Handyempfang. Die Kolumne aus dem Landtag.

Eigentlich konnte niemand überrascht sein, der das Waldhotel tief im Rheingau gefunden hatte, in das Volker Bouffiers CDU in dieser Woche die anderen Parteien zu Sondierungsgesprächen eingeladen hatte. Es liegt so abgeschieden wie nur denkbar, in direkter Nachbarschaft eines Franziskanerklosters, aus dem Orgelmusik erklingt. Vor allem: Es befindet sich mitten im Funkloch. Heraustelefonieren ist unmöglich.

Man könnte das für einen Wink mit dem Zaunpfahl an den grünen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir halten, unter dessen Ägide noch immer nicht alle weißen Flecken im hessischen Funknetz geschlossen wurden – selbst mitten im Rhein-Main-Gebiet.

Einen Monat vor der Landtagswahl hatten Bouffier und Al-Wazir eine Vereinbarung mit Handyanbietern getroffen, um 1100 neue Mobilfunkstandorte zu bauen. „Wer viel in Hessen unterwegs ist, kennt die Stellen, an denen die Verbindung abreißt“, sagte Bouffier damals. „Solche Stellen soll es künftig nicht mehr geben.“

Doch für die heiklen Parteiengespräche im kleinen Kreis dürfte es dem Ministerpräsidenten gelegen kommen, dass nirgends hingefunkt werden kann. Für ihn befindet sich in Geisenheim-Marienthal wahrscheinlich das segensreichste Funkloch Hessens.

Keine Sondierungen wie in Berlin

Denn eines will Bouffier in Hessen nicht erleben: Sondierungen und Koalitionsverhandlungen, die so ablaufen wie in Berlin, wo er von Anfang bis Ende beteiligt war. Jamaika konnte im Bund schon deswegen nicht funktionieren, weil sich die Verhandlungspartner gegenseitig nicht vertrauten und alle Interna sofort auf dem öffentlichen Markt austrugen, das ist Bouffiers tiefe Überzeugung. Das Böse hat auch einen Namen: Twitter. In Berlin hatten etwa der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, der heutige CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer und Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir Papiere aus den Sitzungen fotografiert und getwittert.

Auch der Groko-Krach hatte in Berlin schon angefangen, bevor die Groko auch nur vereinbart war. Weil Gesprächsteilnehmer nichts für sich behalten konnten.

Das soll in Bouffiers „Wellness-Oase“ anders werden. So preist sich das Hotel an, in das die CDU die anderen Parteien eingeladen hatte. Im Internet wirbt es sogar mit seinem Arrangement „Wellness-Quicky“, bebildert mit einer „Doppelwhirlwanne“. Manches möchte man sich gar nicht vorstellen, geschweige denn auf Twitter erfahren.

Andererseits wacht ein guter Geist über dem Tagungsort. Ein Denkmal des heiligen Franziskus schaut aus dem Wald auf Kloster und Tagungshotel hinab. Die CDU empfing morgens die Grünen, mittags die SPD und abends die FDP. Die Franziskanermönche pflegen einen ähnlichen Rhythmus, wie auf ihrer Tafel zu lesen ist: „7 Uhr Morgenlob, 12 Uhr Mittagshore, 18 Uhr Abendlob“. Da können sich Grüne und FDP von der CDU gleichermaßen gelobt vorkommen, wobei nur für die Grünen ein neuer Morgen anzubrechen scheint.

Noch ist ungewiss, ob auch Koalitionsverhandlungen in Marienthal stattfinden werden. Immerhin wird dort ordentlich geheizt. Als CDU und Grüne vor fünf Jahren in solche Beratungen einstiegen, bibberten sie in einem schlecht geheizten Tagungshotel in Schlangenbad.

Wie wirkungsvoll das Funkloch für Verhandlungen ist, muss sich erst noch erweisen. Zum Glück für uns Journalisten gibt es immerhin funktionierendes WLAN im Hotel, so dass wir von dort Texte an unsere Redaktionen senden konnten. Das bedeutet aber auch: Twittern ist möglich.

Pitt von Bebenburg berichtet über Koalitionssuche im Landtag. Und er twittert: @PvBebenburg

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