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Noch nie so weit oben: Spitzenleute der Grünen.

Hessen-Wahl

Grüne im stabilen Hoch

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Politologen sehen Robert Habeck als Kanzlerkandidaten.

Grünen-Chef Robert Habeck hatte am Wochenende einigen Ärger am Hals – wie zwei Wochen zuvor schon vor der Landtagswahl in Bayern. Seinerzeit hatte er gesagt, mit dem Verlust der absoluten CSU-Mehrheit fange in Bayern die Demokratie praktisch erst an. Der 49-Jährige rückte dies bald zurecht. Am Samstag kritisierte derselbe Habeck ausgerechnet in der „Bild“-Zeitung die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin mit dem Tenor, sie habe das Land auf den Zuzug so vieler Asylsuchender zu schlecht vorbereitet.

Nun herrscht Streit, ob die „Bild“ den Parteivorsitzenden hinter die Fichte geführt oder der sich ungeschickt verhalten und somit den Eindruck erweckt hat, er greife Angela Merkel gleichsam von rechts an. Beide Fälle zeigen, dass die Luft für die Grünen und besonders Habeck dünner wird. Denn so weit oben wie jetzt waren sie noch nie. Da waren nicht nur die hessischen Umfragen, bei denen es sich zuletzt allein noch um die Frage drehte, ob die Grünen vor oder hinter der SPD landen.

Da ist auch die jüngste Umfrage in Berlin, in der die Grünen vor der SPD und vor der Linken liegen – von der Bundesebene ganz zu schweigen. Konsequenterweise häufen sich die Stimmen, die der Partei nahelegen, bei der nächsten Wahl einen Kanzlerkandidaten aufzustellen. Entsprechend äußerten sich soeben in der „Saarbrücker Zeitung“ die Politologen Oskar Niedermayer und Albrecht von Lucke. Letzterer sagte: „Wenn die Volksparteien weiter schrumpfen und tendenziell vergehen wie die SPD und neue Mittelparteien entstehen, verändert sich die Lage fundamental. Die wachsenden Grünen müssten dann möglicherweise auch im Bund bald einen Kanzlerkandidaten namens Habeck stellen, die schrumpfende SPD vielleicht schon nicht mehr.“ 

Nahezu alle Beobachter gehen jedenfalls davon aus, dass das grüne Hoch anhält. Es ruht nämlich anders als das Hoch nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 auf einem solideren Fundament. Da ist die zunehmende Schwäche der Volksparteien Union und SPD, die in Berlin in einer unheiligen großen Koalition vereint sind. Zudem fühlen sich all jene zu den Grünen hingezogen, die dem von der AfD getriebenen Rechtstrend etwas entgegensetzen wollen.

CDU, CSU, SPD, FDP und Linke sind mindestens in der Flüchtlingspolitik unentschieden. Bei den Grünen entsteht ein gegenteiliger Eindruck. Entsprechend gehen sie damit hausieren. Die Ökopartei beansprucht für sich selbst etwas Großes: Haltung.

Schließlich sind da die seit Januar amtierenden Vorsitzenden Annalena Baerbock und Habeck. Merkel und der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer wirken verbraucht, SPD-Chefin Andrea Nahles und Vizekanzler Olaf Scholz leidenschaftslos. FDP-Chef Christian Lindner ist bis weit ins Bürgertum hinein unbeliebt. Baerbock und Habeck nicht. Habeck ist mit seinem neuen Buch „Wer wir sein könnten“ auf der Spiegel-Bestsellerliste gerade erst wieder um zehn Plätze geklettert.

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