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Moritz Neumann, 60, ist seit 27 Jahren Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Darmstadt.

Geschichte der neuen Synagoge

"Eigentlich wollte keiner bleiben"

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Darmstadt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau darüber wie der Synagogenneubau 1988 aus Auswanderwilligen eine Gemeinde der Zukunft machte.

Am 9. November jährt sich nicht nur die Pogromnacht, sondern auch der Neubau der Synagoge. in Darmstadt. Was bedeutet dieser Tag für die Gemeinde?

Bei Jubiläen denkt man eigentlich in Kategorien von 25 oder 50 Jahren. Für uns sind 20 Jahre trotzdem etwas Besonderes, denn es ist nicht selbstverständlich als jüdische Gemeinde eine Synagoge zu haben. Und auch die Zeitspanne von 20 Jahren ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass die wunderbare Jugendstil-Synagoge von Wickop in der Bleichstraße nur 30 Jahre existiert hat, bevor sie von den Nazis vernichtet wurde.

Gab es Bedenken gegen den Bau?

Es gab Einwände und auch Ablehnung, meist anonym in Form von schmutzigen Schmähbriefen. Aber es gab auch Bedenken von jüdischer Seite, nicht aus Darmstadt, eher von den größeren jüdischen Gemeinde in Deutschland oder von jüdischen Besuchern aus dem Ausland. Was wollt ihr als kleine Gemeinde mit 120 Mitgliedern mit einer Synagoge? Doch jüdische Gemeinde existieren selten unter normalen Bedingungen. Kurz nach der Einweihung der Synagoge fiel der eiserne Vorhang und die ersten jüdischen Zuwanderer aus der Sowjetunion kamen.

Wie kam es zum Synagogenbau?

Das war die Idee meines engen Freundes und Berufskollegen Rüdiger Breuer, der SPD-Stadtverordneter war. Wir standen 1984 wie jedes Jahr am 9.November vor dem kleinen Denkmal, das an die zerstörte Synagoge an der Bleichstraße erinnerte. Ich habe eine Rede gehalten. Er stellte anschließend die Frage, wieso habt ihr eigentlich nicht wieder eine Synagoge? Bis dahin traf sich die Gemeinde in einer Villa in der Osannstraße, wo es einen Gebetsraum gab.

Hat die Gemeinde selbst vorher nie daran gedacht?

Wir hatten das Geld nicht. Ohne Hilfe unseres jüdischen Landesverbandes konnten wir eigentlich nicht existieren. Die ursprüngliche Idee von Rüdiger Breuer war ein Anbau in der Osannstraße. Das ging dann aus baulichen Gründen nicht. Zum Glück, denn wegen der vielen Zuwanderer wäre die Synagoge kurz darauf schon zu klein gewesen. Ende 1984 stellte Breuer den Antrag in der Stadtverordnetenversammlung. Seine Fraktion war nicht nur glücklich darüber. Es gab den Satz: "Wieso sollen wir das bezahlen? Die Juden haben doch alle reiche Verwandte in Amerika? Breuer hat sich nicht aus dem Konzept bringen lassen und sich Ernst Schneider von der CDU an seine Seite geholt. Danach gab es dann ein breites Bündnis aus SPD, CDU und FDP.

Wieso wurde die Synagoge in der Glässing-Straße gebaut?

Dort lag ein städtisches Grundstück, das als wilder Parkplatz genutzt wurde. Vorher war ein Standort am jüdischen Friedhof im Gespräch, aber das ist mit unserer Religion nicht vereinbar. Die Ruhe der Toten darf nicht gestört werden. Wir haben mit unserer Synagoge die Wilhelm-Glässing-Straße wieder "sauber" gemacht. Früher saß dort die Gestapo und außerdem war dort die Wohnung des späteren Kommandanten des KZ Buchenwald, Karl Otto Koch.

Wie haben sie den Tag der Synagogeneinweihung erlebt?

Das war ein außergewöhnliches Ereignis, auch weil die Stadt mit einer großzügigen Geste ehemalige Darmstädter Juden aus der ganzen Welt eingeladen hatte. Wir hatten den Architekten gebeten bei der Innengestaltung ein kleines Tempelchen wie in der alten Wickop-Synagoge zu realisieren. Als wir zum ersten Mal mit der Gruppe der Ehemaligen den Synagogenraum betraten, standen sie wie angenagelt, schauten auf das Tempelchen und sagten: Das ist ja unsere Synagoge. Das war der letzte Beweis, dass wir es richtig gemacht hatten.

Wie viele Synagogenneubauten gab es zu dieser Zeit?

In Hessen gab es in den 50ern den kleinen Synagogenbau in Offenbach und den Hinterhofbau in Wiesbaden. Das war typisch für die Zeit - nur nicht auffallen. Allen jüdischen Gemeinden war die Überzeugung gemein, wir bleiben ja eh nicht. In unserer Gemeindesatzung gab es einen Paragrafen, dass Gemeindeglieder bei der Ausreise unterstützt werden sollten. Jeder rechnete damit, nicht zu bleiben. Erst 1986 haben wir in Darmstadt den Passus gestrichen, denn wenn wir eine Synagoge bauen, ist eine solche Aussage nicht mehr zeitgemäß. Wir haben vor der Öffentlichkeit erklärt, dass wir bleiben wollen.

Was hat sich seither geändert?

Es hat sich viel geändert. Anfangs waren wir eine kleine überschaubare Familie. Jetzt sind wir 700 Mitglieder, davon sind 600 aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Zuwanderung war für niemanden vorhersehbar und hat zu einer völligen Veränderung des Gemeindelebens geführt. Wir dachten, es kommen massenhaft Gottesdienstbesucher. Doch die Menschen, die kamen, hatten ihr Judentum gar nicht oder kaum leben können. Wir mussten ihnen alles neu beibringen, Kurse in Religionskunde geben. Es hat funktioniert. Früher waren es fast nur alte Menschen, heute ist die Synagoge an manchen Feiertagen voll mit Kindern.

Wie sieht die Zukunft aus?

Mittlerweile ist die Zuwanderung faktisch zu Ende. Wir sind auf der Spitze des Berges und bewegen uns wieder ein bisschen nach unten. An manchen Feiertagen jedoch ist die Synagoge zu klein und Gottesdienstbesucher müssen stehen. Aber das ist gut so. Lieber eine kleine Synagoge und die ist voll.

Interview: Astrid Ludwig

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