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Die Sängerin Dunja Rajter. (Archiv)

Gedenken im Landtag

Dunja Rajter singt Lied aus dem KZ Buchenwald

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Der Landtag gedenkt der Pogrome mit mehr Musik als Reden. Bouffier warnt vor neuem Hass und Ausgrenzung.

Es war eine ungewöhnliche Gedenkstunde für den Hessischen Landtag. Zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938 hatten sich der Landtag und die Landesregierung am Freitag für berührende Musik statt vieler Reden im Plenarsaal entschieden.

Die 72-jährige Sängerin und Schauspielerin Dunja Rajter trug gemeinsam mit dem Frankfurter Vorbeter und Sänger Benjamin Maroko, der Pianistin Anna Kuperschmidt und Moderatorin Eva-Maria Klatt Stücke aus dem Programm „Ihre Heimat bleibt die Musik“ vor.

Die Lebenswege der jüdischen Komponisten und Textdichter, die Klatt schilderte, führten in die Emigration oder oft in Konzentrationslager und den Tod. Neben Unterhaltungsmusik aus der damaligen Zeit stand das „Buchenwald-Lied“ von Fritz Löhner-Beda auf dem Programm, für den sich die Hoffnung nicht erfüllte, die er in dem Lied besingt: „Einmal kommt der Tag, dann sind wir frei.“ Löhner-Beda wurde 1942 im Buna-Werk in Auschwitz ermordet.

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hob die Aktualität des Gedenkens hervor. Hessen dürfe nicht wieder Platz von Hass, Gewalt und Ausgrenzung werden. Er nahm ausdrücklich Bezug auf die AfD. „Wehret den Anfängen“, sagte er und fügte sorgenvoll hinzu: „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir noch bei den Anfängen sind.“

Das Gedenken an die Pogromnacht, als in Hessen mehr als 200 jüdische Gebetshäuser zerstört wurden und Tausende Menschen angegriffen wurden, müsse als „Stachel im Fleisch“ bleiben, sagte Bouffier. Heute gelte vieles als sagbar, was jahrelang verpönt gewesen sei. „Das Wichtigste ist der Mut der Demokraten und das Aufrütteln gegen die Gleichgültigkeit.“ Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) verwies darauf, dass das Parlament die Geschichte nazistisch belasteter Abgeordneter der Nachkriegszeit aufgearbeitet habe.

Außer Bouffier und Kartmann gab es keine Redner. Abgeordnete von SPD, Grünen, Linken und FDP äußerten sich in Pressemitteilungen. Der SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel schrieb: „Rassismus, Hass und Verblendung schleichen sich im Gewande des Populismus von Rechts wieder in die Parlamente und in die Gesellschaft.“ Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner mahnte: „Gerade angesichts der erschreckenden rechten Gewalttaten in Chemnitz und anderswo ist es wichtig, deutlich zu machen, wohin Rassismus und Antisemitismus uns schon einmal geführt haben.“

Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Janine Wissler, forderte: „Um Antisemitismus, Neofaschismus und Rassismus zu bekämpfen, müssen zivilgesellschaftliche Strukturen gestärkt und die Orte der Erinnerung erhalten und gefördert werden.“ FDP-Fraktionschef René Rock nannte es „ein unverdientes Glück“, dass es „nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust“ überhaupt wieder jüdisches Leben in Hessen und Deutschland gebe.

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