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Unterricht an einer Intensivklasse im Offenbacher Stadtteil Rumpenheim.

Hessische Schulen

Drei-Säulen-Modell für Integration

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Die Landesregierung verfolgt einen dreistufigen Plan, um Kinder mit Migrationshintergrund in Schulen zu integrieren.

Aleksander ist vor vier Jahren mit seinen Eltern von Bulgarien nach Offenbach gezogen. Dort besuchte er zunächst eine Intensivklasse, um Deutsch zu lernen; schon nach einem halben Jahr konnte er in eine Regelklasse wechseln. „In meinem Heimatland hätte ich nicht so gute Chancen wie hier“, ist sich der 15-Jährige sicher. Und er habe an seinem neuen Wohnort viele Freunde gefunden. Ähnlich sieht es bei der 13-jährigen Daria aus Russland aus, die schon fast flüssig Deutsch spricht und ebenfalls nach einem halben Jahr in eine Regelklasse gewechselt ist.

Solche Erfolgsgeschichten hört der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) gerne. Er besuchte am Donnerstag die Offenbacher Ernst-Reuter-Schule, um dort exemplarisch zu zeigen, wie gut die vom Land eingeleiteten Integrationsprojekte seiner Ansicht nach greifen. „Ich glaube, wir stehen gut da“, sagte Lorz mit Blick auf den schulischen Integrationsplan, den das Land vor einem Jahr auf Anregung des Praxisbeirats zur Flüchtlingsbeschulung – einer Art Austauschplattform von Schulen und Bildungsverwaltung – ins Leben gerufen hat.

Hessen verfolgt Drei-Säulen-Modell 

Der Plan stützt sich auf drei Säulen: Zum einen sollen die Seiteneinsteiger breit auf die Schulen verteilt werden. Zweitens bekommen besonders beanspruchte Schulen zusätzliche Lehrerstunden zugewiesen, mit denen sie etwa Förderangebote oder Kleingruppenarbeit einrichten können. Drittens wurden die Fortbildungsangebote für Lehrkräfte erweitert. „Wir wollen, dass die besten Schulen an den Orten mit den größten Herausforderungen sind“, sagt der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Mathias Wagner. Er verweist auch auf die neuen Stellen, die in den staatlichen Schulämtern geschaffen wurden.

Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen in hessischen Schulen aufschlagen, ist immer noch hoch – aber niedriger als in den vergangenen Jahren: Rund 23 400 Kinder und Jugendliche nahmen laut Kultusministerium im Februar an den schulischen Sprachförderprogrammen teil. Und Aleksander und Daria sind zwei von mehr als 21.000 Seiteneinsteigern, die seit 2015 in Hessen von Intensivklassen in den regulären Unterricht gewechselt sind – davon etwa 9000 zu Beginn des aktuellen Schuljahres. „Besonders stolz“ sei man darauf, dass davon „nur 220 in einer Förderschule unterrichtet werden“, sagte Lorz.

Integration durch Landesmittel fördern

Die Ernst-Reuter-Schule ist eine Integrierte Gesamtschule; dieser Schulform werden in Hessen besonders viele Intensivklassen zugewiesen. Zwei solche Klassen mit insgesamt 29 Schülern gibt es an der Schule. Vor allem Kinder aus Osteuropa werden hier unterrichtet, erzählt Schulleiterin Sabine Henning. Mit den zusätzlichen Landesmitteln finanziere man etwa eine „Forscher-AG“: Dort können Regelklässler – darunter ehemalige Intensivklässler aus Ländern wie Kenia oder Syrien – eine Stunde pro Woche in Kleingruppen experimentieren. Die restliche Klasse wird parallel unterrichtet. Den Integrationsplan beurteilt Henning positiv, in Offenbach sei Integration aber auch nichts Neues: An ihrer Schule blicken zwei Drittel der Schüler auf eine Migrationsgeschichte zurück – hessenweit sind es etwa halb so viel.

Mai Pazun unterrichtet an der Ernst-Reuter-Schule eine siebte Klasse. Die Lehrerin würde gerne häufiger mit zwei Lehrkräften unterrichten. Auch wegen der in die Regelklassen integrierten Intensivklässler, die noch nicht perfekt Deutsch sprechen, sei es schwierig, sich auf 27 Kinder zu konzentrieren.

Kritik am Integrationsplan der Landesregierung kommt von der Opposition. „Die Situation schönreden, nachdem gerade wieder ein Brandbrief das Ministerium erreicht hat, zeigt, wie absurd Schwarz-Grün regiert“, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, Christoph Degen. In dem Brief hatten Pädagogen aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg darauf hingewiesen, dass der Wechsel in Regelklassen nach zwei Jahren Schüler, die erst einmal alphabetisiert werden mussten, überfordere.

Lorz zufolge ist eine Alphabetisierung über zwei Jahre hinaus möglich. Er halte es jedoch nicht für sinnvoll „Kinder auf unabsehbare Zeit zu segregieren“. Offenbachs Bildungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP) wünscht sich indes vom Land mehr Unterstützung zur „Bereitstellung der notwendigen räumlichen Voraussetzungen“.

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