"Brisante" Resultate zum Taunus-Fluglärm

Tabum-Route sorgt laut einer Pilotstudie für unzumutbare Belastung / 150 000 Menschen zusätzlich betroffen

Von Ute Vetter

TABUM-ROUTE

Im Zuge der Neuordnung der europäischen Luftverkehrswege wurden im April 2001 die Abflugrouten am Frankfurter Flughafen geändert. Seitdem drehen kleinere Flugzeuge, die nach dem Start eine Mindesthöhe von 1067 Metern erreicht haben, vorzeitig in Richtung Norden ab. Auf ihrem Flug orientieren sich die Piloten an dem neu geschaffen Wegepunkt TABUM bei Bad Camberg. Er ersetzte das alte Funkfeuer TAU nordwestlich von Idstein, das die ehemalige Flugrichtung vorgegeben hatte. Mit dem Wechsel wurde gleichzeitig die bestehende Abflugroute nach Osten verschwenkt. Zirka 150 Maschinen nutzen nach Angaben der Deutschen Flugsicherung (DFS) jeden Tag die neue Flugroute TABUM. Für die startenden Jets wurden auf einer Linie zwischen Flörsheim und Wiesbaden insgesamt vier Abdrehpunkte in Richtung Norden eingerichtet, an denen die Maschinen nach Erreichen der Mindestflughöhe in Richtung Taunus einschwenken. oz

EPPSTEIN. "Über 1,2 Millionen Fluglärmbeschwerden in 2002 stehen für die Belastung der Region durch den Flughafen Frankfurt", erklärt die IG. Ein "substantieller Anteil" stamme aus der Taunus-Region, weil die Bewohner seit der Änderung der Flugrouten 2001 "neu verlärmt" wurden. Die Studie habe nun Argumente etwa seitens der Fraport widerlegt, nur einige wenige "Dauerbeschwerer" bauschten die Lärm-Problematik auf.

In einem ersten Schritt wird die Lärmbetroffenheit der Bevölkerung in bisher ruhigen Wohnlagen des Hoch- und Vordertaunus entlang der Tabum-Route ermittelt. "Wir legen eine in der Lärmwirkungsforschung international anerkannte Methodik zugrunde, die etwa die Uni Düsseldorf bei einer Studie zur Lärmbetroffenheit des Flughafenumfelds im Rahmen der Mediation 1999 angewandt hat", erklären die Verantwortlichen der Studie beim Deutschen Fluglärmdienst (DFLD), Claudia Weiand und Berthold Fuld.

Die Ergebnisse seien "so eindeutig, dass diese bereits bei dem jetzigen Stichprobenumfang abgesichert" seien. Die Methodik erlaube den Vergleich mit den im Mediationsverfahren für Anrainer ermittelten Ergebnissen. W.U.T.-Pressesprecher Günther Born: "Die als repräsentativ einzustufenden ersten Ergebnisse der Fluglärmbetroffenheit sind erschreckend." In den Gemeinden Kelkheim, Eppstein, Königstein, Glashütten, Schmitten und Weilrod würden hohe bis sehr hohe Belästigungswerte erreicht. Diese lägen im Bereich oder oberhalb der von der Uni Düsseldorf für flughafennahe Gemeinden wie Kelsterbach, Mörfelden oder Flörsheim-Weilbach ermittelten Werte. Die im Mediationsgutachten definierte Zumutbarkeitsgrenze, bei der sich 50 Prozent der Befragten stark belästigt fühlten und ab der ein ungestörtes Wohnen unmöglich sei, werde entlang der Tabum-Route überschritten.

Fuld schließt daraus, dass eine erhebliche Belästigung durch Fluglärm bereits bei weitaus niedrigeren Lärmpegeln als bisher angenommen auftritt. Fast 90 Prozent der Betroffenen empfinden laut der Studie die Belastung als "unvereinbar" mit der ruhigen Wohnlage. Dies decke sich mit einem anderen Ergebnis, wonach für mehr als 75 Prozent der Einwohner Ruhe ausschlaggebend für die Wohnortwahl in den Taunusgemeinden gewesen sei. Besonders beunruhigend sei, dass die überwältigende Mehrheit der Bewohner nicht wieder in die betreffende Region ziehen und dort keinesfalls investieren würde.

Gerade letzteres Ergebnis ist laut W.U.T. "besonders brisant" für die Taunusgemeinden, deren finanzielle Basis überwiegend auf der Einkommensteuerumlage der Bevölkerung beruhe. Es zeige sich, dass die vor mehr als einem Jahr von den sieben Taunuskommunen gegen die neuen Flugrouten eingereichte Klage vor dem VGH Kassel nur logisch und folgerichtig war. "Die Ergebnisse sind eine schallende Ohrfeige für alle, die Fluglärmbetroffenheit im Taunus als lächerlich abtun wollen", betont IG-Sprecher Wolfgang Berger. Man habe nun die Bestätigung, dass sich die große Mehrheit der Taunusbewohner durch Fluglärm erheblich belästigt fühlt. Die Studie zeige, dass nur ein geringer Prozentsatz der Betroffenen sich bei Fraport über einzelne Überflüge beschwert.

Nach Einschätzung von IG und W.U.T. haben die Fraport, die Deutsche Flugsicherung (DFS) und die Landespolitik nun ein Problem: "Die Strategie ,Weiter so und aussitzen' wird nicht funktionieren." Die Studie stelle dem Lärmmanagement des Flughafens ein katastrophales Zeugnis aus. Die von Luftfahrtgesellschaften geforderte Luftraumkapazität - die Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) unterstütze - sei offenbar durch Routenänderungen ohne Abwägung der Betroffenen realisiert worden. Dies habe im Taunus zu einer unnötigen Neuverlärmung mit gut 150 000 zusätzlich Betroffenen geführt. Zudem nehme man bei Routen sowie An- und Abflugverfahren keine Rücksicht auf die durch die Hanglagen entstehenden Lärm-Arenen und ignoriere die Funktion des Taunus als Naherholungsgebiet.

Der Taunus müsse wie ein flughafennaher Bereich behandelt werden. IG und W.U.T. fordern die Flugsicherung, das Luftfahrtbundesamt (LBA) und die Fluglärmkommission auf, "unverzüglich Maßnahmen zu einer sofortigen, wirksamen und nachhaltigen Entlastung … einzuleiten".

Infos: Deutscher Fluglärmdienst (www.dfld.de), IG gegen Fluglärm Taunus (www.fluglaerm-taunus.de), Wohnen und Umwelt im Taunus (www.w-u-t.com).

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