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Lilly Claudi.
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Lilly Claudi.

Porträt

Fass ohne Boden

Die Frankfurterin Lilly Claudi verklagt Hessen. Die 21-Jährige ist auch bei „Fridays for Future“ aktiv.

Mit 21 Jahren stecken die meisten jungen Menschen in Deutschland irgendwo zwischen Selbst- und Sinnsuche, in die sich ab und an ein Demobesuch, eine Diskussion über die Wahl oder eine Onlinepetition mogeln. Auch Lilly Claudi ist 21, gerade ist sie zurück nach Frankfurt gezogen, sie steckt mitten im Studium. Eigentlich ist Lilly Claudi eine ganz normale junge Frau. Eigentlich. Denn Lilly Claudi verklagt das Land Hessen.

Was anfangs schüchtern wirkt, entpuppt sich als Höflichkeit, Claudi spricht ruhig und ernst, aber nicht leise. Sie erklärt, wie die Deutsche Umwelthilfe junge Menschen gesucht hat, um auch in Hessen eine Verfassungsbeschwerde einzureichen. Lilly Claudi ist bei „Fridays for Future“ aktiv, die mit der Klage eigentlich nichts zu tun haben. Trotzdem hat sie lange mit ihren Mitstreiter:innen darüber diskutiert. Sie glaubt, dass ihre Verfassungsbeschwerde auf „Fridays for Future“ zurückgeführt werden wird.

Ende 2019 ist sie dort „reingerutscht“, wie sie sagt. Bei Demos mitzulaufen, ist ihr damals nicht mehr genug, sie will richtig mitmischen, beginnt, im Social-Media-Team mitzuarbeiten. Das erste Semester ihres Bachelorstudiums habe sie noch normal absolviert, dann kamen Corona und Lockdown – und damit die Möglichkeit, sich parallel zunehmend aktivistisch zu engagieren. Online sei vieles einfacher als vor Ort, erklärt Claudi, die Bewegung habe das zum Teil auch gestärkt.

Als Claudi schließlich in den Dannenröder Wald fährt, weiß sie noch nicht, dass sie ein paar Monate später im Schnee zelten oder ihre Hausarbeit im Schein einer Taschenlampe in einem Wohnwagen zu Ende schreiben wird. Es ist ein Wendepunkt. „Das war das Ding“, erklärt Claudi, die vor Ort bald ihre Position findet, Gespräche mit der Presse übernimmt und auch mal einen FDP-Politiker durch den Wald führt. Sie erlebt, wie sich eine offene, lebendige Protestgemeinschaft bildet, erfährt aber auch Anfeindungen. Wenn sie höre, sie seien „Klimaterroristen, die Autos hassen“, frage sie sich, ob die Leute eigentlich zugehört hätten. Claudi spürt, wie sich die Fronten mehr und mehr verhärten. Sie erzählt, wie die Kräfte aller am Ende der Proteste dahinschwinden, auch ihre eigenen. Die Räumung sei achtloser, das politische Echo schroffer geworden. Claudi findet krass, wie Klimaaktivismus kriminalisiert werde, im „Hambi“ und zuletzt im Rahmen der IAA.

Über diese Aktionen und auch ihre eigenen Erlebnisse spricht Claudi nüchtern, fast druckreif, nur selten muss sie überlegen. Es wirkt, als wisse sie genau, was sie sagen, und auch, wie sie wirken will. „Activist Burnout“, natürlich hat sie schon davon gehört, wer sich aktiv für eine Sache einsetzt, kann Frustration und Kräfteverschleiß erleben, wie es bislang hauptsächlich mit Vollzeitjobs assoziiert wurde. Im Klimaschutz sei das ein weitverbreitetes Phänomen. „Wer einmal damit anfängt, merkt: Das ist ein Fass ohne Boden“, erklärt Claudi. „Das ‚Ich kann nicht mehr zuschauen‘, dieser Druck wird immer nur größer.“

Auch Lilly Claudi muss sich nach ihrer Zeit im besetzten Dannenröder Wald erst mal ein dreiviertel Jahr lang erholen. „Das klingt jetzt hart“, analysiert sie, und rechtfertigt sich sofort, Monate im Zelt, dazu läuft das ganz normale Leben nebenher ganz normal weiter. Es klingt nach einer übergroßen Aufgabe. „Im Endeffekt geht es darum, dass man eine lebenswerte Zukunft hat. Das klingt plakativ.“ Claudi überlegt kurz, vielleicht sollte man das anders sagen. Andererseits erscheint es wie ein guter Antrieb, groß denken, Großes anstoßen. Das Bundesland verklagen, das ist eine von diesen großen Sachen. „Schön konkret“, nennt Claudi das, es gefällt ihr, wenn man „den Umbruch selbst sehen kann“. Bis es allerdings weitergehe, könne es einige Monate dauern, hat die Kanzlei sie vorgewarnt.

Bei der Bundestagswahl darf Lilly Claudi das erste Mal wählen. Sie ist sich noch nicht 100-prozentig sicher, wen sie wählen wird. Wie so viele ganz normale junge Frauen. (Lena Walbrunn)

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