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Der Angeklagte Ali B. vor Gericht.

Fall Susanna

Ali B. gesteht Tötung von Susanna

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Im Mordprozess um die getötete Susanna gesteht der Angeklagte die Tötung der Schülerin.

Ich bereue alles, was passiert ist“, sagt Ali B. am Ende eines emotionalen Prozessauftakts gestern im Wiesbadener Landgericht. „Ich entschuldige mich bei der Mutter und dem Vater (der Getöteten, Anm. d. Red.) und weiß doch, dass ich nichts wieder gutmachen kann“, übersetzt ein Dolmetscher seine Worte aus dem Kurdischen ins Deutsche. Der 22-jährige Iraker steht vor Gericht, weil er in den frühen Morgenstunden des 23. Mai 2018 die 14-jährige Susanna aus Mainz ermordet haben soll.

Die Mutter des Mädchens bricht bei der Entschuldigung in Tränen aus. Sie tritt als Nebenklägerin auf und sitzt gegenüber der Anklagebank. Direkten Augenkontakt meidet Ali B. jedoch stets und beugt sich nur zum Übersetzer hinüber. Seine Worte wirken gefasst, von Mitgefühl ist nicht viel zu spüren.

Wie die Verteidiger des 2014 nach Deutschland gekommenen Flüchtlings angekündigt hatten, lässt sich der Angeklagte vor Gericht zur Tat aus. Leise, aber auch etwas teilnahmslos beantwortet er die Fragen des Richters Jürgen Bonk. Er spricht gebrochen Deutsch, versteht viele Fragen auch ohne Dolmetscher, manchmal antwortet der schmale und nicht sonderlich große junge Mann auch auf Deutsch. Seine Stimme ist leise, auch in seiner Herkunftssprache im Dialog mit dem Übersetzer. Als er in den voll besetzten Gerichtssaal geführt wird, verdeckt Ali B. sein Gesicht vor dem Blitzlichtgewitter der Fotografen hinter seinen Händen. Eine Tätowierung wird an den Fingern sichtbar. Susanna und Ali B. kannten sich nach den Angaben des Angeklagten etwa drei Monate, gingen auch mal Hand in Hand spazieren.

Als Ali B. schildert, wie er die 14-jährige Susanna umgebracht hat, wird es im voll besetzten Saal des Landgerichts ganz still. Schleppend beschreibt der irakische Flüchtling den Tag im Mai letzten Jahres, wie sich das Treffen mit der Schülerin entwickelte. Im Wiesbadener Luisenforum habe sich nachmittags eine Gruppe Jugendlicher getroffen, darunter sein jüngerer Bruder und Susanna, die sich länger und besser gekannt hätten.

Seine Mutter habe die Brüder per Telefon nach Hause zum Essen beordert, und Susanna habe sie dorthin begleitet. Nach einem Trinkgelage am späteren Abend bei einem Bekannten, bei dem das Mädchen einen Becher Wodka getrunken haben soll und Ali und der Bekannte den Rest der Flasche geleert hätten, begaben sich Susanna und Ali B. seinen Schilderungen zufolge auf die Felder bei Erbenheim.

Die Staatsanwaltschaft wirft Ali B. in ihrer Anklageschrift vor, Susanna erst vergewaltigt und dann ermordet zu haben. Mordmotiv: Heimtücke zum Verdecken der Tat. Dass er das Mädchen erwürgt hat, gesteht der 22-Jährige. Die Vergewaltigung bestreitet der in grauer Hose und mit grauem T-Shirt über dem hellblauen Pullover bekleidete Iraker, wie auch schon in Aussagen nach seiner Verhaftung. Der junge Mann spricht von einvernehmlichem Sex im Gebüsch. Zunächst habe die 14-Jährige den Sexualverkehr mit ihm abgelehnt, später jedoch eingewilligt. Da Susanna anschließend gestürzt sei und sich im Gesicht verletzt und ihre Kleidung verschmutzt habe, sei sie böse geworden und habe ihm gedroht, ihn bei der Polizei anzuzeigen. Die Situation sei eskaliert. Dann sei es zu dem „Ereignis“ gekommen, wie er die Tötung des Mädchens nennt.

Im Wiesbadener Justizzentrum beginnt der Prozess gegen Ali B.

Warum Susanna sterben musste, darauf hat der 22-Jährige am Dienstag keine Antwort: „Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte“, sagt er und nennt Erinnerungslücken. „Mir wurde ganz schwarz.“ Er habe den Arm um Susannas Hals gelegt, „zwei, drei, vier Minuten“. Danach habe er ihren Puls gefühlt und festgestellt, dass sie tot sei. Er habe die Leiche in einem Erdloch verscharrt und sich aus Angst dann für einige Tage in Frankreich versteckt.

Die Staatsanwaltschaft geht von einer anderen Version des Tathergangs aus. Die aus Mainz stammende Susanna habe sich bereits während des Treffens mit dem Kumpel von Ali B. unwohl gefühlt, führt Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter im Gericht aus. Die 14-Jährige habe über ihr Handy an eine Bekannte geschrieben, dass sie Angst habe und eine Übernachtungsmöglichkeit suche. Als Susanna nach der Vergewaltigung gedroht habe, zur Polizei zu gehen, habe Ali B. sie von hinten erwürgt.

Susannas Mutter kann während der Schilderungen des mutmaßlichen Mörders die Tränen nicht zurückhalten. Ganz in Schwarz gekleidet, beobachtet die Frau mit den langen schwarzen Haaren immer wieder minutenlang Ali B., wie er den Kopf zu seinem Übersetzer gewandt seine Sicht der Dinge schildert. „Das ist sehr belastend für meine Mandantin“, sagt die Nebenklageanwältin Petra Kaadtmann. Die Mutter sei in psychotherapeutischer Behandlung und habe sich lange auf das Verfahren vorbereitet. Sie habe Angst, dass ihrer Tochter unterstellt werde, in den Sex mit Ali B. eingewilligt zu haben. Susanna habe immer darauf geachtet, in Begleitung mehrerer Personen zu bleiben, und sie habe grundsätzlich nur wenig Alkohol getrunken, führt Kaadtmann in einer Verhandlungspause vor Journalisten aus.

Susannas Hilferuf per Handy an die Bekannte blieb nach den Worten der Nebenklageanwältin Petra Kaadtmann ohne Reaktion. „Es wäre wohl die letzte Gelegenheit gewesen, ihren Tod zu verhindern.“ Dies werde zu einem späteren Zeitpunkt noch Gegenstand der Verhandlung sein.

Ali B. ist das älteste von acht Kindern und in der Stadt Zaxo im Irak aufgewachsen. Er sei fünf Jahre zur Schule gegangen und habe zwei Mal eine Klasse wiederholt, sagt er. Er habe die Schule verlassen, um beim Zoll Geld zu verdienen. Gemeinsam mit seinen Eltern, drei Schwestern und vier Brüdern reiste er auf dem Landweg nach Deutschland, weil es „Probleme mit dem IS“ gegeben habe, wie er berichtet. Er habe der Mobilmachung gegen den IS entgehen wollen.

Die Beschreibung seines Lebens in Wiesbaden vor der Tat wirft einen sonst verborgenen Blick auf die Langeweile von Flüchtlingen. Bis mittags habe er geschlafen und sei nach dem Mittagessen in die Stadt gegangen, berichtet Ali B. Dort habe er mal im Kurpark, mal im Stadtteil Sauerland oder am Hauptbahnhof Freunde getroffen. Mit einer Clique von mehreren afghanischen Jungen, der sich manchmal auch Mädchen anschlossen, sei er umhergezogen, ein Messer immer dabei.

In seiner Heimat habe er das Messer getragen wie einen Freund. Auch am Tattag steuerten die jungen Leute ziellos mehrere Stationen in der Stadt an. Seinen Deutschkurs habe er aus Frust abgebrochen. „Alle konnten schon schreiben, nur ich nicht“, erzählt er. Er habe auch eine russische Freundin gehabt, der er nicht von Susanna erzählt habe.

Angeklagt ist Ali B. nicht nur wegen Mordes, er soll sich auch wegen schweren Raubes verantworten. Er soll am 27. April 2018 im Wiesbadener Kurpark gemeinsam mit einer weiteren Person einem Mann ein Messer an den Hals gehalten und ihn ausgeraubt haben. Das Opfer erlitt mehrere Verletzungen. Sein Verteidiger kündigt an, dass Ali B. dazu keine Angaben machen werde. (mit dpa)

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