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ADFC-Geschäftsführer Norbert Sanden.

Radfahren in Hessen

„Ohne sichere Kreuzungen und Straßen gibt es keine Verkehrswende“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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ADFC-Geschäftführer Sanden über den Corona-Effekt und wie er zum Vorteil aller genutzt werden kann. Jetzt, sagt er, müssen die Kommunen liefern.

Corona hat das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung geändert. Massiv profitiert hat davon der Fahrradverkehr. Jetzt liege es an den Kommunen, ob die Neunutzer im Sattel blieben, sagt Norbert Sanden, Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Hessen.

Herr Sanden, die Fahrradläden können sich nicht mehr retten vor Kundschaft. Hätten Sie sich so etwas vor Corona vorstellen können?

Den Trend, das Rad mehr nutzen, gibt es ja schon länger, insbesondere in den großen Städten. Jetzt ist es explodiert. Nicht nur für Pedelecs gibt es lange Lieferzeiten. In den Großstädten wie Frankfurt, Darmstadt ist es offenkundig. Aber selbst in kleineren Städten wie Groß-Gerau, wo ich wohne, habe ich den Eindruck, dass mehr Menschen das Fahrrad häufiger nutzen.

Zur Person

Norbert Sanden ist Diplom-Geograf und seit 1995 Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Hessen. Er vertritt die Interessen der Radler auf Landesebene leitet diverse Projekte - etwa Bike&Business. Der bundesweite Fahrradklimatest des ADFC findet im Zwei-Jahres-Rhythmus statt. Demnächst beginnt die Befragungsrunde für den Test 2020. Die Ergebnisse erscheinen im Frühjahr.

Wie kommt das?

Weil sie in der Zeit von Homeoffice ohne das lästige Pendeln mehr Freizeit haben, sich gerade in der Corona-Zeit mehr bewegen möchten und enge öffentliche Verkehrsmittel aus gesundheitlichen Gründen meiden.

Der ADFC hat versucht, dies mit „Pop-up-Aktionen“ noch zu pushen. Was ist damit gemeint?

Pop-up Bike-Lanes heißen schnell errichtete Radwege. Mit unseren Aktionen wollten wir zeigen, wie Kommunen mit einfachen Mitteln, ohne große Tiefbauarbeiten, eine zusätzliche Infrastruktur für den Radverkehr schaffen können. Es sind lediglich Markierungen notwendig, Poller. Das ist relativ schnell zu machen. Wir wollten darauf hinweisen, dass mehr Platz benötigt wird, wenn mehr Rad gefahren wird. Und dass der Radverkehr sicherer werden muss.

Diese Aktionen gab es in mehreren Städten in Hessen. Was haben Sie erreicht?

In der Öffentlichkeit sind sie gut angekommen. Insofern waren wir erfolgreich damit, das Bewusstsein zu stärken, dass der Radverkehr mehr Platz im Straßenraum benötigt. Aber die Kommunen haben sich sehr schwer getan, tatsächlich solche Radwege schnell einzurichten. Darmstadt hat unsere Idee vor einigen Tagen allerdings aufgegriffen.

Wieso ist mehr Platz im Straßenverkehr so elementar für die Förderung des Radverkehrs?

Gerade jene Menschen, die jetzt erstmalig oder häufiger Radfahren, müssen sich sicher fühlen, um dabei zu bleiben. Wenn sie konfrontiert werden mit der häufig miesen Situation in den Städten, besteht die Gefahr, dass sie wieder vom Rad absteigen und in das Auto einsteigen. Es gab ja wegen Corona diese sehr starke Bewegung vom öffentlichen Nahverkehr hin zum Auto.

Wie relevant ist das Sicherheitsgefühl für Fahrradfahrer?

Das lässt sich gut aus dem ADFC-Fahrradklimatest 2018 ablesen. Auch die Städte in Hessen haben bei der bundesweiten Benotung in Schulnoten lediglich eine vier bekommen. Das heißt, die Bedingungen waren schon vor Corona nicht gut. Dreiviertel der Befragten sagten, dass man Kinder nur mit schlechtem Gefühl allein fahren lassen kann. In den Großstädten waren es sogar 85 Prozent. Das ist ein verheerendes Urteil, aber wo bleiben die Lösungen?

Was sind die Gründe für dieses Unsicherheitsgefühl?

Hindernisse auf dem Radweg, insbesondere Falschparker. Anstatt konsequent abzuschleppen, werden sie von den Kommunen meist toleriert. Aber auch schlechte und zu schmale Radwege. Die fehlenden Abstände zum Autoverkehr verursachen Angstgefühle. 81 Prozent wollen lieber vom Autoverkehr getrennt fahren. Bei den Frauen sind es sogar 86 Prozent.

Was kann Politik unternehmen, damit der Corona-Boom weiter anhält?

Wenn Kreuzungen und Straßen nicht sichererer gestaltet werden, wird es auch keine Verkehrswende geben. Diebstahlsichere Parkmöglichkeiten fehlen – an Bahnhöfen, in Einkaufszentren. Wichtig sind auch Radschnellwege für Pendler. Inzwischen gibt es sehr viel Know-how und so viel Geld von Bund und Land für die Förderung des Radverkehrs wie noch nie. Die große Lücke klafft jetzt zwischen den Anstrengungen des Bundes und des Landes Hessen auf der einen und den Kommunen auf der anderen Seite. Sie nutzen die guten Rahmenbedingungen noch viel zu wenig, sie müssten jetzt aber schnell in die Gänge kommen. Wir sind davon überzeugt, dass mehr Radverkehr ein Gewinn für alle ist.

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