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Fachkräftemangel: „Die Menschen stehen nicht unbedingt Schlange, um in Deutschland zu arbeiten“

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Von: Timur Tinç

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Wer in der Frankfurter Ausländerbehörde in der Kleyerstraße etwas erreichen will, braucht viel Geduld.
Wer in der Frankfurter Ausländerbehörde in der Kleyerstraße etwas erreichen will, braucht viel Geduld. © Renate Hoyer

Stefan Hoehl von der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände über die Probleme mit Ausländerbehörden und die Forderung nach einer zentralen Immigrationsstelle für Fachkräfte.

Herr Hoehl, in Frankfurt sind 15 000 E-Mails bei der Ausländerbehörde nicht bearbeitet. Auch in anderen Kommunen gibt es Probleme. Welche Sorgen und Nöte teilen Ihnen die Unternehmen mit?

Die Erfahrungen sind unterschiedlich. Über einige Ausländerämter haben wir die Aussage, dass die Mitarbeiter weder per Telefon noch per E-Mail erreichbar sind. Am ehesten noch per Fax. Die Verfahren dauern monatelang, teilweise bis zu einem Jahr. In vielen Fällen so lange, dass der Arbeitsplatz nicht mehr offen gehalten werden kann oder die Arbeitskraft das Land aufgrund fehlender Aufenthaltserlaubnis wieder verlassen muss.

Wo gibt es besondere Probleme?

Konkret genannt werden uns die Ausländerämter Frankfurt und Wetteraukreis.

Welche Forderungen gibt es seitens der Unternehmen, die an Sie weitergetragen werden?

Aus Sicht der Wirtschaft ist es unglaublich wichtig, dass die Ausländerämter und die anderen beteiligten Behörden – die Visastelle im Ausland, die Anerkennungsstelle für Qualifizierungen, wenn es um Fachkräfte geht, und die Bundesagentur für Arbeit – schneller arbeiten. Es läuft furchtbar schleppend. Von außen kann man nicht immer sagen an wem es liegt. Bei den Ausländerbehörden ist auffällig, dass sie die Servicefunktion, die sie haben müssten beim Thema Arbeitsmarkt- und Fachkräftezuwanderung, längst nicht so gut erfüllen, wie wir es bräuchten.

Welche Folgen hat das ?

Unbesetzte Arbeitsplätze bedeuten einerseits, dass Produktivität und Wohlstandsschöpfung nicht stattfindet. Die Industrie, die eine wichtige Hebelfunktion hat, generiert viele Arbeitsplätze zum Beispiel für Handwerk und Dienstleistung. Ein hoher Beschäftigungsstand ist wichtig für unseren Wohlstand – Beschäftigungschancen für möglichst viele und für alle Qualifikationsstufen. Das wird massiv durch unbesetzte Arbeitsplätze verhindert. Das ist ein echter Wohlstandskiller, der auf uns zukommt, wenn wir da nicht erheblich besser werden.

Hat sich das in den vergangenen Jahren verschlimmert?

Das kann man so sagen. Das hängt auch mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 und dem Ukraine-Krieg in diesem Jahr zusammen. Natürlich sind Ausländerämter mit ihrer Doppelfunktion hoch belastet. Einerseits sind sie Abwehrbehörde und sollen illegale Immigration verhindern. Andererseits haben sie auch eine wichtige Funktion bei der Fachkräfteeinwanderung. Das ist ein ziemlicher Spagat.

Wie könnte man das besser aufteilen?

Unser Vorschlag ist seit langer Zeit, für die Aufgabe der Fachkräfteeinwanderung eine zentrale Ausländerbehörde in Hessen einzurichten. Eine Einheit, die groß genug ist, damit auch die Vertretung besser laufen kann. Das ist bei den 31 Ausländerbehörden in Hessen, die zum Teil sehr klein sind, längst nicht der Fall. Zum Teil kümmern sich ein oder zwei Leute um die Aufgabe der Fachkräfteeinwanderung. Wenn diese Personen nicht da sind, dann ist niemand mehr da, der sich auskennt. Das kann nicht sein.

Zur Person

Stefan Hoehl ist Geschäftsführer Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). Der 55-jährige Jurist ist gebürtig aus Eschwege, hat an der Universität promoviert und ist seit 2008 beim VhU. Tim/FOTO: VHU

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Wir haben im Juli ein Sozialforum zum Thema Fachkräfteeinwanderung gemacht. Da ist deutlich geworden, dass Industrie und Handwerk große Probleme haben, die IT-Berufe und auch der Gesundheitsbereich. Wir haben flächendeckend einen Arbeits- und Fachkräftemangel, der durch den demografischen Wandel immer stärker werden wird.

Wie viele Fachkräfte fehlen aktuell und werden in Zukunft fehlen, weil jetzt schon und in den kommenden Jahren immer mehr Menschen in Rente gehen werden?

Vor zwei Jahren waren es 30 000 bis 35 000 Menschen, die in Rente gegangen sind. Dieses Jahr sind es schon 50 000 und die Zahl wird immer größer werden, weil die Babyboomer-Jahrgänge den Arbeitsmarkt verlassen werden. Und es kommen erheblich weniger jüngere Leute nach. Für Deutschland werden bis 2035 sieben Millionen Arbeitskräfte zu wenig prognostiziert. Für Hessen heruntergebrochen sind das 500 000. Das ist eine dramatische Zahl.

Was müssten Land und Bund tun, um die Prozesse in den verschiedenen Behörden zu beschleunigen?

Ein ganz wesentlicher Baustein wäre eine funktionierende Digitalisierung. Das heißt, dass dieselben IT-Verfahren in allen Behörden, die beteiligt sind, angewandt werden. Dass die Ausländer eine Identifikationsnummer bekommen und dass Dokumente wie der Pass und das Zeugnis einmal ins System eingescannt werden und dann für alle Behörden zur Verfügung stehen und nicht immer neu vorgelegt werden müssen. Das Problem ist besonders ausgeprägt, wenn kommunale Behörden mit im Boot sind, die oft ihre eigenen Systeme haben. Auch in der Verwaltung von Arbeitslosengeld II ist das ein Hindernis.

In der Digitalisierung hinkt Deutschland bekanntlich weit hinterher und die Fachkräfte gehen dann in die europäischen Nachbarländer. Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Wir stehen mit allen im Wettbewerb. Die Menschen stehen nicht unbedingt Schlange, um in Deutschland zu arbeiten. Es gibt andere Länder, die schnellere, fortschrittlichere Systeme haben, wo Englisch vielleicht auch selbstverständlicher ist in der Behördensprache. Auch das ist hier ein gewisser Hemmschuh. Wir müssen alles dafür tun, um als Einwanderungsland attraktiv zu werden. Die Zuwanderungsgeschichte, die wir in den vergangenen Jahrzehnten haben, ist dadurch geprägt, dass wir zu 80 bis 90 Prozent humanitäre Zuwanderung haben und nur zu zehn bis 20 Prozent Fachkräfte. Wir haben eine ungesteuerte, unqualifizierte Zuwanderung. Wir brauchen aber eine gesteuerte, qualifizierte Zuwanderung. Zumindest müssen sich die Verhältnisse deutlich ändern.

Wie soll das geschehen?

Dafür müssen wir eine Willkommenskultur in den Behörden entwickeln, die das Eintrittstor zu unserem Land bilden. Diesen Kulturwandel gerade bei den Ausländerbehörden hinzubekommen, die traditionell eine andere Aufgabe hatten und immer noch haben mit der Abwehr von illegaler Immigration, ist schwierig. Deswegen sind wir auch dankbar für die öffentliche Diskussion. Wir sind auch nicht die einzigen, die eine zentrale Ausländerbehörde für Fachkräfte fordern. Der Bundesgesetzgeber hat es ins Fachkräfteeinwanderungsgesetz geschrieben. Neun von 16 Bundesländern haben es bereits umgesetzt. Hessen aber noch nicht. Ich bin optimistisch, dass die Argumente nun neu gewogen werden.

Interview: Timur Tinç

Stefan Hoehl.
Stefan Hoehl. © VhU

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