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Der furiose Wortakrobat Jochen Malmsheimer tritt im September im Mainzer Unterhaus auf.

Jochen Malmsheimer

Von Venedig bleibt nur der Kartoffelsalat

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Ausgerechnet einen Busausflug nach Venedig schildert Jochen Malmsheimer in seinem Programm "Dogensuppe Herzogin". Wer ihn kennt, weiß, dass der furiose Wortakrobat dort nie ankommen wird.

Essen, Saufen und die Misshelligkeiten des Alltags; das sind zuvörderst die Themen, mit denen sich der Zer-Malmsheimer des deutschen Kabaretts auf der Bühne herumschlägt und dabei die abstrusesten Geschichten erfindet. Doch im zweiten Teil seines neuen Stücks „Dogensuppe – ein Austopf mit Einlage“ wird er richtig politisch. Unerbittlich schwingt er da die Verbalkeule gegen die „Generalverblödung, präsenile Allgemeinabstumpfung und zerebrale Fäulnis“ im Land, repräsentiert durch Pegida, AfD und die angeblich so sozialen Medien.

Ob sie nun Gauland, Petry oder Höcke heißen, der ohnehin zornige, vollbärtige Hühne geifert sich am Dienstag im Aschaffenburger Hofgarten in Rage gegen Rassismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, gegen Dummheit und Verdummung, die (nicht nur) nach seiner Wahrnehmung ein nie gekanntes und erwartetes Ausmaß genommen haben.

Jim Knopf statt Facebook

Schuld weist der fast 56-Jährige jedoch nicht nur dem Internet und den Medien zu. Verantwortlich macht er für die fehlende (Herzens-)Bildung bereits im Vorfeld die Schulen, aber auch die Eltern. Die fordert er auf, ihre Kinder wieder zum Lesen zu bringen, zur Phantasie, zu den Held(inn)en seiner Jugendzeit, die da hießen Jim Knopf und Lukas, Long John Silver oder Marco Polo. An die Eltern appelliert der Vater zweier Söhne, ihnen mehr Geschichten zu erzählen, wahre oder erfundene, wie er es noch heute mit Erwachsenen tut.

Denen will er diesmal weismachen, dass er sich tatsächlich von seiner Frau zu einer Gruppenfahrt mit dem Bus von Essen nach Venedig hat überreden lassen. Er, der eigenbrötlerische Wortberserker, der seinen Weg am liebsten allein (oder mit nur ganz wenigen) geht, um Sprache(n) neu zu inszenieren und damit auch noch Geld zu verdienen. Dieser laute bunte Papagei in einem Bus unter hell- bis dunkelbeigen Überlandfahrern, die sich auf dem Weg nach Italien mit selbstgebatiktem Kartoffelsalat aus der Tupperdose verköstigen? Kaum glaublich.

Absurd komische Tag- und Nachtträume

Zumindest aber gaukelt Malmsheimer genau das dem Publikum zu dessen großem Vergnügen vor. Dass der gelernte Buchhändler aber je in der Lagunenstadt anlangt, ist so wahrscheinlich als sein Berufskollege Martin Schulz im September Bundeskanzler werden könnte. Zu sehr verzettelt er sich in absurd komischen Tag- und Nachtträumen, während seine Extremitäten zwischen den Sitzen eingeklemmt langsam absterben und sein übriger Corpus durch den scharf-kalten Strahl der Klimaanlage eingefroren wird.

Nein, Malmsheimer kommt nicht nach Venedig, geschweige denn bis Eboli. Seine Geschichte verliert sich irgendwo in Niederbayern. Aber vielleicht wollte es der Satiriker so, der übrigens neben dem Wort auch gerne mit Mimik und Gestik jongliert, die an die Komikidole Laurel und Hardy erinnern. Möglich, dass er in seinem nächsten Programm doch noch ankommt – wo auch immer.

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