+
Blick in die Zukunft: Ein Besucher probiert auf der Hannover-Messe eine 3-D-Brille aus.

Gesundheit

Reise in die virtuelle Welt

  • schließen

Experten diskutieren über Chancen und Suchtgefahr der Ausflüge per Brille. Ein Moralkodex ist gefragt.

Brille aufsetzen – und in eine andere Welt entschwinden. Was nach Science Fiction klingt, ist für junge Leute wie Spieleentwicklerin Sara Lisa Vogl normal. Etwa wenn sie sich bei „Facebook spaced“ mit Freunden trifft, die auf der anderen Seite des Globus leben. Selbst deren Gesten seien in der virtuellen Realität (VR) echt. Bei aller Begeisterung ist sich die Kommunikationsdesignerin auch der Grenzen der neuen Technologie bewusst. Es sei zwar möglich, glitzernde Welten zu schaffen. „Das ersetzt aber nicht den Urlaub und das Baden im Meer“, versichert die Hamburgerin.

„Virtuelle Realität – Abtauchen war nie einfacher“ haben die Hessische Landesstelle für Suchtfragen (HLS) und die Techniker-Krankenkasse die Veranstaltung überschrieben. Thema sind Chancen und Risiken der sogenannten VR-Brille, die perfekte Illusionen erzeugt. Viele der 130 Konferenzteilnehmer kämen erstmals mit dem Thema in Berührung, es gebe noch keine Daten zu Risiken, sagt HLS-Geschäftsführer Wolfgang Schmidt-Rosengarten. „Wir stehen ganz am Anfang.“ Doch angesichts der Erfahrung mit Internetabhängigkeit geht er davon aus, dass Suchtgefahr besteht.

Frank Steinicke sieht das anders: Die VR-Brille finde seit Jahrzehnten Anwendung in der Wissenschaft. Es gebe keinen Hinweis auf ein Abhängigkeitsrisiko. Der Fortschritt der Kommunikationstechnologie sei schon immer kritisch begleitet worden. Und trotzdem nicht aufzuhalten, sagt der Hamburger Informatikprofessor.

In 30 Jahren werde es keine Smartphones mehr geben, Nachrichten würden per Kontaktlinse abgerufen. Die VR-Brille sei nichts Neues: Schon lange komme sie in der Chirurgie zum Einsatz. Sie eigne sich auch in der „Konfrontationstherapie“, etwa bei Spinnenphobie oder Höhenangst. Demenzpatienten könnten an Orte gebracht werden, an denen sie sich früher wohlfühlten, ergänzt Vogl: „Das erzeugt Glücksgefühle.“

Auch in die offene Jugendarbeit hat VR-Technik Einzug gehalten. Etwa im Infocafé, einer medienpädagogischen Einrichtung der Stadt Neu-Isenburg, in der Diplom-Sozialpädagogin Beate Kremser arbeitet. Dort, sagt sie, werden die Nutzer nicht alleingelassen; ein pädagogischer Mitarbeiter betreut sie, um gegebenenfalls einzugreifen – etwa wenn sich Übelkeit einstellt. „Es müssen Umgangsformen erarbeitet werden“, sagt sie in der Abschlussdiskussion, bei der es um die Frage eines Moralkodex für den Umgang mit VR geht.

Zuvor haben Teilnehmer von virtuellem Begrapschen berichtet, auch Mord oder Vergewaltigung seien theoretisch möglich. Informatikprofessor Steinicke beruhigt die Anwesenden: „Das ist nicht das klassische Szenario.“ Gleichwohl sei ein Moralkodex derzeit in Arbeit.

Doch wer soll ihn kontrollieren? Auf die Entwickler will sich eine Suchtberaterin aus dem Hochtaunuskreis nicht verlassen. „Kinder müssen schon frühzeitig den Umgang mit Medien lernen“, fordert sie. „Das ist ein politischer Auftrag.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare