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Will maximale Aufmerksamkeit: Muhsin Senols Wahlplakat zur Oberbürgermeisterwahl.

Offenbach

OB-Kandidat wirbt mit „Haftbefehl“-Cover

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Oberbürgermeisterkandidat Muhsin Senol will Offenbachs „Babo“ werden. Der Rapper Haftbefehl reagiert entspannt auf den Ideenklau.

Muhsin Senol ist der Babo. Oder will es zumindest werden. Deshalb kandidiert der Lokalpolitiker der Wählervereinigung Neues Forum Offenbach (FNO) für die Oberbürgermeisterwahl am 10. September.

Weil ihm den „Chef“-Posten jedoch sechs andere Bewerber streitig machen, hat er sich für ein Wahlplakat entschieden, das ihm maximale Aufmerksamkeit bescheren soll. Darauf sind sein Konterfei und seine ausgestreckte Hand mit einem goldenen Schlüssel zu sehen, darüber steht: „Wähl den Babo“, also den Boss. 

Das Wort stammt aus der Sprache der Zaza, einer Volksgruppe in der Türkei. Berühmt wurde der Begriff durch den Offenbacher Rapper „Haftbefehl“, der sich mit seinem Song „Chabos wissen, wer der Babo ist“ wochenlang in den Charts hielt. Chabos sind übrigens die Untergebenen. 2013 wurde Babo zum Jugendwort des Jahres gekürt.

Tatsächlich ist Senol mit seiner Anspielung auf das neue Album des Rappers ein Überraschungscoup gelungen, der ihm die erhoffte Aufmerksamkeit der Medien bescherte, aber auch für Irritationen sorgte. Denn die Rap-Lyrik ist nichts für Zartbesaitete. Der Babo, den „Haftbefehl“ besingt, kokst, dealt, fährt Lambo und Ferrari, ist gewalttätig, wenig zimperlich im Umgang mit Frauen und sehr explizit in der Beschreibung sexueller Aktivitäten.

Schlüssel zum Rathaus statt goldene Patrone 

Davon will Senol allerdings nichts gewusst haben. Er kenne die Musik und den Text nicht. Und überhaupt: Er habe nur das CD-Cover zu dessen Album „Russisch Roulette“ nachgestellt. „Haftbefehl“, der eigentlich Aykut Anhan heißt, hält dort allerdings eine goldene Patrone zwischen den Fingern. Das gefiel Senol nicht. Denn er ist gegen Gewalt.

Wie kam es dazu, dass der Kandidat ausgerechnet auf ein in der Gang-Szene verbreitetes Motto zurückgriff? Senol, der Chef der zweiköpfigen FNO-Fraktion im Stadtparlament und Boss der Wählervereinigung ist, sagt, er habe damit die Jugend erreichen wollen. „Uns ging es um den Wiedererkennungswert des Covers“, sagt er.

Senol weist auf die sehr niedrige Wahlbeteiligung in Offenbach hin. Das habe man in seinem Wahlkampfteam diskutiert und sich gefragt, wie man die Jugend für die OB-Wahl interessieren könne. „Man muss deren Sprache sprechen, um sie an die Wahlurne zu bringen.“ So sei die Idee mit dem Plakat entstanden. „Und es hat gefruchtet“, sagt Senol. Er habe viele Mails von jungen Leuten erhalten, die ihm Fragen zur Flüchtlings- und Sozialpolitik gestellt hätten. Das zeige, dass Jugendliche, auch wenn sie Rap hörten, politisch denken könnten.

Dass der Babo in dem Song schlimme Sachen anstellt, weiß Senol inzwischen auch. Doch er versichert allen, die ihn wählen wollen, dass er nicht in der Tradition von „Haftbefehl“ stehe. Das zeige auch sein Wahlprogramm, in dem er Investitionen in Kindergärten und Schulen, eine Quote für Sozialwohnungen bei Neubauten und mehr Grün in der Stadt fordere

Der 44-Jährige Kaufmann, der in einem Dorf in Anatolien geboren wurde und mit sieben Jahren als Gastarbeiterkind nach Offenbach kam, ist nach eigenen Angaben Führungskraft bei der Besler Steuerberatungs GmbH und Geschäftsführer der Firma Besler Catering und Events. 2011 hatte Senol das Neue Forum Offenbach mitgegründet, das sich für mehr politische Teilhabe von Migranten einsetzt. Seit der Kommunalwahl 2016 hat FNO zwei Sitze. Senol ist seit vergangenem Jahr Stadtverordneter, in den 1990er Jahren engagierte er sich im Ausländerbeirat.

Zu wenig Platz für Wahlplakate 

Im OB-Wahlkampf buhlen die Kandidaten nicht nur um die Aufmerksamkeit der Wähler, sondern auch um öffentliche Plätze und Laternenmasten für das Anbringen ihrer politischen Botschaften. Geeignete Standorte sind begehrt. Denn in Offenbach treten sieben Bewerber zur OB-Wahl und 18 Parteien zur Bundestagswahl an.

Der Chef des Ordnungsamtes, Peter Weigand, hat vorgerechnet: Wenn jeder Bewerber 200 Plakate aufhängen wollte (Senol hat über 1000 drucken lassen), würden dafür 5000 Flächen benötigt. „Die haben wir nicht“, sagt er. Die Folge: Die Kontrahenten schwärzen sich gegenseitig an. Fünf Beseitigungsverfügungen hat die Behörde erlassen. Die Lokalzeitung spricht bereits vom „Plakate-Krieg“.

Den Rapper hat Senol übrigens nicht um Erlaubnis gefragt. Muss er nun Angst haben? Nein. „Haftbefehl“, der längst nicht mehr im Offenbacher „Ghetto“ wohnt, hat ganz entspannt auf den Ideenklau reagiert. Auf Facebook postete er das Babo-Wahlplakat und wünschte Senol „viel Glück bei Ihrer Kandidatur als Bürgermeister. Doch nächstes Mal kandidiere ich auch für Offenbach, und da wird Glück nicht reichen, um gegen mich zu gewinnen.“ Es folgt der Hashtag „haftiforpresident“.

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