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Ein bisschen wie bei American Beauty: Jens Hilbert nimmt ein Bad an seiner Rosenwand.

Jens Hilbert

„Nicht mehr der belächelte Außenseiter-Homo“

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Der Darmstädter Unternehmer und TV-Promi Jens Hilbert ist so schrill wie sympathisch. Lange Jahre brauchte er, bis er von der Gesellschaft akzeptiert wurde. Geholfen hat ihm dabei der Sieg bei Promi Big Brother.

Auf der Unisex-Toilette gibt es eine Wand aus Blumen, und es läuft Musik, die nach Flitterwochen auf Hawaii klingt. Überhaupt sieht man überall Blumen, wenn man durch die Flure und Räume von Hairfree in Darmstadt läuft. Für seine Instagram-Story des Tages räkelt sich Geschäftsführer Jens Hilbert im Konferenzraum so ein bisschen wie bei dieser berühmten Szene aus „American Beauty“ auf einer Wand aus Rosen. Der 39-Jährige ist sehr höflich, fast schon schüchtern, wenn man ihn trifft. Dabei hat er viel erreicht: Laut eigener Aussage ist er Millionär – und zwar dank seines Unternehmens Hairfree, das dem Wunsch von Frauen und Männern von dauerhafter Haarentfernung „mit reinem Licht“ an ungewünschten Stellen nachkommt.

Die meisten kennen den schrillen wie sympathischen Unternehmer jedoch aus diversen RTL-Formaten wie „Secret Millionaire“ oder von seinen Roten-Teppich-Auftritten im Blumenanzug neben Promi-Frauen wie Schauspielerin Mariella Ahrens oder Barbara Becker. Ein Millionenpublikum hatte er diesen Sommer, als er 14 Tage im Sat.1-Container bei „Promi Big Brother“ als Außenseiter mitmachte und als Sieger hinausging.

Er selbst sieht sich als „Sieger der Herzen“. Hinterher habe er knapp 6500 Mails bekommen. „In diesen stand sehr oft: ,Ich hätte gerne einen besten Freund wie dich’.“ Auf der Straße werde er nun nicht nur nach Selfies gefragt, sondern auch um eine Umarmung gebeten. Hilberts Stimme ist zart wie leise, seine hessische Herkunft hört man sofort heraus. „Der Jens, der Paradiesvogel, ist nur ein Teil von mir. Jetzt haben die Leute den 360-Grad-Jens gesehen, der auch im Jogger liebenswert sein kann.“ Knapp 14 000 Menschen haben ihn nun auf Facebook abonniert.

In den Container zu gehen, sei eine der schwersten Entscheidung seines Lebens gewesen, betont er: 100 Standorte, 450 Mitarbeiter, knapp 100 Investoren, musste er bedenken. „Nicht jeder findet es gut, wenn der CEO sich dann vielleicht zum Kasper der Nation macht. Ich war bereit, Investoren zu verlieren und vor Mitarbeitern als nicht mehr glaubwürdig angesehen zu sein.“ Aber warum hat er das gemacht? „Ich bin nicht des Geldes wegen reingegangen, oder weil ich mediengeil wäre. Der Hauptgrund war, meine Versagensängste zu besiegen.“ Seine Siegesprämie von 100 000 Euro wird er am 9. Dezember bei der ZDF-Gala „Ein Herz für Kinder“ spenden.

„Klar, habe ich Spaß an der Fernsehkarriere“, räumt Hilbert ein. „Vor allem habe ich aber Freude daran, dass meine Meinung endlich gehört und geachtet wird.“ Das klingt ehrlich. „Jahrzehntelang habe ich darauf hingearbeitet, nicht mehr der belächelte, dumme Außenseiter-Homo zu sein.“

In Otzberg, einem katholischen Dörfchen mit 600 Einwohnern im Odenwald, ist er aufgewachsen: „Schwuchtel“ riefen ihm seine Mitschüler bereits in der Grundschule hinterher. „Ich habe sehr gelitten. Ich dachte aber, sie hätten ja Recht. In der Tat stimmte etwas nicht mit mir. Es hat lange gedauert, bis ich mich selbst akzeptiert habe.“ Sein Vater fand es komisch, dass der Sohn mit Puppen spielen wollte. „Mein Vater kommt aus einer ganz anderen Generation. Mit 18 war Hilbert sogar bei einem Therapeuten, der versucht habe, ihm das Schwulsein auszutreiben. „Der Therapeut hat mich zu einem Lehrgang geschickt, wo ich heterosexuelles Laufen lernen sollte.“ Hilbert betont: „Wenn man als Kind so lange eine Lebenslüge eingeredet bekommt, also dass Schwulsein was Schlechtes ist, glaubt man auch selbst dran.“

Mit seinem Lebensgefährten Uli, einem Anwalt, ist er nun seit sieben Jahren zusammen. „Bis ich 28 war, hatte ich nur Beziehungen mit Frauen.“ Nicht als Alibi, wie er versichert. „Ich hatte auch Spaß am Sex mit Frauen, und es waren tolle Beziehungen. Aber ich habe gemerkt: Da ist noch ein Gefühl, eine Leidenschaft, eine Begierde, die noch tief unten schlummerte und sich immer wieder meldete.“

Auch finanziell musste er sich hocharbeiten: Der Vater war Elektriker, die Mutter hatte ein kleines, „süßes“ Solarium im Odenwald. „Als im Jahrhundertsommer 2003 acht Monate lang kein Kunde mehr kam, mussten wir sogar unser Häuschen verkaufen.“ In dem Moment entstand auch die Idee mit der Haarentfernung. „Bevor wir ganz pleitegehen, sollen wir so was auch mal machen?“, fragte ihn seine Mutter. „Mein jetziger Geschäftspartner Chris Kettern hat meine Mama mit Röhren für unser Sonnenstudio beliefert. Er hatte die Idee mit der Haarentfernung, und ich habe die Vision dann umgesetzt.“

Das erste Hairfree-Studio eröffnete Hilbert in der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt. Lief das Geschäft sofort gut? „Überhaupt nicht. Ich habe sechs Wochen lang keinen Kunden gehabt. Ich habe damals noch meine Diplomarbeit in BWL geschrieben und abends in der Diskothek Galerie und im Kingka-Beach-Club gekellnert.“ Einmal habe er dann im Parkhaus Börse Werbeflyer an die Autos geklemmt, die meisten landeten auf den Boden. „Die Leute vom Parkhaus sagten, dass sie mich verklagen, wenn ich die Flyer nicht entferne. Also habe ich Samstagnacht das ganze Parkhaus gekehrt. Die Reinigungskosten hätte ich nicht bezahlen können.“

Danach hatte er gar kein Geld mehr für Anzeigen oder Fugblätter. „Also stand ich mit meiner einzigen Mitarbeiterin auf der Fressgass‘ und habe Leute angesprochen. „Irgendwann ist man am Tiefpunkt, weil keiner zu uns wollte. Und ich dachte: ,Alle lachen dich schon aus mit der Haarentfernung‘.“

Aber dann kam seine erste Kundin, eine Hebamme. „Ich habe ihr gesagt: ‚Haben Sie ein Glück, den ganzen Tag war die Bude voll’.“ Hilbert lacht. Der Hebamme habe er das erste Paket „Oberlippe – Kinn“ verkauft. Heute nimmt das Unternehmen mit Sitz un Darmstadt nach eigenen Angaben in seinen Filialen in Deutschland, Österreich und der Schweiz jährlich mehr als 250 000 Behandlungen vor.

Jahrelang trug Hilbert knallige Outfits. „Ich habe jetzt diesen Christbaum ein wenig abdekoriert. Das heißt nicht, dass ich nicht ab und an noch einen Blumenanzug trage. Aber ich unterscheide jetzt noch mehr zwischen Können und Müssen.“ Er könne nun viel besser auffallen über seine Persönlichkeit als beim „Auf-die-12-Auftritt“. „Das hat sich auf jeden Fall verändert.“

Starkes Team

Und wie bekommt er Unternehmen und TV-Karriere zusammen? „Ich habe ein starkes Team hinter mir. Ich sage schon seit zwei Jahren nur noch ja oder nein: Ich bin operativ nicht mehr so stark involviert. Daher habe ich auch Zeit, Bücher wie ,Den Mutigen gehört die Welt‘ zu schreiben.“ Gerade verfolgt Hilbert, der seit seiner Kindheut reitet, auch den Wunsch, als Springreiter an Olympischen Spielen teilzunehmen. „Um Olympialuft zu schnuppern, war ich vor wenigen Wochen zehn Tage lang bei einem Turnier in Spanien, bei dem Olympiateilnehmer gestartet sind.“

Überhaupt bekomme „der Jensi“, der von sich gerne auch mal in der dritten Person spricht, seit „Promi Big Brother“ sehr viele Einladungen: Barbara Schöneberger interviewte ihn in der NDR-Talkshow, bei der „Bambi“-Verleihung war er, und gerade habe er einen Piloten für ein eigenes TV-Format abgedreht. „Mehr darf ich aber noch nicht verraten.“

Und Hilbert, der auch als Motivationscoach unterwegs ist, hat noch einen Traum: „Ich würde gerne eine Stiftung gründen, für die ich als Coach an Schulen gehe und den Quarterback mit der Brillenschlange zusammenbringe.“

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