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Rettete mehrere Kamele vor der Schlachtbank: Karl-Heinz Keller lebt für seine Tiere und mit ihnen.

Keller-Ranch in Weiterstadt

Gnade für Katze und Känguru

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Die Keller-Ranch in Weiterstadt bietet Exoten und Wildtieren eine Heimat. Doch der Tierhilfeverein ist finanziell am Limit. Daran ändert auch die kurzfristige Berühmtheit durch Meerschweinchen Wirbel nichts.

Lamas im Keller, Stachelschweine im siebten Stock eines Hochhauses, Affen, die ihr Leben in Gartenhäuschen fristeten, oder ein Fuchs, der im Fernsehen auftrat: Die Geschichten der Tiere, die auf der Keller-Ranch in Weiterstadt ein Zuhause gefunden haben, sind so vielfältig wie oftmals unglaublich. Und Karl-Heinz Keller kennt sie alle.

Umwuselt von einer sieben-köpfigen Horde großer und kleiner „Hofhunde“ führt der 52-jährige Vorsitzende des Tierhilfevereins Keller-Ranch über das 15.000 Quadratmeter große Areal bei Darmstadt. Es ist kein gewöhnliches Tierheim. Es ist in der Umgebung der einzige Gnadenhof, auf dem auch Exoten und Wildtiere aufgenommen werden. Ähnliche Einrichtungen gibt es ansonsten in München, Nürnberg oder im nordrhein-westfälischen Sachsenhagen. „Wir haben die größte Vielfalt“, sagt Keller und öffnet den Käfig zu Wirbel. Wirbel ist kein Exot, sondern ein Meerschweinchen – und doch eine Berühmtheit. Vier Millionen User erreichte der Verein jüngst über Facebook mit seiner Geschichte. Fast 50.000-mal wurde der Beitrag geteilt, über 9000 Kommentare gab es, die Medien standen Kopf. „Das hatten wir nicht erwartet“, sagt Keller. Man setze öfter Fundtiere ins Netz mit der Hoffnung, einen Hinweis auf den Besitzer zu bekommen. Oft gebe es kaum Reaktionen – wie kürzlich bei einem Hund, der vor der Keller-Ranch angebunden wurde.

Doch diesmal ließ die Geschichte alle mitleiden: Ein Kind sah sich gezwungen sein Meerschweinchen auszusetzen und legte etwas Kleingeld bei und einen Brief an den Finder: „Bitte helft dem Wirbel.“ Der Vater wolle nicht, dass es bei ihnen bleibe. Viele Leute boten sogar an, einen Detektiv zu beauftragen, um das Kind ausfindig zu machen, dass sein Haustier in einem Karton vor einem Altkleidercontainer im Stadtteil Braunshardt abgestellt hatte. Zahllose Anfragen für die Aufnahme des Meerschweinchen gab es. Spenden kamen in dieser Zeit allerdings nur etwa 300 Euro zusammen. Und dabei finanziert sich der 500 Mitglieder starke Verein ausschließlich über Spenden. Auch auf die Gaben von Gemüse, Obst, Fleisch und Fisch von Supermärkten und Bauernhöfen ist man angewiesen. Gerade steht eine Stromnachzahlung von 7000 Euro ins Haus, die Keller nervös macht. Denn alle Gebäude werden mit Strom geheizt. Etwa das neue Papageienhaus. Hier leben 50 Papageien und 30 Sittiche. „Wenn die Vögel zu uns kommen, sind sie immer nackt“, sagt Keller. Sie rupfen sich die Federn, weil sie falsch gehalten wurden. Neben den drei hauptamtlichen Tierpflegern darf nur Sarah Ewald in das Haus. Die 19-Jährige macht gerade ihren Bundesfreiwilligendienst hier, möchte gerne Zootierpflegerin werden und hat einen Draht zu den Vögeln. Dazu werden auf der Ranch derzeit vier Lehrlinge ausgebildet. Finanziert werde dies allein über Sponsoren, sagt Keller.

Keller erreichen immer öfter Anfragen von anderen Tierheimen für Plätze für exotische Tiere wie etwa Affen. Sie zu halten sei unter Auflagen erlaubt. Meist kommen die Tiere zur Ranch, wenn es den Haltern zu viel wird. Das Veterinäramt indes konfisziere selten Tiere. „Dann müssten sie für die Kosten aufkommen“, so Keller. Auch Wasserschweine hätte er kürzlich aufnehmen können, doch dafür sei kein Platz. Am Teich tummeln sich Möwen, Enten und Gänse.

Ziel ist es, die Wildtiere an Zoos zu vermitteln. Doch das sei schwer. „Die wollen nichts, was gestört ist. Was wir haben, ist Ausschuss“, sagt Keller und schiebt Kamel Iwan ein Stück Brot ins Maul. Hunde, Katzen und Vögel werden auch an Privatleute abgegeben. Wie Wirbel: Das Meerschweinchen ziehe bald nach Büttelborn in ein Freigehege, zusammen mit einem weiblichen Tier. Derzeit muss er sich nur noch von der Kastration erholen, der jedes Tier unterzogen wird, das auf die Ranch kommt. Andere Tiere hier sind krank, brauchen Medikamente. Viele von ihnen suchen Paten, die sich an der Finanzierung beteiligen. Zwei Esel konnten jetzt nach Berlin vermitteln werden. Ein Känguru hat Gesellschaft aus dem Darmstädter Vivarium bekommen, damit es nicht alleine ist.

Zu den Tieren, die abgegeben oder gefunden werden, kommen die, die von Tierschützern befreit wurden, etwa aus Zirkussen, Pferdehöfen oder von krankhaften Tiersammlern. Keller hat schon einiges gesehen. Spektakulär war der Fall eines Pavians, der 2008 in einem Zirkus in Mörfelden-Walldorf ein Mädchen angegriffen hatte. Auch er landete auf der Keller-Ranch, konnte aber in den Zoo nach Antwerpen vermittelt werden. Sogar einen Löwen hatte man mal für eine Nacht.

„Da muss man abgehärtet sein“, sagt der ausgebildete Metzger. Mit der Idee, Tiere aufzunehmen, ist er aufgewachsen. Schon die Eltern hielten sich Nutztiere, die zwar geschlachtet wurden, aber auch andere, die keiner mehr wollte. Keller führte dies fort und machte irgendwann das Hobby zum Beruf. Zuvor hatte er jahrelang bei Opel in Rüsselsheim gearbeitet. „Heute lebe ich wie meine Tiere in einem Holzhaus.“ Zur Finanzierung ihrer Idee verkauften er und seine Frau Jutta ihre beiden Häuser. Auch ihre beiden erwachsenen Kinder engagieren sich auf der Ranch und die sechsjährige Enkelin hat schon ihren eigenen Hund – Crisby, einen Jagddackel. Keller findet das wichtig: „Mit einem Hund lernst du Verantwortung.“

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