Kemal Koçak

Erst mal hallo an alle,

Ich hab‘ versucht, irgendetwas vorzubereiten, das ich gerne vortragen möchte. Aber vorab möchte ich einiges loswerden. Das, was vorgefallen ist, tut mir so in der Seele weh, mein Herz blutet dermaßen, ich kann das nicht in Worten beschreiben. Ihr müsst euch einfach mal vorstellen, jeder von den Angehörigen, von den Freunden, essen gerade irgendwo und haben so viele Ziele noch für den nächsten Tag, und einer kommt, der nicht so denkt wie wir, und der nicht so ist wie wir, und nimmt das Leben von den Brüdern oder den Schwestern. Ich verstehe das nicht, wie so was passieren konnte und wie so was passieren kann in unserer Stadt.

Dennoch will ich weitermachen. (...) Zu meiner Person: Ich bin seit 45 Jahren in Hanau, ich bin im St.-Vinzenz-Krankenhaus in Hanau geboren, habe die ganzen Schulen besucht, habe sie beendet mit einem Realschulabschluss. Und heute bin ich verheiratet, habe vier Kinder. Ich muss ganz ehrlich sagen: Seit dem 19.2. habe ich Angst, rauszugehen mit meinen Kindern. Ich habe Angst, dass denen was zustößt oder unseren Kindern allgemein hier in Hanau.

Ich habe hier in Hanau Familie, Freunde, deutsche Freunde, ausländische Freunde, viele Bekannte, weil, ich bin ein Hanauer. Deshalb bin ich schockiert von dem, was in der Nacht vom Mittwoch, 19.2., passiert ist. Einer der Tatorte in Kesselstadt war der Laden meines eigenen Sohnes, den ich seit einem Jahr unterstütze. Und dieser Kiosk, den wir geführt haben, war kein normaler Kiosk, wie ihr ihn kennt, wo ihr reingeht und eine Zigarette kauft und ihn nie wieder betretet. Dieser Kiosk war ein Ort der Familie, weil, diese Menschen kamen jeden Tag. Nicht, um was zu kaufen, sondern um hallo zu sagen, um mich zu umarmen (...). Und jetzt sind die alle nicht mehr da. Und ich, beziehungsweise die Angehörigen, müssen damit leben.

Mercedes. Sie hat immer ihre Meinung gesagt, sie hat sich nie was gefallen lassen. Aber sie hatte ein Herz aus Gold. Sie lächelte immer, hörte laute Musik. Immer wenn ich kam, drehte sie die Musik leiser. Und jetzt ist es ganz leise.

Ein junger selbstbewusster Mann, Ferhat Unvar. Wenn man ihn sieht, bekommt man vielleicht Angst, weil er gut gebaut ist, groß ist, aber er hatte ein Herz, dass er keiner Fliege etwas antun konnte. Der ist nicht mehr da. Ich kann sein Lächeln nicht mehr sehen.

Said Nesar. Ich kannte ihn nicht so lange. Aber immer, wenn er reinkam, lächelte er. Ich weiß, jedes Mal, wenn er reinkam, wollte er drei Capri-Sonnen und zwei Naschtüten haben.

Hamza Kurtovic. Der hat Zeit mit meinem Sohn in einem Bett verbracht. Der Sohn eines meiner besten Freunde ist weg. Der war fast nie im Kiosk, aber an dem Tag war er da, zufällig. Jetzt ist er auch nicht mehr da.

Gökhan Gültekin, die letzte Zeit mein Lebensbegleiter. Wir nannten ihn alle „Gogo“. Bei jedem Treffen und in jedem Telefonat hat er mir gesagt: Möge dich Gott beschützen. Er hatte die tiefe Erkenntnis, dass das Schicksal kommt, wie es kommen muss. Der hat es nicht verdient, einfach zu gehen, doch er ist nicht da. (...) Aber ich vermiss ihn so sehr. Ich bin durcheinander, weil ich denke, dass das alles ein Traum ist, dass ich morgen aufstehe und die sind wieder alle da.

Kalojan Welkow. Ein Nachbar, den wir immer begrüßt haben. Er hat auch eine riesige Lücke hinterlassen.

Sedat Gürbüz. Von ihm erzählt man, dass er jedem Hilfsbedürftigen geholfen hat. Und jetzt ist er auch nicht mehr da.

Vili Viorel. Einer, der immer zum Kiosk kam, einkaufen. Jedes Treffen mit ihm war ein süßes Lächeln, das wir jetzt auch nie wieder sehen werden.

Fatih Saraçoglu. Die liebsten und engsten Menschen erzählen von einem freundlichen, anständigen und höflichen Mitmenschen.

Diese Opfer sind nicht mehr unter uns. Der Mensch vergisst schnell, aber diese jungen Menschen dürfen wir nicht vergessen. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass Rassismus, Hass und Gewalt in diesen Tagen und auch in Zukunft ihre Stimme erheben. Jeder steht hier in der Verantwortung, jeder Einzelne, die Politik, der Bund, das Land Hessen, die Stadt Hanau und jeder einzelne Mitbewohner, egal wer es ist, dass das niemals wieder zugelassen wird.

So was darf in unserer Stadt, in Deutschland, niemals passieren. Wir alle hier in dieser Stadt sind Menschen und gehören zu dieser Welt, zu Europa, zu Deutschland, zu Hessen, aber auch zu Hanau. Lasst uns bitte gemeinsam gegen Hetze und Hass vorgehen. Denn die Menschen haben seit dem 19.2. Angst, Sorge, wie sie weiterleben sollen.

Jede Religion, ob es das Christentum, Judentum oder der Islam ist, strahlt eins aus: die Nächstenliebe, Barmherzigkeit zu den Menschen.

Besonders die Worte, die ich jetzt sage, sind für die oben, die am großen Hebel stehen. Ich möchte, genauso wie die Angehörigen, nicht mehr viele Worte hören. Sondern wir wollen Taten sehen. Dass etwas passiert, das so etwas nie wieder zustande kommt. Ich erzähle von mir selber, von gestern Abend.

Ich war zu Hause, es war spät, meine zwei Kinder haben geschlafen, meine Frau auch. Ich saß im Wohnzimmer. Ich habe Angst gehabt, in meiner eigenen Wohnung vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer zu gehen. Ich habe Angst gehabt. Aber ich möchte keine Angst haben. Ich bedanke mich, dass ihr zugehört habt.

Kemal Koçak

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