Ajla Kurtovic

Liebe Trauernde,

zunächst möchte ich mich bedanken, dass Sie alle heute erschienen sind, um gemeinsam um die Ermordeten Fatih, Ferhat, Gökhan, Hamza, Kaloyan, Said Nesar, Sedat und Vili zu trauern und ihrer zu gedenken. Ebenfalls möchte ich mich bei der Stadt Hanau für die große Anteilnahme und Hilfe bedanken.

Ich wurde gefragt, ob ich Hass spüre. Nein, ich empfinde keinen Hass. Ich möchte an dieser Stelle deutlich machen, dass Hass den Täter zu seiner rassistischen Tat getrieben hat. Damit liegen Hass und Rassismus sehr nah beieinander. Ich will, dass wir uns alle von Hass abgrenzen. Deutschland ist unsere Heimat. Das Land des sozialen Wohlstands und der Gleichberechtigung. Miteinander und füreinander und nicht nebeneinander und gegeneinander.

Mein Bruder Hamza wurde völlig unerwartet aus der Mitte unserer Familie gerissen. Zurückgeblieben ist grenzenloser Schmerz, eine unfassbare Leere und Fassungslosigkeit. Der Schmerz ist grenzenlos aufgrund des Verlusts meines geliebten Bruders. Es bleibt eine unfassbare Leere, weil mein Bruder das Leben meiner ganzen Familie mit Freude, Herzlichkeit und Liebe erfüllt hat. Mein Bruder hat uns immer zum Lachen gebracht, war hilfsbereit und einfühlsam. Wenn er helfen konnte, hat er ohne Erwartung einer Gegenleistung geholfen. Ihm war wichtig, dass es uns, seinen Liebsten, gut geht, aber auch Menschen, die er nicht kannte, waren ihm wichtig. So hat er sein erstes Azubigehalt für Menschen in Not gespendet. Mein Bruder war stets gut gelaunt und hat uns auch in schweren Stunden mit seiner Heiterkeit geholfen. Fassungslos bin ich darüber, dass mein Bruder aufgrund dieses schrecklichen Verbrechens nie wieder lachend und fröhlich zu unserer Haustür hereinkommen wird. Fassungslosigkeit herrscht darüber, dass nach so einer schrecklichen Tat Hass und Rassismus in der Gesellschaft und im Netz nicht aufgehört haben. Ich möchte hier keine einzelnen Beispiele nennen, um dem Hass keine Plattform zu geben.

Deswegen habe ich eine Bitte an Sie alle. Sorgen Sie, sehr geehrte Politiker, dafür, dass die Umstände dieses schrecklichen Verbrechens restlos aufgeklärt und die entsprechenden Lehren daraus gezogen werden, damit sich so eine schreckliche Tat nicht wiederholen kann. Helfen Sie, liebe Trauernde, dass wir den Hass und das Gift namens Rassismus, so wie Sie es genannt haben, Frau Bundeskanzlerin, aus unserer Gesellschaft restlos verbannen und wir alle, auch wenn wir verschiedenen Glaubensrichtungen angehören, friedlich und glücklich in unserem Land gemeinsam leben können. Dies sind wir den Ermordeten schuldig, und das ist das Mindeste, was wir tun können. Danke.

Ajla Kurtovic

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