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Toni R. wurde er von ehemaligen Parteifreunden angezeigt.

Fulda

Ex-Vorstandsbeisitzer der Jungen Alternative Hessen vor Gericht

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Toni R. soll versucht haben, dem Sprecher des antirassistischen Bündnisses einen Mord anzuhängen. Im Amtsgericht Fulda offenbart sich außerdem das Ausmaß der Grabenkämpfe in der Kreis-AfD.

Die vielleicht entscheidenden Worte in diesem Strafprozess sind für das Publikum im Fuldaer Amtsgericht nur schwer zu verstehen. Der Lautsprecher des vom Vorsitzenden Richter mitgebrachten Laptops reicht gerade so aus, um einzelne Sätze zu hören. „Ich muss da raus, es ist alles voller Blut“, sagt eine klare, männliche Stimme an einer der wenigen Stellen, in der der Redefluss nicht durch auffälliges Stottern unterbrochen wird. Es ist die Aufzeichnung eines Notrufs, der am 11. Februar 2017 um 13.11 Uhr in Fulda von einer Telefonzelle aus abgesetzt wurde. Und die entscheidende Frage lautet: Ist es die Stimme des Angeklagten Toni R.?

Die Fuldaer Staatsanwaltschaft jedenfalls geht davon aus. Sie wirft Toni R. vor, sich an jenem Februartag gegenüber der Notrufzentrale als Andreas Goerke, Sprecher des antirassistischen Bündnisses „Fulda stellt sich quer“, ausgegeben zu haben und sich – in dieser Rolle – des Mordes an Goerkes Ehefrau bezichtigt zu haben.

Der Notruf löste einen Polizeieinsatz aus, bei dem Polizisten mit schussbereiter Waffe vor der Tür der Familie Goerke standen. Die Anklage lautet auf Falschbezichtigung und Missbrauch der Notrufnummer.

Andreas Goerke befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Wochen im Mittelpunkt einer Psychoterrorkampagne, bei der Unbekannte massenhaft Waren auf seinen Namen bestellten, Feuerwehreinsätze an seinem Haus auslösten und schließlich Morddrohungen gegen seinen minderjährigen Sohn verfassten.

Täter wurden keine ermittelt, nicht mal Verdächtige. Bis auf Toni R. Der 36-Jährige aus Künzell bei Fulda war bis zum Bekanntwerden der Ermittlungen gegen ihn im vergangenen Frühjahr Beisitzer im Vorstand der Jungen Alternative Hessen – der Jugendorganisation der AfD. Der Mutterpartei gehörte er bis Ende 2017 ebenfalls an. Angezeigt wurde er von ehemaligen Parteifreunden.

Geht es nach Toni R., dann sind die Vorwürfe gegen ihn „Teil einer großen Schmutzkampagne“, eines zunächst AfD-internen Machtkampfs. Er selbst sei nur eine Art „Bauernopfer“, erklärt Toni R. Das eigentliche Ziel sei der damalige Kreissprecher der AfD, Dietmar Vey, gewesen, Initiator ein anderer ehemaliger Kreissprecher, Heiko Leimbach. Tatsächlich war es im vergangenen Jahr zu zahlreichen Streitigkeiten im Fuldaer AfD-Kreisverband gekommen, die unter anderem in der Anzeige mehrerer Mitglieder gegen Kreissprecher Vey mündeten.

Dazu zählte auch die Hauptbelastungszeugin Hiltrud B., die Toni R. im April 2018 anzeigte. Sie behauptet, dass sich Toni R. noch am Tattag am Telefon ihr gegenüber mit dem falschen Notruf gebrüstet habe. Toni R. bestreitet demgegenüber, dass es dieses Gespräch jemals gegeben habe.

Hiltrud B. ist nach wie vor AfD-Mitglied. Im Gegensatz zu Heiko Leimbach, dem ehemaligen Kreissprecher. Er erklärt, dass Hiltrud B. sich im November 2017 dem AfD-Politiker und Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann anvertraut habe.

Der Kreisvorstand der Partei habe jedoch versucht, die Angelegenheit nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, so Leimbach. Erst auf seine wiederholte Aufforderung hin habe Hiltrud B. schließlich die Polizei verständigt.

Heiko Leimbach hatte die Partei im vergangenen Jahr verlassen und sie öffentlich kritisiert. In den vergangenen Monaten war er abgetaucht. Am Dienstag allerdings soll er eigenen Angaben nach beim Abendspaziergang überfallen, zu Boden gedrückt und bedroht worden sein. Die Täter hätten ihn aufgefordert, seine Aussage, wonach er die Stimme von Toni R. auf der Aufnahme eindeutig erkannt habe, zurückzuziehen. Nach Ansicht des Angeklagten Toni R. pure Inszenierung. „Ich glaube nicht, dass dieser Überfall stattgefunden hat“, erklärt er.

Gut möglich, dass man am Ende des Prozesses immer noch nichts über den Täter weiß. Dafür umso mehr über die internen Grabenkämpfe in der Fuldaer AfD. Einen Stimmabgleich für ein forensisches Gutachten hat Toni R. verweigert. Am kommenden Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt. Dann soll auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann aussagen. Gegenüber der Polizei hatte er erklärt, sich zu „90 Prozent“ sicher zu sein, auf der Aufnahme des Notrufs die Stimme von Toni R. zu hören.

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